Kemet 1/2003

 

Thutmosis V.

 

Keine andere Periode der altägyptischen Geschichte hat in Wissenschaft, Populärpublizistik und Trivialromanen so viel Aufmerksamkeit gefunden wie die Amarna-Zeit. Der Mythos, der die Namen von Nofretete, Echnaton und Tut-anch-Amun umgibt, überstrahlt nicht nur alle anderen Protagonisten des Pharaonenreiches, sondern stellt die meisten Persönlichkeiten der Weltgeschichte in den Schatten.

Trotz einer kaum noch überschaubaren Fachliteratur zur Amarna-Zeit bleiben zentrale Fragen weiterhin unbeantwortet, da die Quellenlage lückenhaft ist. Neueste Darstellungen dieser Zeit Marc Gaboldes Beitrag zum Ausstellungskatalog Das Geheimnis des goldenen Sarges (München 2001) und Nicholas Reeves’ Echnaton – Ägyptens falscher Prophet (Mainz 2002) – haben damit freies Feld für die Entwicklung neuer Theorien und ungewöhnlicher Sichtweisen.

Die Figur des Thutmosis auf der Totenbahre

Umso wichtiger sind historische Quellen, die neue Fakten liefern, auch wenn sich dadurch nur eine kleine Lücke im lückenreichen Mosaik dieser Zeit schließt. Dem Ägyptischen Museum Berlin ist es in den letzten Jahren gelungen, zwei kleine Objekte zu erwerben, die ein besonders interessantes Problem der Amarna-Zeit betreffen, den Beginn dieser Periode, eine Frage also, die – abgesehen von der endlosen Diskussion um eine Koregenz von Amenophis III. und Amenophis IV. – in den meisten Publikationen nur kurz angeschnitten und nicht weiter thematisiert wird.

Das erste dieser Objekte ist eine kleine Skulptur aus grauem Stein, die eine mumiengestaltige Figur auf einem Bett liegend zeigt. Es ist eine Totenbahre mit Löwenbeinen und Löwenköpfen (deren einer heute fehlt); sie trägt an Kopf- und Fußende die Reliefbilder der Göttinnen Nephthys und Isis. Auf der Brust der auf dem Rücken liegenden Mumienfigur hockt ein Vogel mit Menschenkopf und breitet seine geflügelten Arme um den Leib des Toten – ein Seelenvogel also. Der Tote trägt eine kugelige Löckchenperücke mit einem geflochtenen Seitenzopf, der zur Amtstracht des Sem-Priesters gehört. Sein Gesicht zeigt – wie auch das winzige Gesicht des Seelenvogels – die typischen Züge der Zeit Amenophis’ III. Die Figur ist typologisch den Uschebtis zuzuordnen, für die auch sonst der Seelenvogel belegt ist. Aus der Grabausstattung des Tut-anch-Amun stammt ein großes Holz-Uschebti mit Seelenvogel, das auf einer Totenbahre liegt – eine direkte Parallele zu dieser kleinen Figur.

Eine senkrechte Inschriftzeile auf dem Körper der Mumienfigur und zwei Zeilen auf der Füllung unter der Bahre benennen den Toten als „Königssohn und Sem-Priester Thutmosis, den Seligen". Durch dieses Epitheton und durch die Darstellung als Mumie ist Thutmosis als Verstorbener gekennzeichnet. Ein Königssohn Thutmosis ist aus der Zeit Amenophis’ III. von mehreren anderen Quellen bekannt. Im Kairo-Museum steht der Kalksteinsarg einer Katze, den „der älteste Königssohn Thutmosis" gestiftet hat; er trägt dort die Titel eines „Sem-Priesters, Hohepriesters des Ptah" und „Obersten aller Priester von Ober- und Unterägypten".

Als „ältester Königssohn" war dieser Thutmosis zum Thron­folger seines Vaters Amenophis III. bestimmt. In seiner Funktion als Hohepriester des Ptah von Memphis war der Kronprinz Thutmosis für die Bestattung der „lebenden Wiederholung des Ptah", des heiligen Apis-Stieres, verantwortlich, für den er erstmals eine monumentale Grabstätte errichtete, eine unterirdische Grabkammer, über der sich eine Kapelle erhob. Diese Grabanlage in Saqqara, aus der sich in der Ramessiden-Zeit das Serapeum entwickeln sollte, wurde von Auguste Mariette während seiner Arbeiten am Serapeum ausgegraben, blieb aber bis auf einige Skizzen und Notizen unveröffentlicht. Aus ihr stammt ein Relief, das sich im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst München befindet und den Kronprinzen und seinen Vater Amenophis III. beim Opfer – wohl vor dem Apisstier – zeigt.

Miniatursarg mit der Totenbahre

Thutmosis, der Kronprinz, hat den Thron nicht bestiegen. Er starb vor seinem Vater Amenophis III. und wurde wahrscheinlich in Saqqara bestattet, wo Mariette in der Nähe des Serapeums Tongefäße mit dem Namen des Thutmosis gefunden hat, die wohl zu seinem Grab gehörten. Ein weiteres Objekt aus seiner Grabausstattung identifizierte die französische Ägyptologin J. Berlandini-Keller in einer Privatsammlung, einen Miniatursarg aus Kalkstein, in dessen schlecht erhaltenen Inschriften der Name des „Königssohnes und Sem-Priesters Thutmosis, des Seligen" zu lesen ist. Solche Miniatursärge finden sich nicht selten in Gräbern des Neuen Reiches und enthalten oft Uschebti-Figuren. J. Berlandini-Kellers Mitteilung an das Ägyptische Museum Berlin, sie habe vermutlich den Miniatursarg zur Berliner Thutmosis-Figur gefunden, konnte im Juni 2002 verifiziert werden. Die Thutmosis-Totenbahre passt genau in die Aushöhlungen in der Sargwanne und im Sargdeckel des Miniatursarges. Die Darstellung der Göttin Isis auf dem Fußende des Miniatursarges entspricht exakt der knienden Isis auf der Totenbahre. Dank der Hilfe des Vereins zur Förderung des Ägyptischen Museums Berlin e.V. konnte der Miniatursarg für Berlin erworben und mit der Totenbahre des Thutmosis vereinigt werden.

Wenn auch das Grab des Kronprinzen Thutmosis noch nicht gefunden ist, so erlauben doch die bislang bekannten Teile seiner Grabausstattung den Schluss, dass er nach traditionellem Ritus bestattet wurde. Seine Titel und Funktionen weisen ihn als Garanten der traditionellen Kulte aus. Als „Oberster aller Priester von Ober- und Unterägypten" war er gewissermaßen Religionsminister; mit der Anlage eines Grabes für den Apis-Stier huldigte er einem altehrwürdigen Gott, dessen Kult bis in älteste Zeit zurückreicht, und eröffnete damit eine Tradition, die – unterbrochen von der Amarna-Zeit – bis ans Ende der ägyptischen Geschichte ein Inbegriff traditioneller Tierverehrung bleiben sollte. Wäre der Kronprinz Tuthmosis seinem Vater Amenophis III. auf dem Thron gefolgt, wären monotheistische Tendenzen, die sich seit geraumer Zeit in Wort und Bild äußerten, nicht zum Durchbruch gekommen. Unter einem König Thutmosis, der als Thutmosis V. in die Geschichte eingegangen wäre, wären die Kulte der traditionellen Götter nicht unter dem Druck eines „exklusiven Monotheismus" (so die präzise Formulierung Jan Assmanns) abgeschafft worden. Die religiöse Entwicklung der Ramessiden-Zeit, dominiert von der Reichstriade Amun-Ptah-Re, hätte sich als Konsequenz aus der theologischen Situation unter Amenophis III. Jahrzehnte früher artikuliert.

Mit dem frühen Tod des Kronprinzen fällt die Thronfolge dem Zweitgeborenen zu, einem Prinzen mit Namen Amenophis, von dessen Existenz vor der Thronbesteigung nur eine einzige Inschrift zeugt, ein Siegelabdruck auf einem Weinkrug aus dem Palast Amenophis’ III. in Malkata in Theben-West. Die hohen Ämter, die der Kronprinz Thutmosis bekleidete, und seine baulichen Aktivitäten am Apis-Grab in Saqqara lassen vermuten, dass er zum Zeitpunkt seines Todes nicht mehr ganz jung war. Die bislang zur Verfügung stehenden Quellen erlauben allerdings keinerlei Aussage über das Todesdatum. Es bleibt also ungewiss, wann der Zweitgeborene, der Königssohn Amenophis, in die Rolle des Thronfolgers eintreten musste. Wenn Marc Gaboldes Vermutung zutrifft, dass der Prinz Amenophis im Alter von höchstens 10 Jahren(!) als Amenophis IV. nach dem Tod seines Vaters Amenophis III. im Jahr 1353 v.Chr. den Thron bestieg, dann erfuhr er als Kind von seiner künftigen Aufgabe.

Hatte Amenophis zu diesem Zeitpunkt bereits seine Vision des Gottes Aton, des Einzigen, entwickelt? War ihm bewusst, dass seine persönliche Gottessicht, in der sich latente Tendenzen der Zeit zur Ausschließlichkeit steigerten, durch sein künftiges Amt als Pharao als offizielle Religion sanktioniert werden würde, dass ihm sein Königsamt das Instrumentarium liefern würde, seinen Monotheismus mit radikaler Konsequenz umzusetzen?

Diese historische Konstellation, dieser Trauerfall in der Königsfamilie, der eine Revolutionierung der ägyptischen Religion auslöste, ist ein Stoff für Romane und Spielfilme. Thomas Mann hätte sich seiner mit Bravour angenommen. Naguib Mahfuz hat ihn mit feinem Gespür aufgegriffen und eindrucksvoll gestaltet. Der Ägyptologe muss es sich versagen, seiner Phantasie nachzugeben. Solange ihm nicht neue, aussagekräftige Quellen zur Verfügung stehen, aus denen sich historische Fakten ableiten lassen, sollte er Selbstdisziplin üben und der Versuchung widerstehen, sich auszumalen, was gewesen wäre, wenn der Kronprinz als Thutmosis V. Pharao geworden wäre.

Eines ist sicher: Amarna wäre nicht gebaut worden, die Büste der Nofretete gäbe es nicht, Ludwig Borchardt hätte woanders gegraben und das Ägyptische Museum Berlin wäre ohne James Simons Schenkung der ihm durch die Fundteilung der Amarna-Grabung zugefallenen Kunstwerke nicht das, was es heute ist. Der Kronprinz Thutmosis hat durch seinen frühen Tod nicht nur die Geschichte Altägyptens nachhaltig verändert, sondern in Berlin auch Museumsgeschichte gemacht.

Dietrich Wildung