Kemet 1/2012

Alexander der Große


Alexander III., genannt „der Große“, geboren im Herbst 356 v.Chr. in Makedonien, gestorben am 13. Juni 323 v.Chr. in Babylon – mit diesen dürren Zahlen wird das Leben eines Menschen umrissen, der wie nur ganz wenige vor und nach ihm die Welt prägte und veränderte, er begründete sogar, wie J. G. Droysen schon 1833 feststellte, den Hellenismus als „neue Epoche der Weltgeschichte“. Fast jeder in Europa kann sich unter ihm etwas vorstellen, und sei es nur aufgrund der vielen Filme und Bücher, die über ihn gedreht bzw. verfasst wurden. Über diesen Mann eine Kurzbiographie zu verfassen, ist aufgrund der vergleichsweise hervorragenden Quellenlage vordergründig einfach, allerdings wird das Unterfangen ungleich schwieriger, unternimmt man den Versuch, die oft immens vielschichtigen Gründe für sein jeweiliges Verhalten und Vorgehen zu erfassen; dies soll jedoch trotzdem im Folgenden versucht werden, wobei ein leichter Schwerpunkt auf seiner Zeit in Ägypten liegt.

Alexander der Große, aus Kom el-Dikka, Museum Bibliotheca Alexandrina

Alexander der Große, aus Kom el-Dikka, Museum Bibliotheca Alexandrina, Photo: Kemet

Geboren wurde er, wie bereits erwähnt, im Jahre 356 v.Chr., vermutlich im Herbst, als Sohn Philipps II. von Makedonien und dessen vierter Frau Olympias. Sein Geburtsort war Pella, die damalige Königsstadt Makedoniens. Sein Vater holte im Jahre 343 v.Chr., als sein Sohn also rund 13 Jahre alt war, den berühmtesten Philosophen der damaligen Zeit an seinen Hof, nämlich Aristoteles, von dem Alexander dann drei Jahre lang erzogen wurde. Am Ende dieser Zeit, mit 16, wurde er bereits zum Stellvertreter seines Vaters. Als Reitergeneral in der Schlacht von Chaironeia 338 v.Chr. unterdrückte er einen Aufstand in Makedonien, unterstützte seinen Vater entscheidend bei der Einigung der griechischen Staatenwelt zum Korinthischen Bund (dessen erster Hegemon sein Vater wurde) und begründete bald darauf seine erste Kolonie mit Namen Alexandroupolis. Der erste und womöglich entscheidende Bruch in seiner Lebensgeschichte ergab sich im Jahre 336 v.Chr., als sein Vater bei einer Hochzeitsfeier von seinem Leibwächter Pausanias ermordet wurde.

Griechische Bronzehelme, Antikenmuseum Berlin

Griechische Bronzehelme, Antikenmuseum Berlin, Photo: Kemet

Zwischen Philipp und Alexander herrschte ein oft sehr gespanntes Verhältnis, das Alexander sogar kurzzeitig dazu zwang, mit seiner Mutter ins Exil zu gehen. Aber nach dem Tod seines Vaters (dessen Hügelgrab bei Vergina wurde zwar schon 1977 entdeckt, aber erst kürzlich konnte die darin enthaltene Leiche als die von Philipp II. identifiziert werden) übernahm Alexander mit großer Energie die Nachfolge seines Vaters. Innerhalb nur eines Jahres nach Regierungsantritt konnte ihm niemand mehr gefährlich werden, denn alle sonstigen potentiellen Thronanwärter waren beseitigt. Beeindruckt von dieser Energie, übertrug ihm der Korinthische Bund den Oberfehl für den schon längere Zeit geplanten Krieg gegen die Perser. Aber zuerst wendete sich Alexander mit diesem Heer anderen Zielen zu, er unternahm 335 v.Chr. einen Feldzug gegen die Triballer an der Donau und gegen die Illyrer, des Weiteren zerstörte er Theben in Böotien, vermutlich weil diese Stadt den Aufstand gegen seinen Vater angeführt hatte. Aber all dies war sozusagen nur der Aufgalopp zum größten aller bisher dagewesenen Feldzüge, zum Krieg gegen das damals allen als unbesiegbar erscheinende Perserreich. Das winzige Makedonien, in geringem Umfang verstärkt durch Truppen des Korinthischen Bundes, stellte sich gegen die Weltmacht schlechthin, und zwar ohne Not, einzig aufgrund der Vision eines Einzelnen, nämlich Alexanders. Um all das durchführen zu können, um alle, die ihm nachfolgten, davon überzeugen zu können, muss Alexander ein Mann von gigantischem Charisma und staunenswerter Überzeugungskraft gewesen sein.
Mit einem Heer von maximal 20.000 Soldaten (im Verlaufe des elfjährigen Feldzugs wurden Spitzen von 40.000 Mann erreicht) überschritt er den Hellespont, eine erste Schlacht gegen die Satrapen (also die Provinzstatthalter) von Klein­asien am Granikos folgte im Jahre 334 v.Chr., wodurch das westliche Kleinasien erobert wurde. Weiter nach Süden und Osten vorstoßend, erreichte das Heer des Alexander dann Syrien, wo 333 v.Chr. bei Issos eine nach damaligen Maßstäben gigantische Schlacht stattfand, die bis in heutige Geschichtsunterrichtszeiten als Merkvers ganze Schülerscharen begleitete („Drei drei drei, bei Issos Keilerei“). Dabei wurde das persische Aufgebot von Großkönig Dareios III. trotz massiver eigener quantitativer Unterlegenheit aufgrund der genialen Schlachtenführung Alexanders deutlich geschlagen. Ein Augenzeuge dieser Schlacht war der ägyptische Arzt und Vorsteher der Priester der Sachmet, Sematauitefnacht, der uns darüber eine Stele hinterlassen hat, die in Neapel ausgestellt wird. Heute noch wird in der Wissenschaft gerätselt, warum Alexander auf eine Verfolgung des Dareios und seines flüchtenden Heeres verzichtete, sondern sich gegen die Hafenstadt Tyrus wendete, das er erst nach siebenmonatiger Belagerung er­oberte. Wollte er die Seeüberlegenheit von Dareios brechen? Es gibt viele Theorien.

Persische Krieger, Pergsamonmuseum Berlin

Persische Krieger, Pergsamonmuseum Berlin, Photo: Kemet

Dann aber, als Alexander endlich Tyrus erobert hatte, wendete er sich nicht etwa wieder der persischen Hauptstreitmacht zu, sondern führte sein Heer nach Ägypten, zwar eine bedeutende persische Satrapie, aber von Persien aus gesehen doch recht weit ab vom Schuss. Über seine Gründe dafür wurde von der Forschung seit jeher gerätselt, man darf aber annehmen, dass es hauptsächlich strategische Gründe waren, die ihn nach Ägypten führten, er wollte wohl den Rücken frei haben, wenn er dereinst nach Osten weitermarschierte. Der Historiker Arrianos lässt Alexander wie folgt sprechen: „Wenn wir Ägypten bezwungen haben, brauchen wir sowohl für Griechenland als auch für unser Zuhause keine Befürchtungen mehr zu hegen und werden wir nach Babylon in dem Bewusstsein marschieren, dass die Zustände in der Heimat gesichert sind und das wir überdies eine beträchtlich große Zuversicht haben dürfen, da wir den Persern sowohl den Zugang zum (Mittel-)Meer als auch zum Land diesseits des Euphrats genommen haben.“
Erster Stolperstein auf diesem Weg nach Süden war Gaza, eine damals bedeutende Stadt, verteidigt von einem Eunuchen namens Batis. Nach zweimonatiger Belagerung fiel die Stadt; Alexander konnte seinen Weg fortsetzen. Dieser führte ihn nach weiteren sieben Tagen zu einer ägyptischen Grenzfestung bei Pelusion am nach ihr benannten pelusischen Nilarm. Seine Flotte hatte Alexander auch schon dorthin beordert, und aufgrund dieser Machtkonzentration wurde ihm die Festung kampflos übergeben. Alexander beließ dort eine kleine Garnison und rückte auf dem Landweg gegen Heliopolis vor, während seine Flotte auf besagtem Nilarm vorstieß, wobei die Griechen überall freudig von der Bevölkerung begrüßt wurden. Der Grund hierfür liegt darin begründet, dass die Perser allen Bevölkerungsschichten als brutale Unterdrücker verhasst waren, und wenn schon keine eigenen Landsleute als Befreier auftraten, dann doch wenigstens die Griechen, die in Unterägypten aufgrund vieler Handelskontakte der Bevölkerung gut bekannt waren. Bei Heliopolis überschritt Alexanders Heer den Nil nach Westen, worauf dann der große Moment folgte: Der persische Satrap und damit Befehlshaber Ägyptens namens Mazakes übergab Alexander – zusammen mit der erklecklichen Summe von 8.000 Talenten und sehr vielen wertvollen Beutestücken – offiziell die Herrschaft über Ägypten!
Zumindest aus taktischen Gründen (man weiß nicht, inwieweit er auch Respekt für die fremden Glaubensvorstellungen empfand) achtete er die ägyptischen Vorstellungen über das Königtum und ließ sich in Memphis vom Hohepriester des Ptah nach ägyptischem Ritus zum Pharao krönen. Sein dabei angenommener Thronname war Programm, zumindest für die Ägypter: mrjw rCw, stpw ni Jnm, also „Geliebt von Re, Erwählter des Amun“, wobei er sich offenkundig an dem ganz ähnlichen Thronnamen von Nektanebos II., dem letzten einheimischen Pharao Ägyptens, orientierte. Er wollte damit zeigen, dass er kein Fremdherrscher war, sondern sich in die lange Reihe der ägyptischen Pharaonen einreihte, was er durch ein prächtiges Opfer unterstrich, das er dem Apisstier darbot. Dies sollte ihn vom persischen Eroberer Kambyses abheben, der nach Herodot grausam gegen die ägyptischen Gottesvorstellungen vorgegangen war und den damaligen Apisstier getötet hatte. Für seine eigenen Soldaten veranstaltete er einen sportlichen und einen musischen Wettkampf; die bekanntesten Sportler und Künstler Griechenlands kamen extra dafür nach Memphis! Die bisherige persische Satrapie wurde von ihm in vier Verwaltungsbezirke unterteilt, wobei er schon damals den Reichsgedanken seines Feldzugs dadurch unterstrich, dass er die Bezirke unter das Kommando je eines Iraners, eines Ägypters namens Petisis, eines Griechen vom griechischen Festland und eines in Ägypten lebenden Griechen stellte. Nach Abschluss all dieser Feierlichkeiten nahm Alexander auch vom restlichen Ägypten Besitz, vermutlich reiste er bis Theben, eventuell auch bis Syene, dem heutigen Assuan, und Elephantine.
Im Januar 331 nahm sich Alexander einen kleinen Truppenteil und marschierte nach Norden – über den kanopischen Nilarm, dann westwärts zum Mareotis-See. Zwischen diesem und dem Mittelmeer gründete er auf einem schmalen Landstreifen die Stadt Alexandreia. Die Planskizze für diese Stadt wurde von Alexander selbst entworfen, er legte den Straßenverlauf fest und den Platz der diversen Tempel für die Götter, und zwar sowohl für die griechischen als auch für die ägyptische Göttin Isis, die also schon damals internationale Anerkennung erfuhr, bevor sich später ihr Anbetungsgebiet bis ins heutige Schottland ausbreitete. Nach einem Bericht des Pseudo-Kallisthenes wurde der feierliche Gründungsakt am 25. Tybi vollzogen, wobei jedoch unklar bleibt, welchen Kalender er bei dieser Beschreibung anwendete, den zu Zeiten Alexanders gültigen oder den, der zur Zeit des Pseudo-Kallisthenes galt. Je nachdem fand dieser Akt also am 20. Januar oder am 7. April des Jahres 331 statt. Da der Januar jedoch besser zur Quellenlage und zum Beginn des Marsches passt, nehme ich, im Verein mit vielen anderen Wissenschaftlern, an, dass Pseudo-Kallisthenes vom alten Kalender in den neuen, zu seiner Zeit gültigen, umgerechnet hat und die heutige Weltmetropole Alexandria am 20. Januar 331 v.Chr. gegründet wurde.
Der Platz war hervorragend gewählt: Die Stadt wurde auf beiden Seiten vom See und vom Meer sowie der Insel Pharos geschützt. Die hauptsächliche Meeresströmung lief von West nach Ost, so dass der Hafen, der außerdem abseits des ansonsten sehr dichten und langen Schilfgürtels lag, nicht versanden konnte. Das Klima war (und ist) sehr angenehm, es ließ sich dort gut leben. All dies bewirkte den jahrtausendelangen Fortbestand und die spätere Entwicklung der Stadt gleichsam zu einem Scharnier zwischen Orient und Okzident, wie Huß es ausdrückt.

Alexander vor Amun-Min, Luxor-Tempel

Alexander vor Amun-Min, Luxor-Tempel, Photo: Kemet

Als Architekten wählte Alexander u.a. Kleomenes von Naukratis, der nach Alexanders Tod der erste Satrap Ägyptens werden sollte. Dieser baute auch das Heptastádion, den Damm vom Festland zur Insel Pharos, der das Anlegen eines zweiten Hafens ermöglichte. Dazu kam noch der Kibotós („Schachtel“), ein künstlicher Hafen westlich von Alexandria. Immerhin hat diese Stadt noch zu Lebzeiten Alexanders bereits ihre volle Funktions- und Handlungsfähigkeit erreicht, speziell da viele Griechen aus allen Ecken der damals von Griechen besiedelten Welt Alexanders Einladung folgten und sich dort ansiedelten. Der Erfolg dieser Stadtgründung war also offensichtlich, jedoch über die Gründe für ihre damalige Gründung mag trefflich spekuliert werden. Am wahrscheinlichsten erscheint mir, dass Alexander ein Handelszentrum gründen wollte, geleitet von Griechen, die durch die Gründung dieser Stadt ihm verpflichtet waren. Unter den vielen Hypothesen erscheint diese am logischsten, denn Alexander wollte keine Residenzstadt errichten, er wollte demnächst weiterziehen. Auch militärische Zwecke sind nicht ersichtlich, ebenso wenig eine Stadtgründung als Gegengewicht zu Naukratis, da er damit eine griechische Stadt der Konkurrenz aus dem eigenen Lager ausgesetzt hätte. Daher nehme ich den Handelsaspekt als Hauptgrund an, wobei völlig unabhängig davon Alexander sich während seines gesamten Lebens dieser Stadt sehr verbunden fühlte.
Nach solcherart getaner Arbeit zog Alexander weiter, und zwar zuerst nach Westen, bis nach Paraitonion, dem heutigen Marsa Matruh. Dort, in der Nähe dieser Stadt, empfing er eine Gesandtschaft der Kyrenaier aus dem heutigen Libyen, die als Unterwerfungsgeste Tribute mitbrachten – u.a. einen Siegerkranz für Alexander sowie 300 Pferde und fünf Vierergespanne, also von vier Pferden gezogene Streitwagen. Nach Diodor schloss Alexander mit ihnen „Freundschaft und Bundesgenossenschaft,“ womit sein Einflussgebiet bis an die Grenze des Karthagischen Reiches reichte. Anschließend bog er nach Süden ab zur Orakelstätte der Oase Siwa, eben um dort ein Orakel einzuholen, über dessen Inhalt Alexander allerdings immer schwieg. Allerdings schrieb er nach Plutarch an seine Mutter Olympias, der Gott habe ihm „einige geheimzuhaltende Orakelsprüche (gegeben), die er selbst nach seiner Rückkehr ihr allein mitteilen werde“. Über den Inhalt dieser Sprüche wurde viel gemutmaßt, auch vom Siwa-Ausgräber Kuhlmann, aber letztlich bleibt all dies reine Spekulation.
Der Orakelgott von Siwa, der libysche Ammon, der zugleich der ägyptische Amun und nach griechischem Verständnis Zeus ist, bestätigte Alexander öffentlich als Sohn Amuns und als Pharao Ägyptens, was für Alexander zugleich eine Bestätigung seines Anspruchs auf Weltherrschaft war. Als Alexander dieses – selbstverständlich im Voraus minutiös geplante – Ziel erreicht hatte, kehrte er nach Memphis zurück, wo er Feiern zu Ehren des Orakelspruches veranstaltete, deren Höhepunkt die Bestätigung seiner Gottessohnschaft durch Gesandte zweier griechischer Orakel (des Apollon von Didyma sowie der Sybille von Erythrai) war. In Memphis hielt er noch eine Weile Hof, empfing viele Gesandte und begrüßte militärische Verstärkung, die ihm Antipatros, sein Vertreter in Griechenland, geschickt hatte. Nachdem er dann dem Zeus Basileús ein Opfer dargebracht und eine Militärparade abgenommen hatte sowie erneut musische und sportliche Wettkämpfe („agónes“) durchführen ließ, verließ Alexander Ägypten und marschierte gen Persien. Er hinterließ eine Zivilverwaltung Ägyptens, die von zwei Nomarchen geführt wurde, die jedoch den etwa 40 ägyptischen Nomarchen, den Vorstehern der ägyptischen Gaue, übergeordnet waren. Die von ihm eingesetzten zwei Nomarchen handelten formell in seiner Vertretung, also in Vertretung Pharaos, wobei die Zweizahl m.E. ein Indiz dafür ist, dass – anlog zu den Wesiren des Neuen Reichs – einer in Unter-, der andere in Oberägypten regierte. Die westlich und östlich des Nildeltas gelegenen Grenzgebiete wurden jedoch abgeteilt und unter rein militärische Verwaltung gestellt, wobei zu sagen ist, dass das in Ägypten zurückgebliebene Militär quantitativ recht bedeutend gewesen sein muss – auch ein Indiz dafür, wie wichtig Ägypten für Alexander war.
Nachdem er nun Ägypten hinter sich gelassen hatte, marschierte Alexanders Heer durch Syrien hindurch nach Mesopotamien. Dort fand am 1. Oktober 331 v.Chr. die Entscheidungsschlacht um den Besitz Asiens statt zwischen Dareios III. und Alexander. Alexander siegte, Dareios konnte gerade noch flüchten, wie auf mehreren teils weltbekannten Bildern der Nachwelt verewigt, wurde jedoch später auf der Flucht ermordet. Bis zum Ende des Jahres 330 werden die Städte Babylon, Susa, Persepolis und Ekbatana eingenommen, wobei Persepolis eine schreckliche Plünderung und die komplette Zerstörung und Niederbrennung des Achaimenidenpalastes erleidet.
Nachdem der eigentliche Zweck seines Persienfeldzuges, die Eroberung dieses Reiches und auch des benachbarten Mediens, damit erfüllt war, wendete sich Alexander jedoch nicht zurück nach Griechenland, sondern zog weiter in Richtung Mittelasien, unterwarf dabei 329 Baktrien und Sogdianien, das heutige Usbekistan. Den Friedensschluss feierte er ganz speziell durch seine Heirat mit Roxane, einer iranischen Fürstentochter, im Jahre 327. Jetzt überspannte er allerdings langsam den Bogen in Richtung seiner eigenen Getreuen: Er nahm viele Bräuche aus der persischen Hofhaltung an, kleidete sich und lebte extrem luxuriös, führte den Fußfall ein, was für seine griechischen Freunde völlig undenkbar war. Deren Kritik rief allerdings bei Alexander Misstrauen und Angst hervor, ein Zustand, der sich bei ihm rasch bis ins Pathologische steigerte. Vier seiner bislang engsten Freunde wurden von ihm ermordet (330 Philotas und Parmenion, 328 Kleitos sowie 327 Kallisthenes).
Auf seiner letzten Etappe wendete sich Alexander dann mit seinem Heer nach Indien, nach damaliger Meinung das Ende der bewohnten Welt. 327 überschritt er den Indus und erreichte Indien, wo er auch zuerst im Jahre 326 in einer Schlacht am Hydaspes gegen den Radscha Poros siegreich blieb. Als sein Heer dann jedoch in demselben Jahr den Hyphasis erreichte, kam es zu einer folgenschweren Meuterei in seiner Truppe; man verweigerte ihm die weitere Gefolgschaft. Die Soldaten waren, schlicht ausgedrückt, seelisch und körperlich am Ende und litten unter Heimweh. Alexander musste nachgeben und drehte um, vermutlich – wenn man seinen Charakter bedenkt – voller Wut und Enttäuschung sowie mit dem nagenden Gefühl der Niederlage. Er selbst fuhr mit der Indusflotte den Indus hinab, während das Heer parallel nachfolgte, bis zum Indischen Ozean. Dort beauftragte Alexander den Nearchos, mit einer Flotte den Seeweg bis zur Mündung des Euphrat zu suchen, während er das Heer in zwei Teile aufteilte, deren einer auf einer südlichen Route durch Belutschistan und deren anderer auf einer weiter nördlich gelegenen Route nach Persien marschierte.
324 kam Alexander dort an. Trotz seiner (wenn auch mittlerweile im Geheimen) viel kritisierten luxuriösen und asiatisch inspirierten Hofhaltung träumte Alexander immer noch von einem Großreich, in dem sich die Völker versöhnt haben und langsam miteinander verschmelzen. Zu diesem Zweck veranstaltete er in Susa eine Massenhochzeit von 10.000 Makedonen mit einheimischen Frauen und Mädchen, wobei er selbst Stateira (eine Tochter von Dareios III.) und Parysatis heiratete. Er verwaltete von Persien aus sein großes Reich, von dort gingen die Befehle, Anordnungen und Erlasse heraus, nicht zuletzt der, der seine eigene Verehrung als Gott (für Griechen alter Schule eine gigantische Blasphemie) in den griechischen Stadtstaaten regelte. Des Weiteren plante er die Eroberung des westlichen Mittelmeerraumes, starb dann jedoch plötzlich, eventuell an einem Malariaschub, am 13.6.323 v.Chr. mit knapp 33 Jahren. Fast ist es selbstverständlich, dass sich an diesen abrupten Tod auch Gerüchte über einen Giftmord anschließen, aber solange eine eventuelle Mumie Alexanders nicht gefunden und untersucht wird, bleibt all das Spekulation. Ein solcher Fund ist allerdings nicht ganz ausgeschlossen, denn der Satrap Ägyptens mit Namen Ptolemaios, der spätere Begründer der Ptolemäer-Dynastie in Ägypten, fing die Leiche Alexanders, die ins Königsgrab nach Makedonien gebracht werden sollte, ab und brachte sie über Memphis nach Alexandria, wo sie begraben und wo das Grab noch von Augustus gesehen und besichtigt wurde. Mittlerweile ist das Grab jedoch verschwunden und trotz eifrigster Suche von Dutzenden von Archäologen noch nicht gefunden worden.

Goldmünze mit dem Porträt Ptolemaios’ I., Museum Bibliotheca Alexandrina

Goldmünze mit dem Porträt Ptolemaios’ I., Museum Bibliotheca Alexandrina, Photo: Kemet

Alexander ließ in Ägypten, sei es während der von ihm dort verbrachten Zeit, sei es später auf dem Erlasswege, einiges an Bauwerken errichten, die die Zeitläufe zumindest in Resten überdauert haben. Zu nennen sind u.a. das Sanktuar im Luxortempel, der Tempel des Thot in Hermopolis magna, der Tempel der Oase Baharija sowie sakrale Bauten in Armant; außerdem ließ er mehrere Bauteile des Karnaktempels restaurieren, so den 4. Pylon, den Festtempel Thutmosis’ III. sowie den Pylon des Chonstempels. Auch den Luxortempel ließ er erneuern.
In späteren, die damaligen Ereignisse verklärenden ägyptischen Schriften wurde Alexander zum Sohn des letzten einheimischen Pharaos Nektanebos II. gemacht, allerdings erfuhr er auch damals schon viel Kritik: In Propagandaschriften nach seinem Tod wurde er „der große Hund, der auf der Leiche sitzt“ genannt. Aber all dies, weder in die eine noch in die andere Richtung, kann nicht davon ablenken, dass wir noch viel zu wenig über Alexanders innere Werte wissen. Alexander ließ sich im Gegensatz zu anderen Herrschern seiner Zeit, die auf eine würdevolle und gesetzte Ausstrahlung bedacht waren, als jugendlicher und kraftvoller Held darstellen. Dies war Programm. Er setzte sich bewusst von diesem seriösen und besonnenen Bild des Staatsmannes ab und repräsentierte Abenteuer, jugendliches Feuer, Energie, nennen wir es anders: Er repräsentierte die goldene Zukunft.
Alexander selbst begriff seine Person und sein Leben nach dem Muster der mythischen griechischen Heroen einer goldenen Vorzeit; so lebte und so kämpfte er. Sein gesamter Persien- und in der Folge Indienfeldzug hatte mythische Vorbilder, er strebte laut Hölscher Achill und Herakles nach, seinen mythischen Vorfahren, auf die sich das makedonische Königsgeschlecht berief. Alles im Feldzug, was nach der Befreiung Kleinasiens vom persischen Joch stattfand, was also militärisch unnötig, ja Wahnsinn war, ist diesem Mythos zu verdanken und dem, der ihn nachlebte: Alexander dem Großen.

Christian Dereser

Literatur:
Schneider, Th., Lexikon der Pharaonen, München 1996
Huß, W., Ägypten in hellenistischer Zeit 332-30 v.Chr., München 2001
Hölscher, T., Bilder, Mythen, Wirklichkeit, in: epoc 6/2011, S. 74-83

 

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