Kemet 1/2009

 

Stadt – Land – Fluss
Zum Verhältnis zwischen Ortschaft und Nil

 

Aus der Vielzahl literarischer Zeugnisse, die aus dem Alten Ägypten überliefert sind, lässt sich eine kleine Gruppe an Texten herausfiltern, die als „Eulogie auf eine Stadt“ (laus urbis) Eingang in den ägyptologischen Jargon gefunden hat. Ihre Gemeinsamkeit ist eine „Sehnsucht nach der Heimatstadt“ und deren Ortsgott, die den Verfassern der pharaonischen Lobeshymnen vor allem dann offenbar wird, wenn sie sich in der Fremde befinden, weit entfernt von ihrem gewohnten Lebensmittelpunkt.

Das thebanische Westufer

Zu den ältesten Belegen dieser Städtecharakterisierungen gehören das Ostrakon Theben 87/173 (aus dem thebanischen Grab 87, Zeit der Hatschepsut/des Thutmosis III., 15. Jh. v.Chr.) und das Graffito 1 aus dem Grab des Sobek-hotep (thebanisches Grab 63, Zeit Amenophis’ III./IV., 14. Jh. v.Chr.). Die zahlreichen ramessidischen Quellen sind Papyrus Sallier IV, vs. 1,1–4,8 (aus Saqqara, Zeit Ramses’ II., 13. Jh. v.Chr.), Papyrus Sallier I, 8,2–7, Papyrus Anastasi III, 1,11–3,9, Papyrus Anastasi II, 10,1–11,2 (die letzten drei aus Saqqara, Zeit des Mer-en-Ptah, 13. Jh. v.Chr.), Papyrus Anastasi IV, 4,11–5,5 (aus Saqqara, Zeit Sethos’ II., 12. Jh. v.Chr.), Ostrakon Kairo CG 25766 (Zeit Sethos’ II., 12. Jh. v.Chr.), Ostrakon Elephantine 1881, Ostrakon Leipzig 8, Ostrakon Petrie 39, Ostrakon DeM 1083, Ostrakon DeM 1232, 1–2 und Ostrakon Gardiner 25 rto. (alle 12. Jh. v.Chr.). Weitere relevante Texte sind u.a. Pyramidentexte Spruch 587 (§ 1587–1606) (Zeit Pepi I./II., um 2300 v.Chr.) in Form eines Gründungsmythos, die Stele des Antef in London BM 581 (Zeit Sesostris’ I., um 1950 v.Chr.), auf der Abydos als Insel und Schutzwall angesprochen wird, Totenbuch Spruch 183 (13.-11. Jh. v.Chr.) mit einer Schilderung der „idealen“ Stadt sowie Papyrus Leiden I, 350, 2,10–15 (Anfang des 13. Jh.s v.Chr.) mit der Gleichsetzung von Stadt = mythischer Urhügel.
Lange – bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein – wurde von den ägyptologischen Forschern wie z.B. Wolfgang Helck die Existenz von Städten schlicht geleugnet. Dies ist einerseits durch die Definition von „Stadt“ erklärbar (Helck versteht sie als „Zentrum der Kultur“, das für ihn nicht nachweisbar sei), andererseits durch die wissenschaftliche Vernachlässigung siedlungsrelevanter Hinterlassenschaften, die hauptsächlich aus vergänglichem Material bestehen und wenig aufsehenerregende Funde vermuten lassen. Dank der stadtarchäologischen Forschungen in Elephantine, Amarna, Tell el-Daba und Qantir hat sich das Bild der pharaonischen Stadt inzwischen deutlich präzisieren lassen.
Renate Müller-Wollermann hat sich in ihrem 1991 erschienenen Beitrag „Präliminierungen zur ägyptischen Stadt“ erstmals in der Ägyptologie kritisch mit möglichen Definitionsmustern auseinandergesetzt. Als Grundlage diente ihr die Arbeit von Frank Kolb „Die Stadt im Altertum“ (München 1984), dessen Kriterien sie versuchsweise auf Ägypten übertrug. Die dort aufgestellten Parameter hat Detlef Franke 1994 anhand dreier Faktoren konkretisiert: Für den Ägypter, so seine These, war „die Stadt gekennzeichnet durch die Triade von [1.] Herrschafts- und Verwaltungssitz, [2.] Tempel und [3.] Felsgräber- bzw. Oberschichtnekropole“. Ursula Verhoeven zählt 2004 zu den Eigenheiten einer Stadt „ihre Bauten, die Sozialstruktur, die Lebensverhältnisse und Versorgungssituation, das Klima, die kulturellen, wirtschaftlichen und religiösen Einrichtungen“ wie auch „besondere Feste“. Wenig Wert legen alle bisherigen Abhandlungen auf eine günstige Verkehrslage von Städten, z.B. am Schnittpunkt von Wegkreuzungen, die Nähe zu fruchtbaren Böden oder zu Abbaugebieten wertvoller Rohstoffe (Renate Müller-Wollermann untersucht lediglich das Verhältnis zwischen Zentralort und Umland, nicht aber mögliche Ursachen einer Städtegründung; Detlef Franke konzentriert sich auf die Definition von Stadt als Sitz von Herrschaft und streift ihre geographische Lage hauptsächlich im religiös/ideologischen Kontext). Dabei wird – ähnlich wie in Mesopotamien – die Prosperität einer Siedlung in Ägypten wesentlich von einer nahen Flusslage abhängig gewesen sein. Drei Kategorien der Beziehungen zwischen Stadt und Fluss lassen sich nach den oben aufgelisteten Quellen erkennen:

Luxor mit dem Nil im Hintergrund


1. Die Stadt als Schutz vor Wasser: Der Aspekt des „Schutzes“ ist besonders häufig in den frühen Textstellen der Städtecharakterisierung notiert und wird durchweg motivisch mit dem Bild des Urhügels inmitten der Urflut gebildet (die Schilderung von der Weltentstehung also, als sich das Land von dem Urgewässer trennt und aus ihm herausragt). Am deutlichsten veranschaulicht dies die Anfangspassage des Leidener Amun-Hymnus (Pap. Leiden I, 350, 2,10–15), der Theben als „Prototyp“ (mtr) für generell alle Ortschaften sieht: „Wasser und Land waren in ihr [= der Stadt] beim ‚Ersten Male‘ [= während der Schöpfung]. Der Sand ist gekommen, um die Äcker abzumessen und um ihren Boden auf dem Urhügel entstehen zu lassen, damit die Erde entstehe. Als <der Name> entstanden war, fielen die Blicke auf sie, um jene Stadt mit ihrem wahren Namen zu gründen, indem man ‚Stadt‘ als ihren Namen sagt“ (Übersetzung nach D. Franke). Die gegenüber dem überfluteten Flachland auf höher gelegenem Terrain gegründete Siedlung wird in diesem Hymnus mit dem mythischen Urhügel gleichgesetzt, der sich aus der Urflut erhebt (vgl. auch die Beschreibung im „Nilhymnus“ z.B. DeM 1675 rto. 4: „Das Flachland ist ein Urgewässer“); seine Bewohner sind somit vor den reißenden Wassern des Nil während der sog. Überschwemmungszeit geschützt, was als eine der tatsächlichen Ursachen für Städteentwicklung gelten darf.
Das Bild des Urhügels tritt ebenfalls bei dem Stadtgründungsmythos des Spruches 587 der Pyramidentexte in Erscheinung. Der Gott Horus, der „mythische Prototyp Pharaos“ (D. Franke) tritt während der Weltschöpfung an die Stelle des Allherrn Atum. So wie Letztgenannter auf dem von ihm geschaffenen Urhügel den Kosmos beherrscht, regiert Horus als göttlicher König über seine eigene Schöpfung, nämlich die Stadt, der er durch seine Anwesenheit u.a. soziale Ordnung verleiht. Doch das Innewohnen eines Gottes in seinem Tempel mitten in der Stadt symbolisiert noch einen weiteren Aspekt: Zugleich mit der Gründung der Stadt hat Horus sich die Elemente untertan gemacht, die ihm dabei dienbar sind, und ihm auch nach Abschluss aller Arbeiten weiterhin unterstellt bleiben. Daher ist dem göttlichen König die Herrschaft über die Umwelt garantiert, den Nil eingeschlossen.

Sonnenuntergang über dem Nil


Ähnlich beschreibt der Hofbeamte Antef auf seiner Stele die Vorzüge der Stadt Abydos. Ausgehend vom Urhügel-Motiv ist die Stadt eine „Insel, der man sich zuwendet“ als auch ein „Mauerbezirk, den (zu bauen) der Allherr bestimmt hat“. Die Abgrenzung zum Wasser durch erhöhtes Terrain erfährt eine Steigerung durch die Anlage einer Mauer, so der Text weiter, innerhalb derer sich der Gott (im konkreten Falle ist es Osiris) niederlassen wird. Beide Faktoren, die Insellage wie die Beherbergung eines Gottes innerhalb der Schutzmauern, dessen Macht die Elemente beherrscht (vgl. Pyr. Spr. 587), machen einen großen Teil der Attraktivität von Abydos aus, so dass sich das Volk ihr zuwendet. Insellage und Mauerbezirk sind gleichfalls Merkmale eines Tempels, die der Text des Antef bei seiner Stadtbeschreibung parallel zueinander setzt. Aus der Ortschaft ist zumindest textlich somit ein überdimensionierter Tempel geworden, dem wie ein Magnet die Menschen (und vermutlich auch Güter) zuströmen.
In Fortsetzung der Antef-Stele, jedoch nun losgelöst vom Urhügel-Konzept, begegnet auf dem thebanischen Ostrakon 87/173 rto. Theben als Bollwerk: „Amun, hole mich in deine Festung! Angenehm (fühlt sich) der, den du bewachst. Verhindere, daß die Hand eines anderen auf mich fällt“ (Übersetzung U. Verhoeven), womit der Herrschaftsgedanke der früheren Quellen vom göttlichen König bzw. Gott in einer Stadt, der deren Einwohnern Schutz gewährt, zu einer universalen Macht erweitert worden ist, die über die Ortsgrenze hinausreicht.
2. Der Nil als Versorger: Im Neuen Reich (ca. 1550-1070 v.Chr.) konzentrieren sich die überlieferten, stadtbezogenen Texte hauptsächlich auf die Wiedergabe von Wohlstand, der in den verschiedenen Städten anzutreffen ist. Die Stadt ist inzwischen eine geschlossene Gemeinde geworden mit – im Vergleich zu den Jahrhunderten zuvor – höheren Bevölkerungszahlen und komplexeren Gesellschaftsstrukturen. Die Schilderung von Reichtum und Überfluss hat ihre Entsprechung in der Monumentalität der Kultbauten, die erst durch die zunehmende Flächenausdehnung der Ortschaften möglich wurden, die wiederum Anziehungspunkt für viele Menschen sind. Garant für diesen Wohlstand (an dem die unterschiedlichen städtischen Schichten jedoch in verschieden großem Umfang partizipieren) ist das Nilwasser.
In Memphis etwa sind zahlreiche Geflügelarten aus verschiedenen Seen, Überschwemmungsgebieten und Wasserreservoirs und eine üppige Vegetation beredtes Beispiel einer dort herrschenden Fülle, die der nahe Fluss hervorbringt (Pap. Sallier IV, vs. 4,3ff.).
Pi-Ramesse ist durch seine Flusslage ebenfalls reich an Ackerland, Teichen mit Fischen, Gärten mit Vögeln, Gemüse und Obst; viele verschiedene Fischsorten sind dort anzutreffen (Pap. Anastasi III, 2,2ff.).
Ganz besondere Qualitäten zeichnet das Wasser von Theben aus, das süßer als Honig sei, „man kann davon trinken bis zum Rausch“ (Ostr. Gardiner 25 rto.).
Zur Belebung der Welt bedienten sich die Götter (als Emanationen des Urgottes) verschiedener Elemente wie Licht und Luft sowie selbstverständlich auch des Wassers. So wird der thebanische Hauptgott Amun als „großer Nil“ zum Lebensspender seiner Stadt (Ostr. Theben 87/173 vs.).
3. Der Nil als Verkehrsweg: In den literarischen Zeugnissen eher versteckt zu finden, taucht der Nil mehrfach als Hauptverkehrsader zwischen Städten in pharaonischen Quellen auf. Neben der Personenbeförderung wird der Fluss auch als Handelsweg größte Bedeutung gehabt haben.
Die ausführlichste Schilderung einer Schiff-Fahrt fort von Theben nach Norden gibt das Ostrakon Petrie 39, worin der bei jeder Exkursion stets unglückliche Reisende die Sehenswürdigkeiten seines Heimatortes hervorhebt: „Theben ist neben mir, der Amuntempel in meinem Rücken und das ‚Neuland’ liegt vor mir. (Stets) ist das (Schiff) ‚Des-Gottes-Chons’ das Schiff für meinen Auftrag gewesen, jedes Mal wenn ich zu einer Reise aufgebrochen bin“ (Übers. O. Witthuhn).
Gleichsam verhasst ist dem thebanischen Fahrenden des Ostrakons DeM 1232, 1–2 die Reise gen Norden, für die er sich sehnlichst seinen städtischen Schutzpatron als Schiffer auf dem ungeliebten Weg wünscht.
Auf eine günstige geostrategische Lage von Pi-Ramesse am Nil macht Papyrus Anastasi III, 7,2ff. aufmerksam, wenn dort die militärischen Truppen verortet werden: „Vorposten jeden Fremdlandes, Ende von Ägypten, Platz des Pläneschmiedens deiner Streitwagentruppen, Platz der Musterung deiner Soldaten, Platz des Anlandens deiner Bogentruppen zu Schiff“ (Übers. U. Verhoeven).
Auch die Gedanken – in den ägyptischen Texten das Herz – orientieren sich am Nil stromauf- oder -abwärts, um den ersehnten Ort wenigstens in der Erinnerung zu erreichen (Pap. Anastasi II, 10,1-11,2; Pap. Anastasi IV, 4,11-5,5).
Die verschiedenartigen Abhängigkeiten von Stadt und Fluss sind noch einmal im Totenbuch Spruch 183 zusammengefasst greifbar: Mit der Einleitung „Ich bin aus der Stadt des Gottes, dem Bezirk des ‚Ersten Males‘“ bzw. alternativ „aus der Stadt meines Gottes, Memphis. Sie ist der Prototyp (aller) schönen Bezirke in diesem Land“ (Übers. nach D. Franke) wird das Urhügel-Motiv bemüht, wodurch die Stadt als schützende Grenze zum Wasser definiert wird. „Ihr Gott ist der Herr der Maat [= gerechte Ordnung]“ (Übers. D. Franke) vertieft die Schutzmotivik, indem der Gott der Stadt seine Macht innerhalb und außerhalb der Ortschaft walten lässt, um jeden erdenklichen Schaden von seiner Heimstatt abzuwehren. Der materielle Wohlstand, dessen Grundlagen hauptsächlich die Wasser des Nil sind, deren sich der Gott bemächtigen kann, kommt in den Epitheta „Herr der Versorgung, groß an Reichtum“ nachhaltig zum Ausdruck. Die leichte Erreichbarkeit eines Ortes über den Nil, die wegen der Attraktivität der städtischen Einrichtungen, z.B. der Tempel, wichtig ist, thematisiert der nachfolgende Vers: „Jedes Land zieht zu ihr [= der Stadt], Ägypten kommt zu ihr nordwärtsfahrend, Unterägypten mit Segeln und mit Rudern, um sie festlich zu machen mit Gaben“ (Übers. D. Franke).
Neben den bekannten Hymnen auf den Nil und vergleichbaren Schilderungen lässt sich literarisch die große Bedeutung des Flusses für das Leben der Alten Ägypter selbst in Texten mit anderer Schwerpunktsetzung gut ausmachen.

Orell Witthuhn, M.A., Universität Marburg

Literatur (Auswahl):
Posener, G.: La Complainte de l’Echanson Bay, in: Fragen an die altägyptische Literatur. Studien zum Gedenken an Eberhard Otto. Herausgegeben von Jan Assmann, Erika Feucht und Reinhard Grieshammer, Wiesbaden 1977, 385-397
Franke, D.: Zur Bedeutung der Stadt in altägyptischen Texten, in: Städtische Formen und Macht. Festschrift zur Vollendung des 65. Lebensjahres von Werner Jöel (1. Symposium, 2.-4. Juli 1993 in Paderborn) (Veröffentlichungen der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Stadtkulturforschung 1). Herausgegeben von Michael Jansen, Jochen Hoock und Jörg Jarnut, Aachen 1994, 29-51 [http://darwin.bth.rwth-aachen.de/opus3/volltexte/2008/2156/]
Assmann, J.: Ägyptische Hymnen und Gebete, Zürich 1975 = (Orbis Biblicus et Orientalis S01), Freiburg/Göttingen 1999
Verhoeven, U.: Literarische Ansichtskarten aus dem Norden versus Sehnsucht nach dem Süden, in: Kon-Texte. Akten des Symposions „Spurensuche – Altägypten im Spiegel seiner Texte“. (Ägypten und Altes Testament 60). Herausgegeben von Günter Burkard, Alfred Grimm, Sylvia Schoske und Alexandra Verbovsek, unter Mitarbeit von Barbara Magen, Wiesbaden 2004, 65-80

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