Kemet 1/2011

Kulturbrücke – Das antike Naga

 

Wer vom Zusammenfluss des Weißen und Blauen Nil beim heutigen Khartum vor zwei Jahrtausenden als Reiseroute nach Meroë, der Hauptstadt des mächtigen Nachbarn des ptolemäisch-römischen Ägypten, statt des weit nach Westen ausholenden Niltals die direkte Wüstenpiste wählte, vor dem erschien nach zwei Tagesetappen am nördlichen Horizont wie eine Fata Morgana die Silhouette einer Stadt, die sich vom Talgrund des Wadi nach rechts ansteigend bis zum Fuß des hoch aufragenden Gebel hinzog. Es war die erste Stadt auf dieser Route von Ostafrika zum Mittelmeer, der südlichste Außenposten der antiken Welt.

Blick auf den Amun-Tempel von Naga, Photo: D. Wildung

Die meroïtische Stadt Tolkte, deren Ruinengelände heute den Namen Naga trägt, liegt 130 km nordöstlich von Khartum in der Butana-Steppe, 30 km vom Niltal entfernt. Sie dürfte im 3. Jh. v.Chr. gegründet worden sein, um dem in Meroë residierenden Königinnen und Königen als Pfalz zu dienen, als Ort der Rechtssprechung und Repräsentation und als Handelsplatz zwischen Niltal und Wüste, zwischen Sesshaften und Nomaden. Die Reisen der Herrscher zu den Subzentren haben im antiken Sudan eine lange Tradition; kuschitische und napatanische Stelen berichten von den Krönungsreisen der Herrscher. In einem Reich, dessen Bewohner zu einem großen Teil Halbnomaden und Nomaden waren, waren die Reisen des Herrscherhauses in die Steppengebiete eine staatstragende Notwendigkeit. Die fatalen Folgen einer zu starken Konzentration des Machtapparats auf die Hauptstadt lassen sich im Sudan bis heute beobachten. Die Krisen im Südsudan und im Darfur haben auch mit der Selbstherrlichkeit der fernen Metropole Khartum und dem Mangel direkten Kontakts mit den Regierenden zu tun.

Löwentempel, Naga, Photo: D. Wildung

 

Hathor-Kapelle, Naga, Photo: D. Wildung


Ähnlich wie Kerma am Dritten Katarakt und Napata am Gebel Barkal war Naga eine dieser meroïtischen Königsstädte. König Natakamani, der im 1. Jh. n.Chr. die herausragende Herrscherpersönlichkeit der Blütezeit des meroitischen Reiches war und den man angesichts seiner intensiven Bautätigkeit in allen größeren meroitischen Städten den „Ramses von Meroë“ nennen könnte, war es, der auch in Naga mehrere Tempel errichten ließ und damit die Bedeutung dieser „Stadt in der Steppe“ deutlich unterstrich. Ihre Lage am Südrand des Reiches wies ihr eine besondere Funktion zu. Hier betrat der von Süden Ankommende das Reich von Meroë, das sich selbstbewusst in prachtvollen Tempeln und hoch aufragenden Palästen präsentierte. Die Vielfalt der architektonischen Formen verwies auf die Weltoffenheit und Internationalität des Reiches.

Reliefs am Löwentempel von Naga, nördliche Außenwand: Natakamani vor Göttinnen, Photo: D. Wildung

Der hoch über der Stadt aufragende Amun-Tempel folgt mit seiner Widderallee und der Raumfolge vom Hypostyl bis ins Allerheiligste dem Vorbild pharaonischer Göttertempel. Der kleine Tempel des Löwengottes Apedemak ist ein typisch meroïtischer Einraum-Tempel. Am Südrand der Stadt beim großen Wasserbecken (Hafir) stand ein Peripteros mit umlaufender Säulenstellung nach griechisch-römischem Muster. Die kleine Hathor-Kapelle schließlich verbindet die ägyptische Bauform der Prozessionskapelle mit korinthischen Kapitellen, Zahnschnitt und Eierstab zu einem Stilgemisch geradezu barocker Üppigkeit. Trotz ihrer völlig verschiedenen architektonischen Typologie sind diese drei Heiligtümer zur selben Zeit, unter Natakamani, errichtet worden.
In den Wandreliefs der Tempel verbindet sich die Struktur des ägyptischen Kubismus mit den kompakten, massigen Körperformen und afrikanisch geprägten Gesichtern zu dem charakteristischen, unverwechselbaren meroïtischen Stil. Während in den Reliefs des Amun-Tempels die ägyptische Komponente dominiert, tritt in den großformatigen Reliefs der Außenwände des Löwentempels das „Afrikanische“ der meroïtischen Kunst in den Vordergrund. In die Reliefs der Innenwände sind bei Götterdarstellungen mit bärtigen, frontal dargestellten Gesichtern auch hellenistisch-römische Elemente integriert.

Fayence-Statue der Göttin Isis, Naga, Amun-Tempel, Photo: M. Büsing

Besonders gut lässt sich die Vielfalt der Stile in der Skulptur von Naga erkennen. In zwei überlebensgroßen Mantelstatuen und einer Isis aus Fayence sind in die pharaonische Struktur aus Rückenpfeiler und rechteckiger Basis Figuren in rein hellenistisch-römischem Gewand gestellt, deren massige Körperformen einem afrikanischen Schönheitsideal huldigen. Einige männliche Götterstatuen sind im Stand-SchreitMotiv rein ägyptisch. Die kolossalen Widderstatuen vor dem Amun-Tempel zeigen in klassisch-ägyptischer Haltung einen Widdertypus, dessen in Spiralen stilisiertes, flauschiges Vlies in Ägypten ohne Parallele ist. Zu diesen Widdern gehörige Königsfiguren folgen der Ikonographie des mumiengestaltigen Gottes Chons und tragen Gesichter meroïtischen Zuschnitts. Eine Gruppe kleiner Würfelfiguren geht stilistisch völlig eigene Wege und zeigt Gesichter, die an afrikanische Skulpturen der Nok-Kultur in Nigeria denken lassen.

Widder vor dem Amun-Tempel von Naga, Photo: D. Wildung

Wäre nicht durch die Fundlage eindeutig gesichert, dass all diese so heterogen wirkenden Skulpturen vom selben Ort stammen und zur selben Zeit, im 1. Jh. n.Chr., dort aufgestellt und wohl auch geschaffen worden sind, würde man sie mit kunsthistorischem Scharfsinn verschiedenen Regionen und unterschiedlichen Epochen zuweisen. Wenn Naga in dieser Vielfalt künstlerischer Äußerungen ein Sonderfall zu sein scheint, so ist das Besondere an Naga doch ganz anderer Art. Nur hier konnte ein ungestörter, authentischer archäologischer Befund ausgegraben werden, wie er auch an anderen Zentren des meroïtischen Reiches zu erwarten wäre, die aber von späteren Siedlungen überlagert und von Archäologen gestört worden sind. Die antike Stadt Naga ist seit ihrem Niedergang, der im 2. oder 3. Jh. n.Chr. anzusetzen ist, unberührt geblieben und bietet damit der Archäologie unverfälschte Informationen.

Würfelfiguren aus dem Amun-Tempel von Naga, Photo: D. Wildung

1822 suchte Frédéric Cailliaud als erster Europäer das Ruinenfeld auf, obwohl ihn die Einheimischen vor dieser Region gewarnt hatten, die wegen der vielen dort herumstreifenden Löwen gefürchtet war. Sein Bericht über Naga war für F. Cailliaud der Anlass, bei seiner „Reise in Mehmet Alis Reich“ 1837 Naga aufzusuchen, das er als einen Ort erlebt, „an dem nicht einmal die wilden Tiere bleiben wollen“. Im Februar 1844 macht die preußische Expedition unter Leitung von Richard Lepsius in Naga Station und erstellt einen Plan des Ruinengeländes und Zeichnungen der Reliefs und Inschriften des Amun- und Löwentempels. Erst 1980 endet der Dornröschenschlaf von Naga, als im Rahmen des Projekts „Tübinger Atlas des Vorderen Orients“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Ingrid Gamer-Wallert und Carola Zibelius eine Dokumentation und Publikation der Reliefs des Löwentempels erarbeiten. 1995 erhält das Ägyptische Museum Berlin die Lizenz der National Corporation of Antiquities and Museums für Naga und startet das von der DFG und dem Verein zur Förderung des Ägyptischen Museums Berlin finanzierte Grabungs- und Restaurierungsprojekt, das in nunmehr 15 Jahren mit der Ausgrabung und Restaurierung des Amun-Tempels und des Tempels Naga 200 und der Anfang 2011 abgeschlossenen Wiederherstellung der Hathor-Kapelle Naga zu einer der eindrucksvollsten archäologischen Stätten des Sudan gemacht hat. Im Naga-Museum von David Chipperfield, dessen Baubeginn für 2011 vorgesehen ist, wird sich die Brückenfunktion des meroitischen Reiches zwischen Afrika und der Welt des Mittelmeers an Statuen, Reliefs und Architekturteilen authentisch erleben lassen.
Zu den Ausstellungsstücken werden auch neolithische Steingeräte und Keramikfragmente gehören, die an den Abhängen der Berge östlich und nördlich von Naga entdeckt wurden. Ins 6. und 5. Jahrtausend v.Chr. zu datieren, fügen sich diese Funde in das Bild der Vorgeschichte des Sudan, wie es in den letzten Jahrzehnten durch die französischen Grabungen in Kadruka und el Kadada und die polnischen Grabungen in Kadero gezeichnet wurde (Keramiken aus Kadero sind als Leihgaben des Archäologischen Museums Posen in Berlin und München ausgestellt). Dass die Entwicklung der Keramiktechnologie im Sudan früher einsetzt als in Ägypten, wird durch die Grabungen von Matthieu Honegger nördlich von Kerma nachdrücklich unterstrichen; er hat bei der Nubiologen-Konferenz im August 2010 in London Keramikfunde vorgestellt, die ins 10. und 9. Jahrtausend v.Chr. zu datieren sind.
So lässt sich die Rolle des Reiches von Meroë als Brücke zwischen Afrika und der Mittelmeerwelt, wie sie sich in Naga in Architektur, Relief und Skulptur artikuliert, bereits 10.000 Jahre früher in archäologischen Funden nachweisen, die den Sudan zu einer der Wurzeln des pharaonischen Ägypten machen. Diese Wurzel reicht tief in den afrikanischen Kontinent. Sie entdeckt zu haben, fordert ebenso wie die Begegnung mit der meroïtischen Kultur dazu auf, Ägypten nicht nur aus europäischer Perspektive zu betrachten und zu begreifen, sondern als eine Kultur des afrikanischen Kontinents.
Dietrich Wildung

Prof. Dr. Dietrich Wildung, Direktor a.D. des Ägyptischen Museums und Papyrussammlung Berlin

Home