Kemet 1/2007

 

Ramessidische Schlachtenreliefs am Tempel von Luxor

 

Ägypten und die Hethiter

Entstehung einer Erzfeindschaft

 

Pylon

Westwand nördlicher Teil

Ostwand zwischen Pylon und Moschee

Westwand südlicher Teil

Zur Zeit der großen Feldzüge und Expansionsbestrebungen unter Thutmosis I. (1503-1491 v.Chr.) verlief die Grenze Ägyptens im syrischen Raum vom Mittelmeer im Westen bis an den Euphrat im Osten, etwa bis Karkemisch. Unter Thutmosis III. (1479-1424 v.Chr.) waren Karkemisch, Aleppo und Alalach schon wieder verloren, und als Thutmosis IV. (1398-1388 v.Chr.) unter größten Anstrengungen einen Friedensvertrag mit König Artatama von Mitanni zustande brachte, gehörten zwar Ugarit und Qadesch noch zu Ägypten, der Rest Nordsyriens jedoch gelangte in den Machtbereich Mitannis. Während der Regierungszeit Amenophis III. (1388-1348 v.Chr.) festigten sich die Beziehungen zwischen Mitanni und Ägypten. Ein Vorstoß König Suppiluliumas von Hatti, dem Land der Hethiter, gegen Mitanni blieb erfolglos und schweißte Mitanni und Ägypten noch enger zusammen. In seinem 36. Regierungsjahr heiratete Amenophis’ III. Taduchepa, die Tochter des mitannischen Königs Tuschratta. Assur im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris war zu dieser Zeit fest in mitannischer Hand. Zur gleichen Zeit, als Suppiluliuma versuchte, gegen Mitanni vorzugehen, brachen in den ägyptischen Gebieten um Amurru südlich von Ugarit Unruhen aus, die die Ägypter in Bedrängnis brachten. Amenophis III. antwortete mit einer Gegenreaktion, die nicht von großer Schlagkraft gewesen sein kann. Es war also nicht sichergestellt, dass die eingetretene Ruhe wirklich von Dauer sein würde. Man weiß von einer Beschwerde, die besagt, dass „der (ägyptische) König sich nie sehen ließ".

Karte 1

Unter dem Nachfolger Amenophis’ III., Amenophis IV./Echnaton (1360-1343 v.Chr.), kam es wieder zu Unruhen in den syrischen Provinzen. Der hethitische Herrscher nutzte daraufhin die Gunst der Stunde und holte zu einem großen Schlag gegen Mitanni aus. Rib-Addi, der Fürst des zu Ägypten gehörenden Byblos, klagte: „Die Soldaten von Hatti verbrennen die Länder mit Feuer". Ugarit gehörte noch zu Ägypten, jedoch waren die Verbindungen nach Byblos unterbrochen. Die Lage muss verzweifelt gewesen sein, so dass Amistamru von Ugarit Echnaton um Hilfe bat. In einem der berühmten Amarna-Briefe – einer Sammlung von Tontafeln mit umfangreicher Korrespondenz – schrieb er u.a.: „…wisse, für die Sonne, meinen Herrn (Echnaton), bin ich nur ein Diener. Weiterhin, wenn nur nicht der König von Hatti mit mir Kampfhandlungen beginnt! Lass die Sonne, meinen Herrn, das Leben meiner Seele begünstigen. Lass ihn sagen ‚Das Leben der Seele […]’ Wahrlich, ich weiß, dass wenn er (der König von Hatti) das Land der Stadt von Ugarit erreicht…" (EA 45). Der Hilferuf verhallte wohl ungehört. Echnaton setzte seine Prioritäten bekanntlich sehr eigenwillig. Der Nachfolger von Amistamru, Nikmadu, hielt auf der einen Seite noch Verbindung zu Ägypten, liebäugelte jedoch – vielleicht wegen der Untätigkeit Ägyptens - auf der anderen Seite mit Hatti. Letztendlich schloss Nikmadu einen Vertrag mit den Hethitern, und Ugarit war für Ägypten verloren. Ungefähr zu dieser Zeit wurde auch Kadesch hethitisch. Noch vor Echnatons Tod wurde König Tuschratta von Mitanni ermordet. Derart geschwächt bot das Land ein gutes Angriffsziel für Assur. Der assyrische Herrscher Assuruballit strebte sogar eine Allianz mit Echnaton an, die jedoch allem Anschein nach nicht zustande kam. Der massive Angriff Assurs konnte von Mitanni noch halbwegs abgewehrt werden, und es gelang, die Assyrer zum Rückzug zu bewegen. Dies hatte jedoch schmerzliche Zugeständnisse zur Folge, nämlich die Hergabe großer Reichtümer materieller und symbolischer Art sowie die Auslieferung der Oberschicht des Landes, deren Mitglieder die Assyrer anschließend pfählten. Zum Ende der Regierungszeit Echnatons sowie seines möglichen Nachfolgers Semenchkare (Semenech-Ka-Ra) und schließlich Tut-anch-Amuns (1343-1333 v.Chr.) erlebte Mitanni dann die endgültige Niederlage gegen Assur und Hatti und schrumpfte zu einem kümmerlichen Torso zusammen. Kurz vor seinem Tod versuchte Tut-anch-Amun mit seinem General Haremhab (Hor-em-hab) – nach R. Johnson war der junge König möglicherweise sogar persönlich am Kampfgeschehen beteiligt – einen Angriff auf Qadesch, der jedoch keinen Erfolg brachte, im Gegenteil: als Antwort griff Suppiluliuma ägyptisches Hoheitsgebiet an. Die Nordgrenze Ägyptens verlief nun knapp nördlich von Byblos.

Syrer im Grab des Hor-em-hab in Saqqara

Nach Tut-anch-Amuns frühem Tod sollte ein Ereignis zum Aufflammen weiterer kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Hatti und Ägypten führen: die sog. Dachamunzu-Affäre. Eine ägyptische Königswitwe, von den Hethitern als „Dachamunzu" bezeichnet, eine lautliche Schreibung der ägyptischen Bezeichnung für Königsgemahlin Hmt njswt (hemet nisut), bat den hethitischen König schriftlich um einen seiner Söhne, den sie heiraten und damit zum König Ägyptens machen wollte, da ihr verstorbener Gemahl keine Nachkommen hinterlassen hätte und sie nicht gewillt wäre, einen ihrer Untergebenen zu heiraten. Unklar ist bisher, ob es sich bei der Verfasserin des Briefes um Nofretete oder – was wahrscheinlicher ist – um Anches-en-Amun, Große Königsgemahlin Tut-anch-Amuns, handelt. Nach längerem misstrauischen Zögern und vorheriger Entsendung eines Unterhändlers nach Ägypten schickte Suppiluliuma schließlich den Königssohn Zannanza, der jedoch noch vor oder kurz nach dem Überschreiten der ägyptischen Grenze einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Suppiluliuma startete daraufhin einen Feldzug gegen Gebiete der ägyptischen Nordprovinzen. Ägypten wurde inzwischen von dem betagten Höfling Eje (1333-1328 v.Chr.) regiert. Die kriegerischen Auseinandersetzungen hielten General Haremhab für vier Jahre in Syrien fest. Kurz nach seiner Rückkehr und seiner anschließenden Thronbesteigung (1328-1298 v.Chr.) brach in Hatti die Pest aus, der auch Suppiluliuma zum Opfer fiel. Die Hethiter machten die Ägypter für den Ausbruch der Epidemie verantwortlich. Ägyptische Kriegsgefangene sollten sie ins Land geschleppt haben. Die Seuche wütete insgesamt 20 Jahre, während dieser Zeit – also am Ende der 18. und Anfang der 19. Dynastie – hielten sich die ägyptischen Aktivitäten in Richtung Norden sicherlich in Grenzen, wenn überhaupt welche stattfanden.

Karte 2

Erst der zweite König der 19. Dynastie, Sethos I. (1296-1279 v.Chr.), befasste sich wieder mit Syrien. Neben kleineren und größeren Feldzügen, die wohl hauptsächlich dazu dienten, die Verbindungswege zu sichern, ging er auch gegen die Hapiru – einen Volksstamm nebulöser Herkunft – vor, die bereits seit längerer Zeit und in zunehmendem Maße in Kanaan Ansiedlungen überfielen, und auch gegen die Schasu, einen halbnomadischen Beduinenstamm. Sethos I. konnte sogar das hethitische Qadesch für Ägypten zurückerobern, wenn auch nur vorübergehend.

Westwand Nord – Ramses schießt Pfeile auf Dapur

 

Die syrischen Feldzüge Ramses’ II.

Nachfolger Sethos’ I. war Ramses II., der nach längerer Koregentschaft mit seinem Vater den ägyptischen Thron bestieg und im Laufe seiner langen Regierungsjahre wenigstens fünf militärische Kampagnen nach Syrien unternahm. Im Luxor-Tempel finden sich seine Kriegsberichte an den Außenwänden der inneren Umfassungsmauer – sowohl östlich als auch westlich – sowie an beiden Pylontürmen. Zum besseren Verständnis der Darstellungen soll die Geschichte der asiatischen Feldzüge Ramses’ zwar nicht bis in alle Einzelheiten, aber doch ein wenig detaillierter erläutert werden.

Westwand Nord – Dapur setzt sich mit Wurfgeschossen zur Wehr

Auch Ramses war wie seinem Vater daran gelegen, für Ägypten die Verbindungen in Richtung Norden zu sichern, insbesondere die Routen entlang des Mittelmeeres und damit den Zugang zu den Seehäfen. Im 4. Jahr seiner Regierungszeit (1279-1212 v.Chr.) führte Ramses seinen ersten asiatischen Feldzug, den man vielleicht als Vorbereitung auf die ein Jahr später folgende Schlacht von Qadesch werten kann.

Westwand Nord – Ramses schießt Pfeile auf Han[..]a

Die ägyptische Armee wand sich die syrische Mittelmeerküste entlang etwa bis nach Simyra, einem Küstenort nördlich von Byblos, bezeugt durch eine Stele in Nahr el-Kelb südlich von Byblos. Folge dieser Kampagne war, dass das hethitische Amurru – vielleicht im Glauben an ein durch die lange Pestepidemie geschwächtes und gegen ägyptische Feindseligkeiten anfälliges Hatti – abtrünnig wurde und sich wieder ägyptischer Herrschaft unterordnete. In einem späteren, frühestens nach dem 34. Regierungsjahr Ramses’ abgefassten Vertragstext zwischen Amurru und Hatti, dessen Einleitung rückblickend Bezug nimmt auf die berühmte Schlacht von Qadesch, heißt es: „Aber als Muwatalli, der Onkel Meiner Majestät [d.i. der den Vertrag schließende Tutchalija von Hatti] König wurde, begingen die Leute von Amurru eine Sünde gegen ihn, indem sie sagten ‚Wir waren freiwillig Untertanen; jetzt sind wir nicht mehr Deine Untertanen!’ Und sie gingen zum König von Ägypten über. Da kämpften Muwatalli, der Onkel Meiner Majestät, und der König von Ägypten um die Leute von Amurru. Muwatalli besiegte ihn, zerstörte das Land mit Waffengewalt und unterwarf es." Nach diesem Text zu urteilen werden nicht etwa die Ägypter und schon gar nicht der namentlich nicht erwähnte Ramses, sondern die Leute von Amurru als Sündenböcke hingestellt.

Pylon Westturm – Hethitische Spione werden verhört

Nach dem Abfall Amurrus verstärkten sich die Hethiter unter Muwatalli militärisch mit einer großen Anzahl von Verbündeten, möglicherweise, um Amurru zurückzuerobern und in der Hoffnung, die Herrschaft über noch weitere Teile Syriens zu erlangen. Nach ägyptischen Quellen schlossen sich fünfzehn mehr oder weniger bedeutende Herrscher den Hethitern an, darunter auch der noch verbliebene Rest von Mitanni. Gegen diese Ansammlung von Bundesgenossen setzte Ramses im Jahr 5, am Tag 9 des 2. Smw (zweiter Monat der Schemu genannten viermonatigen Sommer-Jahreszeit) ein Heer, bestehend aus den vier Divisionen Amun, Re, Ptah und Seth, in Bewegung. Im Westen marschierte eine fünfte Division auf, ein asiatisches Hilfskorps, nArn (hebräisch Na’arim) genannt. Ausgangspunkt war Piramesse, die ramessidische Residenz im Delta. Zunächst wurde die Küstenstraße entlangmarschiert. Nach einem Schwenk in Richtung Osten ging es weiter nach Norden und schließlich am Ostufer des Orontes entlang. Am Tag 9 des 3. Smw hatten die erste Division und der König bereits den Orontes über eine Furt südlich von Qadesch überquert, als zwei Schasu-Beduinen auftauchten, die vorgaben, den Standort des hethitischen Heeres zu kennen. Sie erklärten sich bereit, ihr Wissen den Ägyptern preiszugeben. Danach sollte Muwatalli mit seinem Heer „im Lande Aleppo nördlich von Tunip" liegen, also weit nördlich und auch noch weit entfernt von Qadesch. Dass es sich dabei um ein Täuschungsmanöver handelte, scheint den Ägyptern nicht klar geworden zu sein. Sie wiegten sich zu diesem Zeitpunkt noch in Sicherheit, und der König zog mit der ersten Division weiter, um nordwestlich von Qadesch sein Lager aufzuschlagen. Anstalten zur Gefechtsbereitschaft machte er nicht. Die zweite Division hatte inzwischen ebenfalls den Fluss überquert, die dritte und vierte waren noch ein gutes Stück entfernt.

Pylon Ostturm – Hethitscher Prinz flieht

In der Zwischenzeit waren den Ägyptern zwei hethitische Kundschafter ins Netz gegangen, die nach „schmerzhafter Befragung" schließlich zugaben, dass das Hethiterheer hinter Qadesch, also östlich der Festung in Stellung gegangen war.

Diese Information kam jedoch zu spät. Die Hethiter überquerten von Osten her den Fluss, schalteten die Truppen im Rücken des Königs aus und griffen das Lager an. Ramses war nunmehr vom Rest seines Heeres abgeschnitten und hatte große Mühe, sich aus dieser Zwangslage zu befreien. Nach seinen eigenen Darstellungen rief er Amun um Beistand an und führte den Kampf allein weiter: „Ich bezwang alle Fremdländer, ich allein, als mich meine Truppen und Wagen verlassen hatten und nicht einer sich umwandte und stehen blieb".

Westwand Süd – Die Festung Mutir

So hatte der König also die Gegner im Alleingang in die Flucht geschlagen und ließ sie dann später in seinen Aufzeichnungen lamentieren: „Das ist kein Mensch, der in unserer Mitte ist, sondern Gott Seth, groß an Kraft, Gott Baal leibhaftig. Das was er tut, sind nicht die Taten eines Menschen, sondern Taten eines Einzigartigen, der Hunderttausende bezwingt, während weder Truppen noch Wagen bei ihm sind!". Soweit die Propaganda, die in mehreren Versionen und verschiedenen Textgattungen – darunter auch einem Gedicht, dem berühmten Qadesch-Gedicht – einmal mehr, einmal weniger ausführlich an Tempelwänden verewigt wurde.

Westwand Süd – Die Festung Saruna

Tatsächlich erhielt der König Hilfe von seinen Hilfstruppen aus dem Westen, aus Amurru. Ein „Friedensangebot" – so die ägyptischen Quellen – der Hethiter, das wohl doch eher die Ankündigung des nächsten Kampfes war, ignorierte Ramses. Den Großteil seiner Truppen konnte er glücklich retten, und so zog sich „meine Majestät mit ihrem Fußvolk und ihrer Wagentruppe in Frieden nach Ägypten zurück". Muwatalli verfolgte das ägyptische Heer schließlich noch bis in die Gegend von Damaskus und hinterließ dabei eine Spur der Verwüstung. Den Hethitern war es zudem gelungen, sich Amurru wieder anzueigenen. Der Kampf um Qadesch dauerte nur wenige Tage, aber er scheint für Ägypten das alles überragende Ereignis gewesen zu sein. Warum sich Ramses von den Hethitern täuschen ließ, ist unklar. Möglicherweise hatte er bei seinem Vorstoß auf Qadesch nicht mit einem Aufmarsch der Hethiter gerechnet und erwartet, die Festung mit einem kurzen Militärschlag einnehmen zu können, während die Hethiter längst über sein Anrücken informiert waren. Sie scheinen es jedoch nicht auf eine lang andauernde Auseinandersetzung mit Ägypten angelegt zu haben, denn ihr Heer verfügte nicht über seine volle Kampfkraft. Dazu passt die Tatsache, dass bisher in hethitischen Quellen die Qadesch-Schlacht nicht als Großereignis auftaucht. Man fand auch keine Gegendarstellungen zur heroischen Propaganda von Ramses, obwohl Hattuschili, einer der Nachfolger Muwatallis auf dem hethitischen Thron und Jahre später Friedensvertragspartner von Ramses, selbst als Truppenführer an der Schlacht beteiligt war. Möglicherweise war man von hethitischer Seite zwar daran interessiert, das strategisch wichtige Qadesch nicht in ägyptische Hände fallen zu lassen und Amurru zurückzuerobern, aber nicht, sich auf lange Sicht mit Ägypten anzulegen.

Westwand Süd – Zerstörte Landschaft

Drei Jahre nach der Schlacht von Qadesch zog es Ramses wieder nach Syrien. Im Jahr 8 seiner Herrschaft marschierte er bis zur Stadt Dapur, fast 100 km nördlich von Qadesch, das er in diesem Feldzug allerdings mied. Zum Zeichen der Einnahme von Dapur – einer hethitischen Stadt – ließ er dort eine Statue von sich selbst errichten. Auch im Jahr 10 führte ihn eine militärische Kampagne bis nach Dapur, das möglicherweise wieder abtrünnig geworden war, wobei er Qadesch wiederum unangetastet ließ. Der letzte bekannte syrische Feldzug – er führte bis Megiddo – fand im Jahr 18 statt. Denkbar als Grund für die wiederholten Einmärsche wäre die Befürchtung von Seiten der Ägypter, die Hethiter könnten von Amurru aus auf ägyptisch beherrschtes Terrain zugreifen wollen.

Eine nicht genau zu datierende militärische Kampagne soll Ramses auch in das biblische Moab geführt haben. Als Beleg dafür dient ein Schlachtenrelief, das sich an der Ostwand des Luxor-Tempels zwischen dem östlichen Pylonturm und dem Aufgang zur Abu el-Haggag Moschee befindet. Dargestellt sind sieben Festungen mit Ortsnamen aus dem Qadesch-Feldzug. Eine Namensinschrift ist jedoch überschrieben, d.h. die vorherigen Ortsangaben wurden neu verputzt und durch andere ersetzt. In der ursprünglichen Inschrift befindet sich unter der Ortsbezeichnung für Schabtuna südlich von Qadesch ein Ort namens „Bwtrt im Lande Mw-j-bw" (Buteret im Lande Muibu), wobei Letzteres als Moab gedeutet wurde. Das Land Moab östlich des Toten Meeres erscheint außer in der Bibel erstmals in einer Inschrift des Moabiter Königs Mescha aus der Zeit um 900 v.Chr.

Ostwand – Korrigierte Inschrift

Die Inschrift am Luxor-Tempel wäre somit die älteste Erwähnung des Landes. Man ging bisher davon aus, dass Ramses eine Strafexpedition nach Moab und Edom durchführte, um gegen rebellische Schasu-Beduinen vorzugehen. Nach jüngeren Erkenntnissen jedoch ist es eher unwahrscheinlich, dass hier tatsächlich von Moab die Rede ist. Aus der späten Bronzezeit gibt es für Moab aus archäologischer Sicht keine Hinweise von Bedeutung. Die Gegend lag zu dieser Zeit in einer gar nicht bis spärlich besiedelten Randlage, so dass die Existenz von sieben Festungen mehr als fraglich ist. Auch die an der Tempelwand dargestellten Personen entsprechen hinsichtlich Kleidung und Frisuren eher syrisch-palästinensischen Bevölkerungsschichten als den Schasu oder gar den Moabitern. Alle sonstigen Inschriften sprechen von Festungen im nördlichen Kanaan und sind direkt oder indirekt mit den Auseinandersetzungen mit den Hethitern in den Jahren 4/5 verbunden. Stelen wurden ebenfalls nur in Nordpalästina gefunden. Bei weiteren Grabungen an der östlichen Tempelwand in Luxor trat eine Inschrift zutage, in welcher Ramses dem Herrscher von Bwtrt vorwirft, er habe sich mit den Hethitern verbündet. Dies erscheint schon aus geographischen Gründen fast unmöglich. Man kann daher annehmen, dass Mw-j-bw weiter nördlich lag und inschriftlich durch Schabtuna ersetzt wurde, womöglich deshalb, weil Schabtuna größere Bedeutung beigemessen wurde. Ein weiteres Argument gegen Moab ist die Anbringung der Reliefs am äußersten nördlichen Teil der Tempelwand. Es lässt sich nachweisen, dass Feldzugdarstellungen in der Regel nach der geographischen Lage der erwähnten Orte angebracht wurden. Moab liegt im südöstlichen Teil Palästinas.

Die Reliefs am Tempel in Luxor

Ein kompletter Schlachtenreliefzyklus besteht im Prinzip aus einer bestimmten Abfolge von Handlungen:

- König erhält von Gott Auftrag zum Feldzug

- Vorbereitung des Abmarsches

- Marsch in den Krieg

- Kampf

- Rückkehr

- Präsentation der Beute vor König

- Präsentation der Beute seitens des Königs vor Gott

Diese Abfolge ist allerdings nicht immer gegeben, zum einen durch zerstörte und damit verlorene Szenen, zum anderen durchaus gewollt: einzelne Feldzugsequenzen werden herausgegriffen und aneinandergereiht. Die Reliefs am Tempel von Luxor scheinen ein Potpourri aus den syrischen Feldzügen Ramses’ zu sein. Sie sind nicht datierbar, vielleicht wegen der vielen fehlenden Blöcke – oder weil sie vielleicht nie datiert waren? Bis auf die Szenen in der oberen Hälfte der äußeren Pylonwände waren alle Darstellungen mit großer Wahrscheinlichkeit von außen nicht einsehbar, denn der Tempel war von einer hohen äußeren Umfassungsmauer umgeben. Die breite Öffentlichkeit konnte nicht Adressat für die Reliefs sein, sondern allein die Götter. Der Zeitpunkt des Geschehens wäre dann weniger wichtig als das Geschehen selbst.

Pylon Westturm – Lagerszene

Die Reliefs gehorchen geographischen Regeln. An der Westwand beginnen sie im Norden am Pylon mit der Unterwerfung von Dapur und einem Ort, dessen Name teilweise zerstört ist. Noch lesbar ist: „im Lande Qode, in der Region Naharin"; es folgt der Ortsname „Han[…]a". Qode und Naharin (Mitanni) sind in Nordsyrien anzusiedeln, Dapur – inschriftlich als „im Lande Hatti" lokalisiert – etwas weiter südlich. An der südlichen Westwand wird zunächst Mutir und schließlich Satuna unterworfen, zwei Orte, die K.A. Kitchen tatsächlich weiter im Süden vermutet. An den Kampf um Satuna schließt sich eine bisher einzigartige Szene an: eine völlig zerstörte Landschaft mit verwüsteter Natur und einer im Zerfall befindlichen Festung. Es finden sich dort weder Mensch noch Tier und auch Text sucht man vergeblich. Man muss dieses Bild wohl als ein gespenstisches Symbol der Zerstörung einordnen, solange keine zugehörigen Texte gefunden werden. Ein Fünkchen Hoffnung bleibt, denn es befinden sich einige Blöcke mit Fragmenten von Kriegsdarstellungen im „Blockyard" vom Epigraphic Survey des Oriental Institute Chicago an der Ostseite des Luxor-Tempels, die allerdings noch zu wenig aussagekräftig sind. Es ist aber durchaus nicht ausgeschlossen, dass im Laufe der Zeit weitere Puzzleteile in Form von verbauten Blöcken irgendwo in Luxor auftauchen. Mit der zerstörten Landschaft ist die syrische Szenenfolge beendet. Die sich nun anschließenden zahlreichen Szenen sind der Qadesch-Schlacht zuzuordnen.

Pylon Ostturm – Kampfszene

Der Pylon ist – wie schon erwähnt – ebenfalls mit Reliefs dekoriert. Hier wird eine Kurzfassung der Schlacht um Qadesch dargestellt. Der westliche Turm zeigt den thronenden König, dem eine Gruppe von Untergebenen Bericht erstattet, und knapp darunter die beiden gefangengenommenen hethitischen Spione beim Verhör. Direkt daneben erscheinen der Überfall der Hethiter auf das ägyptische Feldlager mit vielen Detailhandlungen und schließlich der König in seinem Streitwagen bei der Abwehr des Angriffs. Am östlichen Pylonturm tobt die Schlacht um Qadesch. Die Festung selbst ist umgeben von den Wassern des Orontes, und wiederum erscheint Ramses, der von seinem Streitwagen aus mit Pfeil und Bogen gegen den Ansturm der Hethiter in ihren Streitwagen vorgeht und sie in den Fluss treibt. Das Umfeld dieser beiden Hauptszenen bietet ein bewegtes Bild aus durcheinanderwirbelnden Menschen und Tieren. Am unteren linken Rand wird die Dramaturgie perfekt: vor dem heranstürmenden ägyptischen König flieht ein hethitischer Prinz in seinem Streitwagen und seine Truppen folgen fassungslos.

Diese Bildergeschichte eines Kriegsberichtes muss im Gegensatz zu den innerhalb der Tempelmauern angebrachten Reliefs von außen gut sichtbar und daher für das Volk bestimmt gewesen sein, das seinen König als Bezwinger des Chaos – wohl der bedeutendste Aspekt des Königtums – erleben sollte.

Der untere Bereich der beiden Pylontürme ist mit einer Inschrift versehen, dem Qadesch-„Gedicht", mit dem Ramses vier Jahre nach der Schlacht seine Eindrücke von den Geschehnissen niederschreiben ließ. Es endet mit der Rückkehr nach Ägypten und den Worten:

Sie [die Götter] belohnen ihn [Ramses] mit Millionen Sed-Festen, so dass er für immer auf dem Thron des Re sitzen würde. Und alle Regionen und fremden Länder, die er niedergezwungen hatte, waren für immer und ewig unter seinen Schuhen."

Gitta Warnemünde, Berlin

Literatur:

Desroches Noblecourt, Chr., Ramses Sonne Ägyptens

Heinz, S. C., Die Feldzugdarstellungen des Neuen Reiches

Helck, W., Beziehungen zu Vorderasien

Kitchen, K.A., Pharao Triumphant

Ders., Ramesside Inscriptions

Klengel, H., Hattuschili und Ramses

Moran, W.L., The Amarna Letters

Müller, M., in: Egyptology at the Dawn… Seite 328 ff.

Na’aman, N., in GM 209, Seite 63 ff

Spalinger, Anthony J., War in Ancient Egypt

Mündliche Informationen vor Ort von Dr. W. Raymond Johnson, Epigraphic Survey of The Oriental Institute of The University of Chicago, Chicago House Luxor