Kemet 1/1999

 

"Je tiens l’affaire"

Champollion und die Entzifferung der Hieroglyphen

Wenn in jeder Ausgabe von Kemet in der Sprachecke hieroglyphische Inschriften grammatisch und semantisch ganz selbstverständlich wie bei jeder anderen Sprache erklärt werden, denkt niemand daran, daß bis vor knapp 200 Jahren noch niemand in der Lage war, die Hieroglyphen zu lesen,und sie für geheime magische Symbole gehalten wurden, denn die ägyptischen Schriftzeichen waren viele Jahrhunderte lang in Vergessenheit geraten. Die letzten hieroglyphischen Inschriften wurden im Jahr 384 n.Chr. unter Kaiser Theodosius geschrieben, und um die Mitte des 5. Jh.s wurden die letzten Dokumente in demotischer Schreibschrift abgefaßt.

Dennoch übten die Hieroglyphen zu allen Zeiten eine Faszination auf die Menschen aus, so daß immer wieder Erklärungsversuche unternommen wurden. Den ersten richtigen Ansatz zur Entzifferung der Hieroglyphen lieferte der deutsche Pater Athanasius Kircher  im 17. Jh., indem er erkannte, daß das Koptische keine unabhängige Sprache, sondern den letzten Sprachstand des Altägyptischen darstellt. Doch die Bedeutung der Hieroglyphen vermochte auch Kircher  nicht zu entdecken. So blieben sie weitere hundert Jahre ein Geheimnis, bis es dem genialen französischen Gelehrten Jean-François Champollion schließlich mit Hilfe des Rosetta-Steines (s.u.) gelang, die Bedeutung der Schriftzeichen, ihre Systematik und ihr syntaktisches System zu verstehen. Dem Wissenschaftler ist nicht nur die Entzifferung der Hieroglyphen zu verdanken, sondern gleichfalls die der hieratischen und der demotischen Schrift.

Der Rosetta-Stein

Der Schlüssel zur Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphenschrift wurde 1799 bei Schanzarbeiten unter der Leitung des Offiziers P. Bouchard am Fort Julien bei Rosetta (Raschid) an der Nilmündung östlich von Alexandria entdeckt und nach seinem Fundort benannt. Nach dem Sieg der Engländer 1801 über die Franzosen wurde er als Kriegsbeute nach England gebracht und ist dort seit 1802 im British Museum zu bewundern. Zuvor jedoch hatten die Franzosen mehrere Kopien der Inschriften des Steines angefertigt und den Gelehrten für ihre Arbeit zur Verfügung gestellt.

Das Steinfragment besteht aus schwarzem Basalt, ist 118 cm hoch, 77 cm breit, 30 cm tief und wiegt 762 kg.
Auf dem Stein wurden Inschriften in zwei Sprachen und mit drei Schriften eingemeißelt: Hieroglyphen (oben), Demotisch (in der Mitte) und Griechisch (unten). Ein großer Teil des hieroglyphischen Textes ist verloren. Der Inhalt der Inschriften ist identisch: Es handelt sich um ein Dekret der ägyptischen Priestersynode in Memphis vom 27. März 196 v.Chr., Regierungszeit des Königs Ptolemaios V Epiphanes. Darin werden den ägyptischen Tempeln viele Sonderrechte zugestanden und die Ehrenbezeugungen geregelt, die dem regierenden Pharao zu erweisen waren. Wichtig für die Entschlüsselung der Hieroglyphen war, daß der Name des Königs an mehreren Stellen erwähnt wurde.
Im letzten Satz des Textes werden die Sprachen bzw. Schriften, in denen der Text des Dekrets auf der Stele niedergeschrieben werden sollte, explizit erwähnt: "Das Dekret soll auf eine Stele aus Hartgestein mit den heiligen, den volkstümlichen und den griechischen Schriftzeichen geschrieben werden." Diese Aussage war, da sie auch in Altgriechisch abgefaßt ist (und somit von den Gelehrten verstanden wurde), für die Entzifferung der Hieroglyphen von entscheidender Bedeutung, denn nun wußte man, daß alle drei Texte denselben Inhalt hatten

 

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Der Rosetta-Stein, Kopie im Ägypt. Museum Kairo

Jean-François Champollion

Jean-François Champollion, der Sohn eines Buchhändlers, wurde am 23. Dezember 1790 in Figeac im Südwesten Frankreichs geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein älterer Bruder Jacques-Joseph, der eine Vorliebe für Bücher, Philosophie und den Orient hatte, gab diese Leidenschaft an seinen jüngeren Bruder weiter.

Sein erster Lehrer, ein Priester in Figeac, unterrichtete den jungen Jean-François in Latein, Griechisch, Botanik und Astronomie. Anschließend veranlaßte sein Bruder, der als Sekretär für den Physiker und Ägyptenkenner Joseph Fourier, den Präfekten in Grenoble, tätig war, daß er die Schule des Abbé Dussert in der Dauphiné besuchte, wo er die orientalischen Sprachen lernte. 1802 wechselte er in das Gymnasium von Grenoble über. Bei dem Arbeitgeber seines Bruders, Fourier, sah er zum ersten Mal ägyptische Inschriften, die ihn sofort in ihren Bann zogen, so daß sein Entschluß feststand, die Hieroglyphen zu entziffern.

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Jean-François war kein besonders guter Schüler, er war undiszipliniert und zeigte kein großes Interesse für den "normalen" Unterrichtsstoff. Lediglich die orientalischen Sprachen vermochten seinen Lerneifer zu entfachen, und er erlernte sie mit Leichtigkeit und großer Begeisterung.Wegen seiner außerordentlichen Sprachbegabung meldete ihn sein Bruder 1807 in der Ecole des langues orientales (Schule für orientalische Sprachen) in Paris an. Dort lernte er Persisch, Sanskrit und Arabisch.

Schließlich begegnete Jean-François Champollion dem koptischen Priester Cheftitchi, der mit der ägyptischen Expedition Napoleons nach Frankreich gekommen war. Er brachte ihm die Anfänge der koptischen Sprache bei, und daraufhin setzte Champollion seine Studien autodidaktisch fort. Die Kenntnisse des Koptischen erleichterten es ihm, die Hieroglyphen zu entziffern. Champollion war äußerst sprachbegabt, so daß er bereits im Alter von 25 Jahren zehn Sprachen beherrschte.

Schon 1809, mit 18, erhielt er eine Stelle als Assistenzprofessor für Geschichte an der Universität Grenoble. 1814 veröffentlichte er seine Arbeit "L’Egypte sous les Pharaons" (Ägypten zur Zeit der Pharaonen), dessen besondere Bedeutung darin besteht, daß die darin auftauchenden Ortsnamen in ihrer koptischen Form angeführt sind.

Im Leben Champollions spielte Politik eine große Rolle. Er war ein Vertreter des liberalen Bürgertums und wurde daher nach der Niederlage von Waterloo ebenso wie sein Bruder seines Amtes enthoben. Beide Brüder waren gezwungen, Grenoble zu verlassen und in ihren Heimatort Figeac zurückzukehren.

1817 durfte Champollion nach Grenoble zurückkehren und seine Forschungen wieder aufnehmen. Sein Bruder ging nach Paris und wurde dort Mitarbeiter von Bon-Joseph Dacier, dem ständigen Sekretär der Académie des inscriptions et belles-lettres (Akademie der Inschriften und der Belletristik).

Anfang 1821 geriet Champollion in ernste Schwierigkeiten, da er sich an einem bonapartistischen Putsch beteiligte. Er verlor wiederum seine Stellung und verließ am 20. Juli 1821 Grenoble und ging zu seinem Bruder nach Paris, stellenlos und schwer krank. Doch er hatte Glück und wurde von dem Duc de Blacas, einem Liebhaber und Sammler orientalischer Kunst, unterstützt, so daß er weiter an der Entschlüsselung der Hieroglyphen arbeiten konnte, bis ihm am 22. September 1822 der entscheidende Schritt gelang: das Rätsel der Hieroglyphen war gelöst.

Durch die Vermittlung seines Gönners, des Duc de Blacas, erhielt Champollion ein Stipendium, um die Sammlung Drovetti in Turin (Italien) zu studieren. Als er dort am 7. Juni 1824 eintraf, wurde er ehrenvoll empfangen. In Turin setzte er seine Arbeit fort, verifizierte und vervollständigte seine Theorie des Hieroglyphensystems. Dort entdeckte er auch Papyrusfragmente in hieratischer Schrift, die sich als die berühmte Königsliste von Turin herausstellten. Obwohl der König von Italien ihm einen Lehrstuhl an der Universität anbot, kehrte Champollion Ende 1825 nach Frankreich zurück. 1826 wurde er von der französischen Regierung wiederum nach Italien geschickt, um die Vorbereitungen für den Transport der von dem englischen Konsul Salt angekauften ägyptischen Sammlung zu treffen. Während seines Aufenthalts in Italien verliebte er sich in die Schriftstellerin Angelica Palli aus Livorno. Ende Oktober desselben Jahres kehrte er nach Paris zurück. Am 15. Mai 1826 wurde im Louvre eine Abteilung für ägyptische Kunst eingerichtet, zu deren Direktor Champollion ernannt wurde.

Champollion wurde für seine Arbeit nicht nur bewundert, sondern hatte u.a. in dem Archäologen Gustav Seyffarth und dem Orientalisten Klaproth scharfe Gegner seiner Theorie der Hieroglyphen, erhielt allerdings von den Brüdern Wilhelm und Alexander von Humboldt starke Unterstützung gegen diese Kritiker.

Im Jahr 1828 erfüllte sich endlich Champollions Traum, nach Ägypten zu reisen. Mit einer französisch-toskanischen literarischen Mission erreichte er am 18. August 1828 Alexandria. Ziel dieser Mission war es, die ägyptischen Denkmäler zu erforschen und zu registrieren sowie das Entzifferungssystem der Schriftzeichen vor Ort zu überprüfen. In seinem berühmten Brief an M. Dacier vom 1. Januar 1829, den er am zweiten Katarakt geschrieben hat, bestätigte er die Korrektheit seiner Entzifferung. Erst am 5. März 1830, nach fast zwanzigmonatigem Aufenthalt in Ägypten, kehrte Champollion nach Paris zurück.

Am 12. März 1831 wurde für ihn der erste Lehrstuhl für Ägyptologie am Collège de France eingerichtet. Doch lange konnte er dieses Amt nicht ausüben, da er bereits am 4. März 1832 im Alter von nur 42 Jahren starb.

Nach seinem Tod wurden seine Notizen und Textabschriften veröffentlicht: in den Jahren von 1835 bis 1845 die "Monuments de l’Egypte et de la Nubie" (Denkmäler Ägyptens und Nubiens) in 4 Bänden mit 400 Tafeln, von 1836 bis 1841 die "Grammaire égyptienne" (Ägyptische Grammatik) und von 1842 bis 1844 das "Dictionnaire égyptien" (Ägyptisches Wörterbuch) und die "Notices descriptives" (Beschreibende Notizen).

Die Entzifferung der Hieroglyphen

Die Entschlüsselung des Altägyptischen gestaltet sich aufgrund der spezifischen Natur der schriftlichen Fixierung dieser Sprache besonders schwierig. Es ist keine reine Alphabetschrift, sondern es gibt Zeichen, die einen, zwei oder gar drei Konsonanten ausdrücken, es gibt Ideogramme (Sinnzeichen) und Determinative (Deutezeichen), und es werden keine reinen Vokale, sondern nur "Semi"-Vokale geschrieben. Darüber hinaus gibt es verschiedene Schreib- und damit Leserichtungen, die logische Zeichenfolge kann aus ästhetischen Gründen vertauscht werden, und einige Zeichen werden aus Gründen des besonderen Respekts im Schriftbild vorangestellt, wie z.B. "Gott" oder "König". Daß Wort- und Satzgrenzen nicht markiert werden, ist angesichts dieser Spezifika kaum erwähnenswert.

Wie bereits gesagt, gab es vor Champollion kaum Erkenntnisse über die Natur der altägyptischen Sprache.

Der Jesuit Athanasius Kircher , geboren 1602 bei Fulda, begeisterte sich 1628 für die ägyptischen Hieroglyphen der Sammlung von Hohenburg. 1633 lernte er Koptisch und veröffentlichte 1636 die erste koptische Grammatik "prodromus coptus sive aegyptiacus". Er stellte fest, daß die meisten der altägyptischen Namen, die von den antiken Autoren überliefert sind, mit dem Koptischen eng verwandt sind und mit dieser Sprache sogar erklärt werden können. In seinem 1643 veröffentlichtem Werk "Lingua aegyptiaca restituta" betrachtete er die koptische Sprache als einen Überrest des Altägyptischen, was einen Schritt in die richtige Richtung darstellte. Darüber hinaus erkannte er das Verhältnis zwischen dem Hieratischen und der Hieroglyphenschrift und bezeichnete die hieratischen Zeichen als "kursive Hieroglyphen".

Ein weiterer Gelehrter, der sich mit dem Altägyptischen beschäftigte, war der Abbé Barthélemy (1716-1795). Er betonte die Bedeutung der koptischen Sprache für das Altägyptische und fand heraus, daß die Namen der Könige immer in Kartuschen geschrieben sind.

Carsten Niebuhr, der Erforscher Arabiens, stellte 1761 fest, daß die Zahl der Hieroglyphen relativ gering ist, so daß es unmöglich ist, daß jedes Wort durch ein besonders Zeichen dargestellt werden kann. Auch er bestätigte, daß man mit Hilfe des Koptischen die Hieroglyphen lesen kann. Etienne de Quatremère bewies 1800 unwiderlegbar die Verwandtschaft zwischen dem Koptischen und dem Altägyptischen, eine Erkenntnis, die auch der Däne Zoëga teilte.

Der französische Orientalist Silvestre de Sacy versuchte 1802 ohne großen Erfolg, den demotischen Text durch einen rein graphischen Vergleich des griechischen Textes mit seinem demotischen Pendant auf einer Kopie des Rosetta-Steines zu entziffern und übergab seine Kopie dem Schweden Åkerbald. Dieser konnte aufgrund seiner Kenntnisse des Koptischen nach zwei Monaten alle Namen in dem demotischen Text lesen. Außerdem erkannte er einige Wörter sowie das Personal- bzw. Possessivpronomen f (er, sein) im Demotischen und veröffentlichte seine Ergebnisse in der "Lettre à M. de Sacy". Er beging jedoch den Fehler anzunehmen, daß die demotische Schrift eine reine Buchstabenschrift war.

Dem bekannten Physiker Thomas Young von der Königlichen Wissenschaftlichen Akademie von England, der sich ebenfalls um die Entzifferung der Hieroglyphen bemühte und einige Erfolge dabei erzielte, wäre es möglicherweise gelungen, das Rätsel der Hieroglyphen zu lösen, wenn er die koptische Sprache beherrscht hätte. 1814 begann er in seiner Freizeit mit der Entzifferung der Hieroglyphen und entzifferte Teile einiger Königsnamen auf dem Stein von Rosetta. Schließlich konnte er Begriffe, die mehrfach im Text auftauchten wie z.B. König, Tempel, Ägypten etc. sowohl in dem demotischen als auch in dem hieroglyphischen Text identifizieren, ohne jedoch die Struktur der Schrift zu erfassen. Außerdem stellte er fest, daß beide Schriften eine ähnliche Aufteilung aufweisen, d.h. er vermutete, daß die demotische Schrift eine Kurzform des Hieroglyphischen ist. Außerdem fand er auch die Pluralschreibung durch drei Striche oder die dreifache Wiederholung des entsprechenden Zeichens heraus. 1818 veröffentlichte er in der Encyclopaedia Britannica ein Lexikon des Altägyptischen, bestehend aus 204 Schriftzeichen (davon 50 korrekt) und 14 Hieroglyphenzeichen mit phonetischer Lesung, von denen die Hälfte richtig war. Doch weiter kam er nicht, und so gab er später auf.

Das Verdienst, die Hieroglyphen entschlüsselt zu haben, gebührt zweifellos Jean-Françios Champollion. Er war überzeugt, daß die koptische Sprache der Schlüssel zum Altägyptischen ist. Seit 1808 versuchte er, Übereinstimmungen zwischen der koptischen und der demotischen Schrift herauszufinden. Durch den Vergleich vieler Inschriften konnte Champollion die Weiterentwicklung der Hieroglyphenzeichen bis zu der von ihm "hieratisch" genannten Schrift verfolgen und aus dieser die demotische Schrift ableiten. Ohne die Bedeutung der Zeichen zu kennen, war er in der Lage, hieroglyphische Texte paläographisch ins Hieratische und Demotische zu transkribieren und umgekehrt. Diese Vorarbeiten erleichterten ihm anschließend die eigentliche Arbeit der Entzifferung. Am 7. August 1810 berichtete er in der Académie de Dauphiné von Grenoble von seiner Theorie, derzufolge das Hieratische aus dem Hieroglyphischen entwickelt worden sei. Allerdings glaubte er, daß Demotisch älter ist als Hieratisch und daß die Hieroglyphen aus einsilbigen Wörter bestehen, während Demotisch und Hieratisch alphabetische Schriften seien. Diese Fehleinschätzung hat er jedoch im Laufe seiner weiteren Studien korrigiert.

Ohne Zweifel stellt der Rosetta-Stein den Auslöser für die Entzifferung der Hieroglyphen und damit der altägyptischen Sprache dar. Ausschlaggebend war, daß der Name des Königs Ptolemaios sechsmal im Text auftaucht (zweimal teilweise zerstört), der sehr leicht identifiziert werden konnte, da er in einer Kartusche geschrieben ist.

1813 stellte Champollion eine sehr wichtige Überlegung an. Da im Koptischen die Pronomina mit sechs verschiedenen Endungen gekennzeichnet werden, mußte es analog dazu auch in der hieroglyphischen und demotischen Schrift derartige Endungen geben. Aus dem griechischen Text des Rosetta-Steines suchte er die Stellen heraus, wo "er" oder "sein" vorkommen. Im hieroglyphischen Text fand er an den entsprechenden Stellen eine Hornviper . Im demotischen Text erkannte er ein Zeichen, aus dem das koptische Zeichen für das Personal- bzw. Possessivpronomen der 3. Person Singular q entstanden ist. Die Entwicklung dieses Zeichens vom Hieroglyphischen ins Demotische war deutlich erkennbar.

 

Hieroglyphisch

Demotisch

Koptisch

Entwicklung des Zeichens für das Pronomen "f"

1815 wollte Champollion sein koptisches Wörterbuch und die oberägyptische Grammatik bei der Akademie drucken lassen, da sie die Grundlage für die Entzifferung der Hieroglyphen bildeten. De Sacy lehnte dies jedoch mit der Begründung ab, daß Koptisch eine "ganz junge Sprache" sei.

1818 gelang Champollion noch eine weitere grundlegende Entdeckung, als er die Inschrift des Rosetta-Steines, ähnlich wie Young, in Wörter abzuteilen versuchte. Dabei erkannte er, daß die Wortfolge im hieroglyphischen Text der des Koptischen entspricht.

Im August 1821 legte er das Ergebnis seiner Arbeit mit den ägyptischen Totenbüchern vor, an Hand derer er durch Vergleich der in Hieroglyphen geschriebenen Texte mit den mit hieratischen Zeichen abgefaßten Totenbüchern Zeichen für Zeichen nachweisen konnte, daß die hieratische Schrift nichts anderes ist als die kursive Form der Hieroglyphen. Nachdem er dies erkannt hatte, erlebte er noch im selben Jahr einen Rückschlag, denn er nahm an, daß sowohl das Hieratische als auch die hieroglyphische Schrift Bildzeichen seien und keine Phoneme enthielten. Als er aber am 23. Dezember 1821 die Hieroglyphen auf dem Rosetta-Stein durchzählte und herausfand, daß ihre Zahl (1419) die der griechischen Wörter (486) weit übersteigt, kam er zu den Schluß, daß nicht jede Hieroglyphe einem ganzen Wort entsprechen könne.

 

Die Kartuschen von Ptolemaios V auf dem Rosetta-Stein, rechts mit Zusatz

Er verglich nun die Kartusche des Ptolemaios mit seinem griechischen Schriftbild auf dem Rosetta-Stein. An drei anderen Stellen taucht der Name des Gottes Ptah als ein Epitheton zu dem Namen des Königs auf. Dadurch konnte er mit absoluter Sicherheit die ersten beiden Zeichen P und T in beiden Namen feststellen. Nun stellte sich das Problem, daß nur acht Hieroglyphen für 10 griechische Buchstaben verwendet wurden. Aber da er schon zuvor im Jahr 1813 festgestellt hatte, daß im Altägyptischen reine Vokale nicht geschrieben werden, war auch dieses Problem gelöst (im Gegensatz zu dem Versuch von Young 1819, der die Zeichen in der Namenskartusche des Ptolemaios als Buchstaben- und Silbenzeichen und sogar Zeichen ohne Lautwert wie interpretierte).

 

Young

Champollion

P

P

T

T

-

O

OLE

L

MA

M

I

Y

OS

S

Vergleich der Entzifferungsversuche von Young und Champollion

 

Um seine Hypothese zu erhärten, verglich Champollion die griechische Schreibung des Namens der Kleopatra mit den entsprechenden Hieroglyphen, da dieser Name und Ptolemaios vier gemeinsame Buchstaben besitzen: P, T, O und L. Dazu diente die hieroglyphische Inschrift eines Obelisken aus Philae, auf dessen Sockel der Name der Königin mit griechischen Buchstaben geschrieben war.

Die korrekte Lesung des Namens in der Kartusche überprüfte er mit Hilfe der Transkription ins Hieratische und Demotische und mit dem Namen der Königin auf dem demotischen Papyrus Casati.

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Namenskartusche der Kleopatra auf dem Obelisken in Philae

Nachdem er auf diese Weise bereits zwölf Alphabetzeichen identifiziert hatte, begann er, die Namen der griechischen und römischen Könige zu lesen, um weitere unbekannte Lautzeichen herauszufinden.

Als er im Sommer 1822 den Tierkreis von Dendera (heute im Louvre) analysierte, entdeckte er die Funktion der Determinative und stellte fest, daß hinter allen Bezeichnungen der Sternbilder jeweils das Zeichen des Sterns stand.

Am 14. September 1822, als er Zeichnungen mit Inschriften aus dem Tempel von Abu Simbel studierte, fand er eine Kartusche, die zwei bekannte Lautwerte   ss am Ende aufwies. Das erste Zeichen     stellt die Sonne dar, die im Koptischen RA (Re)   ra.gif (150 Byte)   heißt. Also Ra: das könnte Ramses sein, d.h. das fehlende Zeichen     könnte M heißen (hier irrte Champollion, da dieses Zeichen für die Konsonantenfolge MS steht.). Eine zweite Kartusche aus dem Tempel in Amada in Nubien enthält ein M und ein S. Das dritte Zeichen ist der Vogel Ibis, eine Darstellung des Gottes Thot, daraus folgt, daß der Name THOT-M-S heißen könnte. So erkannte er die phonetischen Elemente der hieroglyphischen Schrift.

Champollion hat nicht nur die alphabetischen Werte entziffert, sondern ebenfalls die gesamte Struktur der altägyptischen Schrift. Als ihm dies gelungen war, eilte er sogleich zu seinem Bruder ins Institut de France und rief: "Je tiens l’affaire" (Ich hab’s!) – und wurde ohnmächtig.

Namenskartuschen von Ramses (l) und Thutmosis (r)

Die Ergebnisse seiner Sprachanalyse wurden erstmalig in der "Lettre à M. Dacier" schriftlich festgehalten, die auf den 22. September 1822 datiert ist. Dieser Tag wird daher als die Geburtsstunde der Ägyptologie betrachtet, da es von nun an möglich war, die altägyptische Schrift zu lesen, die Sprache zu erfassen und somit die Ägypter selbst zu Wort kommen zu lassen. Dieser Brief enthält seine Lesungen der griechischen und römischen Königsnamen. Gegen die Behauptung, daß die phonetischen Zeichnung nur erfunden seien, um die fremden griechischen und römischen Namen zu schreiben, argumentiert er, daß die Anzahl der phonetischen Zeichen die des griechischen Alphabets weit übersteige und darüber hinaus in den alten Inschriften vorhanden seien. Er verzichtete aber in diesem Moment auf die Beweisführung.

Zusammenstellung von Königsnamen

Hieroglyphen

Hieratisch

Koptisch

 

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Menes

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Scheschonk

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Ahmosis

Beispiel aus der Grammatik von Champollion
Die Schreibrichtung des Hieratischen ist von rechts nach links

Am 27. September 1822 hielt Champollion einen Vortrag vor der Académie française und legte seine linguistischen Forschungsergebnisse dar.
Seine Erkenntnisse über die Determinative und die phonetischen Schriftelemente bewies er kurze Zeit später im "Précis du système hiéroglyphique" (Abriß des hieroglyphischen Schriftsystems).
Nachdem das Prinzip der Hieroglyphenschrift erst einmal entdeckt worden war, schritt die weitere Entzifferung der Schriftzeichen in raschem Tempo voran.

Adel Kamel

Literatur:
Fritz Hinze, Champollion - Entzifferer der Hieroglyphen, Staatliche Museen zu Berlin, Leipzig 1972
Pharaonen-Dämmerung, Edition DNA, Straßburg 1990