Die Provence und Ägypten

 

I. Frühe Berührungen

Wenn heutige Touristen die Provence bereisen, können sie ganz verschiedene Gründe dafür haben: sie wollen eine der schönsten und vielseitigsten Landschaften Europas kennenlernen; sie haben ein Künstlerauge und begeistern sich am provenzalischen Licht, an der luziden Atmosphäre; sie interessieren sich für die schier unglaubliche Kumulation kulturellen Erbes: die Kelto-Ligurer, die Griechen (Marseille zum Beispiel ist eine griechische Gründung), die Römer, die Westgoten, sie alle prägten diese mediterrane Gegend. Die Romanik scheint hier noch heute aktuell zu sein.

Und so weiter, und so fort - kaum jemand, außer etwa einer Ägyptologin oder einem Kemet-Leser, wird hinreisen, um hier noch ein weiteres "Ägypten" zu finden. Und doch sind die Beziehungen zwischen dem Nilland und der römischen Provinzia stärker als man gemeinhin denkt.

Kaum ein Jahr vergeht, in dem hier nicht irgend etwas Ägytisches oder Ägyptisierendes aus der gallo-römischen Antike gefunden würde. Durch ihre Lage war die Landschaft am Mittelmeer immer offen für fremde Einflüsse: seien es nördliche (die Rhône diente als Nord-Süd-Achse), östliche und westliche (der Weg von Italien nach Spanien führt durch unsere Provinz: die Konsularstraßen via Aurelia und via Domitia sind über weite Strecken bis heute zu erkennen) oder transmaritime südliche: der Seehandel prägt die Küstenstädte bis zum heutigen Tage. Zudem muß man sich bewußt sein, daß die ans Mittelmeer angrenzenden Länder zutiefst verwandte, urban geprägte Kulturen aufweisen. Die Gegensätze zwischen Nordafrika und Südeuropa haben sich erst in den letzten Jahrhunderten verstärkt.

Marseille und später Arles und Nîmes hielten die Verbindung zu Ägypten immer aufrecht. Das Leben in Nîmes wurde wahrscheinlich von "pensionierten" Legionären aus Ägypten geprägt: das Wappen der COLONIA NEMAUSUS zeigt ein Nilkrokodil, das an eine Palme gekettet ist.

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Münze des Augustus mit dem Wappen von Nîmes (27 v.Chr.)

Diese Söldner brachten natürlich viele Objekte mit: Uschebtis, Statuetten aus Bronze, Amulette und so weiter. Dazu zogen griechische, syrische und karthagische Händler von Stadt zu Stadt. Vor allem das römische Arles war eine Drehscheibe zwischen den Hafenstädten am Meer und denjenigen der schiffbaren Rhône. Diese Stadt war nicht nur, wie Ausonius, der spätrömische Dichter und Consul, sagte, eine GALLULA ROMA, das Kleine Rom Galliens; ihre Einwohner verglichen sie vor allem mit Alexandria. Am Rande eines großen Deltas gelegen sind schließlich beide Städte: auch die Camargue, das Rhônedelta, ist von respektabler Größe. (In einer gallo-römischen Villa bei Villelaure, Departement Vaucluse, wurde übrigens ein schönes Mosaik gefunden, das eine nilotische Deltalandschaft wiedergibt.)

Wie viele Funde zeigen, waren die Kulte von Serapis und Isis (letztere wurde hier der Demeter gleichgesetzt) durchaus heimisch: nicht nur ägyptische Originalstatuetten wurden verwendet, sondern auch einheimische Kopien. Uschebtis, die zusammen mit den Toten eingeäschert - für den alten Ägypter die schlimmste Todesvorstellung: der "Feuersee" vernichtet die Seele in alle Ewigkeit! - und in Urnen bestattet wurden, sind keine Seltenheit. Sogar ein Miniaturobelisk mit hieroglyphischer Inschrift befand sich zwischen verbrannten Knochenresten. Bronzestatuetten fanden sich vor allem in den Sarkophagen des berühmten römischen Straßenfriedhofs "Les Aliscamps" (die "eleusischen Felder", französisch "champs élysées") bei Arles, wo später Vincent van Gogh immer wieder seine Staffelei aufzustellen pflegte.

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Votivstele eines Isis-Priesters aus Nîmes (2. Jh.)

In Nîmes wurde das Grab eines Isis-Priesters gefunden - meines Wissens das einzige in Europa außer demjenigen von Pompeji. Darin fand man unter anderem sechs "kremierte" (eingeäscherte) Sistren aus Bronze; eines davon befindet sich heute im Louvre und stammt wahrscheinlich aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert.

Isiskulte sind aber auch inschriftlich belegt, nicht nur in Nîmes, sondern auch in Arles, St. Rémy, Carpentras und Marseille. In dieser ursprünglich griechischen Hafenstadt wurde sie übrigens als Patronin der Seefahrer verehrt. Vielleicht ist dort ein Zusammenhang zu sehen mit der späteren Verehrung der Jungfrau Maria als STELLA MARIS, "vîl liechter mêssterne", wie sie in einem mittelhochdeutschen Gebet heißt. Eine Inschrift in Marseille sagt zudem:

PR0 SALUTE DOMUS AUGUSTI

EX CORPORE PAUSARIORUM

ET ARGENTARIORUM ISIDI ET

OSIRIDI MANSIONEM

AEDIFICAVIMUS

"Zum Heil des Hauses des Augustus von seiten der Korporation der Galeerenoffiziere und der Bankiers haben wir eine Wohnstadt errichtet für Isis und Osiris."

In Glanum, dem späteren St. Rémy, wo später Vincent van Gogh in der psychiatrischen Klinik eine letzte Periode der Reife erlebte, fanden sich ein Sistrum, Statuetten und andere Aegyptiaca.

In der "Krokodilstadt" Nemausus (Nîmes) lag der Serapis- und Isistempel demjenigen der Diana gegenüber. Beide - der Gott und die Göttin - wurden hier übrigens offenbar mit den Zügen des von hier gebürtigen Kaisers Antoninus Pius, des Nachfolgers des Ägyptenreisenden Hadrian, dargestellt. Ein zweites Isis-Sanktuarium in Nîmes stand gegenüber der "Maison carrée", die als besterhaltener Tempel der römischen Antike gilt.

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Tour Magne in Nîmes

In Nîmes steht zudem noch ein geheimnisvolles antikes Relikt: die "Tour magne", errichtet durch eine römische Legion, die aus Ägypten zurückkehrte.

Der Turm gleicht auf verblüffende Art dem Pharos von Alexandrien. Was soll aber die Kopie eines Leuchtturmes auf dem Festland? Man vermutet darin ein Isisheiligtum, eine Art Freiluft-Riesenaltar; Isis hatte, wie schon erwähnt, auch eine Funktion als "Schutzheilige" der Seeleute und wurde dann ISIS PHARIA (oder FARIA) genannt. Vielleicht haben wir in der "Tour Magne" aber auch ein sepulkrales Symbol vor uns: der Hafen ist unter anderem ein Bild des Todes, des Ankommens im Jenseits; hier wird die Barke, das Lebensschiff angepflockt, bevor man das Reich des Osiris/Serapis betritt. Eine ähnliche "Kopie" des Pharos erhob sich in der Ebene von Abusir ("Taposiris Magna" im Westen von Alexandria) - und auch dieser Turm diente erwiesenermaßen als funeräres Monument. Ein weiterer Pharos steht in Coruña (Spanien) - und einen späten Nachfahren haben wir in der Freiheitsstatue von New York: ihr Schöpfer, der Elsässer Bartholdy, weilte als junger Künstler in Ägypten ...

Neben Serapis und Isis, die durch viele Funde belegt sind, scheint sich Harpokrates, "Horus das Kind", in der Provence besonderer Beliebtheit erfreut zu haben. In Vaison-la-Romaine (Departement Vaucluse) erscheint der kindliche Gott sogar unter einem bacchantischen Aspekt, was allerdings eine Ausnahme bedeutet. Vielleicht ist hier ein Zusammenhang mit der synkretistischen (Religionen vermischenden) Verbindung Osiris-Dionysos zu sehen. Ich möchte in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß in der Provence schon seit der Antike ein hervorragender Wein gekeltert wird - wahrscheinlich auch ein ägyptisches Erbe.

Der Zufall der Überlieferung will es, daß von Anubis nur einige Öllampen bekannt sind, worauf die Triade Isis, Harpokrates, Anubis dargestellt ist. (Anubis war der Neffe der Isis und ein Halbbruder oder Cousin des Kindes Horus.) Von Apis gibt es in der Provence nur eine Gemme und eine kleine Bronze.

Nun wieder ein imposanteres Denkmal: der Obelisk von Aries. Er wurde 1389 an der Stelle ausgegraben, wo er im römischen Zirkus von Aries als "Spina", als Wendemarke, diente. Der Fundort heißt übrigens seitdem "Jardin de la Pyramide": so nennen die Provenzalen jeden Obelisken, auch wenn er nur ein "spätscheußliches" Kriegerdenkmal ziert. Der Obelisk von Arles ist ein Monolith von immerhin 15,78 m Höhe mit einem Basisdurchmesser von 1,70 m. Lange Zeit glaubte man, es handle sich bei dem inschriftlosen Denkmal um ein einheimisches Produkt. Neuere Forschungen zeigten jedoch, daß es aus Assuan stammt. Seine seltsame Form, oben dünn, unten breit, läßt darauf schließen, daß erst in römischer Zeit entstanden ist. Unter den Flaviern, zwischen 70 und 80 n.Chr., wurde er im Zirkus aufgestellt.

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Der Obelisk von Arles

Seit dem 20. März 1676 ziert er den Platz vor der Kirche St. Trophime in Arles, die eines der berühmtesten romanischen Portale und einen stimmungsvollen Kreuzgang aufweist.

Ein ägyptisches Isisfest hat übrigens seine Spuren in der Provence bis zum heutigen Tage hinterlassen: wo die Rhône im Delta ins Mittelmeer mündet, fand in der Antike ein jährliches Fest, das NAVIGIUM ISIDIS statt. Eine Statue der ISIS PHARIA wurde ins Meer getragen und dort regelrecht gebadet. Dieses Ritual lebt heute noch weiter beim Fest der heiligen Sarah in Les Saintes-Maries-de-la-Mer, wo die "Gitanes" – d.h. eigentlich "die Ägypter", gemeint sind die Zigeuner, die einmal jährlich hierher pilgern - die Statuen der Heiligen Maria Salome, Maria Jacobae und ihrer Dienerin Sarah in einer Barke ins Meer hinaustragen. Denkt man da nicht unwillkürlich an das Barkenfest des Ortsheiligen von Luxor?

Sch1ießlich sei noch der heilige Cassius erwähnt, der Anachoret (Einsiedler) in der Thebaeis war und um 402 in Marseille die hochinteressante Kirche Saint-Victor mit ihrem Klösterchen errichten ließ. Von hier aus verbreitete sich das Mönchtum in der Provence, auch ein ägyptisches Erbe.

Spätere Kontakte zwischen Ägypten und der Provence ergaben sich während der Kreuzzüge, die zum Teil von Aigues-Mortes in der Camargue ihren Ausgang nahmen - und dann vor allem im Zeitalter des Humanismus. Damals erwachte die Lust am Sammeln von Kuriositäten.

Reisende wie Peyresc aus Aix, Vincent Blanc oder Thomas d'Acros brachten Aegyptiaca in die Gegend, zum Beispiel "massenhaft Mumien einer kleinen Hasenart von Mausgröße, die auf den Hinterbeinen 1ief" (Carpentras, man. 257 - sind Ichneumons oder eher Spitzmäuse gemeint?) oder Krokodilhäute, Bronzen, Uschebtis etc., "Momies et des autres curiositez Aegyptiennes qui se peuvent rechercher et recouvrer au Grand Caire et ez environs", (Mumien und andere Kuriositäten, die man in Groß-Kairo und seiner Umgebung finden und entdecken kann). In Marseille gab es schon um 1630 viele Antiquitätenhändler.

Interessieren mag vielleicht noch der Hinweis, daß der Jesuitenpater Athanasius Kircher, der wegen des Dreißigjährigen Krieges seines Heimat Würzburg verlassen mußte, 1632 in Avignon abstieg und dort im Collegium seines Ordens zwei Jahre lang lebte. Peyresc, den er dort kennenlernte, drängte ihn, an der Entschlüsselung der Hieroglyphen zu arbeiten. Kircher, der bekanntlich sehr vielseitig begabt war und unter anderem den Vorläufer des Filmapparates, die Laterna Magica, erfunden hatte, kaprizierte sich in Avignon auf astronomische Studien - kein Wunder im Lande des großn Astrologen Nostradamus! Peyresc gab aber nicht auf und schrieb an einen Freund: "Nous n'oublierons rien de tout l'art des sages femmes pour tascher de le faire accoucher de cet ouvrage!" (man. Carpentras 1864, Brief vom 3. September 1633: Wir werden aber nichts an Hebammenkünsten auslassen, um zu versuchen, ihn mit diesem Werke niederkommen zu lassen!) Nach der Abreise Kirchers nach Rom schrieb Peyresc an seinen dortigen Freund, den Kardinal Barberini, er solle doch Kircher in Sachen Hieroglyphen weiterhin ermuntern. Das wurde dann auch von einem gewissen Erfolg gekrönt, wie wir wissen.

Kuriositätenkabinette wie jenes des Monsieur Peyresc gab es damals überall in Europa, vor allem an Fürstenhöfen. Unsere modernen Museen haben ihnen sehr viel zu verdanken. Heute sind solche Sammlungen selten geworden. Ein gutes Beispiel ist heute noch das Museum von Luxemburg, wo von antiken Statuen über ausgestopfte Tiere bis zu kubistischen Bildern alles gezeigt wird. Eine schöne, altertümlich gebliebene Sammlung dieser Art findet sich im Kloster Strahow oberhalb von Prag. Sie zeichnet sich, wie alle Kuriositätenkabinette, durch einen ausgesprochenen Horror vacui (Angst vor dem Leeren) aus.

 

II. Museen mit ägyptischen Sammlungen in der Provence

Es seien nun kurz provenzalische Sammlungen vorgestellt. Alle sind sie mit den Namen vielseitig interessierter Privatleute verbunden.

 

Musée Granet in Aix-en-Provence

(10-12 und 14-18 Uhr. Geschlossen mittwochs und Feiertage)

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Nicolas-Claude Fabri de Peyresc

Aus dieser vornehmen alten Stadt, dem römischen Aquae Sextiae, stammt nicht nur der bedeutende Maler Paul Cézanne, sondern auch der bereits erwähnte Wissenschafter Nicolas-Claude Fabri de Peyresc (1580-1637).

Dieser wohl berühmteste französische Sammler seiner Zeit hortete natürlich nicht nur Aegyptiaca. Und er war auch nicht der einzige, der in Aix Schätze aus dem Nillande sein eigen nannte! In einer Art Stadtführer aus dem Jahre 1679 wird das "schöne Cabinet von Monsieur Toussaint Lautier" erwähnt. Dieser hatte mehr als vierzig ägyptische Rundplastiken erworben, z.B. einen Isiskopf, der "verblüffend lebendig wirke, mit einer [sic!] Hieroglyphe an der Vorderseite". Insgesamt gab es in Aix mindestens ein Dutzend Sammler von ägyptischen "curiositez". Einer von ihnen war der Kunstmaler und Konservator Frangois Marius Granet (1775-1849), der durch sein Vermächtnis zum indirekten Gründer des Museums wurde.

Die ägyptologische Abteilung in ihrer heutigen Form hat aber ihr Entstehen dem jetzigen Konservator am Louvre in Paris, Christophe Barbotin, zu verdanken. Er hat als junger Ägyptologe 1985 die praktisch unbeachteten Schätze im Fundus des Museums ans Licht gebracht, inventarisiert und wissenschaftlich bearbeitet.

Neben Wandreliefs aus dem Alten Reich und elf Stelen beherbergt die Sammlung viele Skulpturen, darunter so bedeutende wie den ptolemäischen Männerkopf, der an die ausdrucksstarken römischen Republikanerköpfe erinnert. Unzählige Bronzen, Amulette, Uschebtis, Gefäße, Tiermumien, Schmuckstücke und Toilettengegenstände vervollständigen die Sammlung. "Pièces de résistance" sind der wundervolle Sarkophag (mit Mumie) des Ptah-Irdis aus der 25. Dynastie und verschiedene Kanopenvasen.

Die größten Exponate sind aber zweifellos die eingangs erwähnten Wandreliefs aus einer Mastaba in Sakkara. Sie stammen frühestens vom Ende der 3. Dynastie, wahrscheinlich aber aus der Zeit des Cheops (4. Dynastie).

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So wurden die beiden Reliefs in einem Atlas von 1803 wiedergegeben!

Die beiden Grabinhaber waren Priester des Totenkultes für Sened, einem Pharao der 1. Dynastie. Beide Männer auf den zwei zusammengehörige Platten sind ähnlich dargestellt.

Sie tragen eine kurze Lockenperücke. Über der Schulter wird das Pantherfell, dessen Hinterpfoten bis unter die Knie hängen, mit einem Knoten festgehalten. Vervollständigt wird ihre Tracht durch einen kurzen Schurz. Beide tragen als Zeichen ihrer Macht das Sechem-Szepter; der Mann links zudem einen Stab. Sie gehen barfuß; die Muskulatur ihrer Beine und die Betonung der Knie ist fein herausgearbeitet.

Die Hieroglypheninschriften klären uns darüber auf, daß es sich um Priester eines pharaonischen Totenkultes handelt. Nur die untere Königskartusche ist noch zu lesen: "Snd". Es ist zu vermuten, daß die obere den gleichen Namen "Sened" trug. Die obere Inschrift verrät uns zudem den Namen der linken Person: "Sein älterer leiblicher Sohn, Jasen". Vor Jasen stehen zwei weibliche Personen mit den für das Alte Reich typischen engen Röcken: "Neferetek" und "Hetepnubet".

Der zweite Grabherr (rechts) nennt sich "Priester des Sened, Inkef". Über ihm erkennt man fragmentarisch einen Mann mit Korb. Vor diesem ist ein Teil des Opfervermerks zu sehen: "Brot und Bier".

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Moderne Umzeichnung der beiden Reliefs

In der Mitte der beiden zusammengehörigen Platten sieht man einen nackten Knaben, der seine rechte Hand ausstreckt, um die linke des vor ihm Schreitenden zu halten: eine im Alten Reich geläufige Art der Darstellung für Kinder.

Wir haben es also mit dem interessanten Falle eines Doppelgrabes zu tun, dessen Inhaber den Totenkult eines seit über zweihundert Jahren verstorbenen Herrschers der Frühzeit ausübten.

 

Musée du Castre, Cannes

(Vor- und nachmittags geöffnet. Geschlossen dienstags und feiertags)

Wenn Sie dem Trubel der mondänen Filmmetropole an der Côte d'Azur entfliehen wollen, machen Sie doch den kurzen, aber steilen Spaziergang hinauf zum alten Castrum, der Burg. Hier genießen Sie nicht nur einen überwältigenden Ausblick über die Bucht von Cannes mit den vorgelagerten Isles-de-Lérins (wo einst der angebliche Zwillingsbruder von Ludwig XIV., die geheimnisumwitterte "Eiserne Maske", gefangengehalten wurde), Sie finden in der geschmackvoll renovierten Burg auch eine bemerkenswerte Sammlung von Aegyptiaca.

Die Sammlung wurde von einem kunstgeschichtlich interessierten Reisenden des 19. Jh.s initiiert: dem Ritter - später Baron - Lycklama a Nijeholt. Der 1837 geborene Holländer mit dem zungenbrecherischen Namen wuchs in einer bibelfesten kalvinistischen Familie in Groningen auf, wo er Geisteswissenschaften studierte. Er belegte dann Orientalistik in Paris und beherrschte - sagt man - bald fließend vierzehn Sprachen, neben Griechisch und Latein u.a. Arabisch und Persisch. Während einer langen Orientreise (1865-1868) konvertierte er in Jerusalem zum Katholizismus.

Auf seinen ausgedehnten Reisen führte der vielseitig gebildete Privatgelehrte immer eine umfangreiche Bibliothek mit sich. Beim Erwerb von Sammlerstücken ging es ihm weniger (wie etwa Kestner in Hannover) um Qualität, sondern eher um wissenschaftliche Methodik, er hatte eine durchaus "enzyklopädische" Art zu sammeln. Seine beträchtlichen finanziellen Mittel hätten es ihm durchaus erlaubt, Skulpturen, Bronzen oder große antike Kunstwerke aufzukaufen in der Art der Stücke, die er in London, Paris oder Berlin in seinen frühen Jahren so bewundert hatte. Diese interessierten ihn aber nicht. Ihn faszinierten vorwiegend die "angewandten Künste", das Kunsthandwerk. Deshalb darf man auch nicht erstaunt sein über die unterschiedliche künstlerische Qualität seiner Erwerbungen: sobald er ein Stück besaß, das eine bestimmte Gruppe, ein Sachgebiet, perfekt repräsentierte - sei es in Material oder Ausführung -, genügte das seinen Ansprüchen.

So entstand neben anderen auch seine ägyptische Sammlung. Lycklama bereiste seit 1870 das Nilland mehrmals, meist begleitet von einem Malerfreund, van Elven, der in seinem Auftrag bestimmte Motive auf die Leinwand bannte.

Im Jahre 1877 schenkte der Baron seine Sammlung der Stadt Cannes, als Dank an den gastlichen Ort, wo er seine auf den Orientreisen angeschlagene Gesundheit wiederhergestellt hatte. Nach seinem Tode (1900) hütete seine Witwe die "Musée Lycklama", die damals noch im Stadthaus, dem "Hôtel de Ville", untergebracht war. Nach ihrem Tode wurde die Sammlung mehr oder weniger eingelagert und fristete viele Jahre lang ein unbeachtetes Schattendasein.

In den Kriegsjahren 1943/44 wurden die Schätze evakuiert, und zwar unter schlechtesten Bedingungen. Nur einer Unterbibliothekarin, Mlle. Capony, ist es zu verdanken, daß nicht die meisten Stücke geraubt wurden oder einfach verlorengingen. 1952 wurde die Sammlung auf ihre Initiative hin im renovierten Castrum ausgestellt. Dank reicher Leihgaben des Louvre und des Museums von Grasse konnte sie wesentlich erweitert werden, und zwar ganz im Sinne ihres Stifters.

Die Sammlung umfaßt Gegenstände aus allen Epochen der altägyptischen Geschichte: Stelen, kleinere Statuen, Opfertische, Särge, Uschebtis, Bronzen, Skarabäen, Amulette, Keramik.

Besonders interessant sind ein Grabkegel, Teile eines Gründungsdepots und frühe Fotografien aus Ägypten.

Der Grabkegel (Cone) stammt aus dem Grab des Montu-em-hat in Theben, ist aus gebranntem Nilschlamm und weist eine Länge von 25 cm und an der Unterseite eine Breite von 8 cm auf.

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Grabkegel des Montu-em-hat

Diese nagelförmigen Objekte fand man recht häufig vor den Gräbern der thebanischen Nekropole. Sie waren zweifellos über der Tür in die Fassade eingelassen. Nur die runde Basis war sichtbar und wurde mit Namen und Titeln des Grabherrn beschriftet. Die Inschrift unseres Grabkegels lautet: "Osiris, 4. Prophet des Amun, Montu-em-hat, gerechtfertigt; sein leiblicher Sohn, Prophet des Amun, Freund des Königs, Pa-chered-en-Mut, geboren von der Herrin des Hauses Udja-em-Set, gerechtfertigt."

Montu-em-hat ist uns ein "alter Bekannter": er war Wesir des Südens und Bürgermeister von Theben in der 25. und 26 Dynastie, zur Zeit von Taharqa und Psammetich I. Als gewiegter Diplomat verstand er es offenbar, Fremdbesetzung und Dynastiewechsel unbeschadet im Amt zu überstehen. Auch seine Familie ist uns bekannt: generationenlang übten ihre Mitglieder hohe Ämter in Theben aus. Sein Titel "4. Prophet des Amun", ist der höchste, der einem Privatmann der 25. Dynastie zustand: Montu-em-hat kam also in der Rangordnung direkt nach den Mitgliedern der Königsfamilie.

Dank seiner persönlichen Verhandlungen mit den Assyrern wurde Theben im Jahre 663 v.Chr. nicht vollständig zerstört. Montu-em-hat, eine außerordentliche Persönlichkeit, starb 649 oder 647 v.Chr.

Von einem Gründungsdepot aus der Zeit Ramses’ II. (19. Dynastie) sind in Cannes zwei Objekte zu sehen: ein kleiner gefesselter Opferstier aus gebranntem Ton und ein halbkreisförmiger Alabasterblock von knapp 30 cm Höhe. Solche Gründungsdepots wurden bei der Grundsteinlegung eines Tempels im Boden versenkt. Leider weiß man nicht, wo Lycklama die Stücke erworben hat; wahrscheinlich stammen sie aus Abydos, denn die Inschriften lauten: "Der erste Prophet des Osiris, Wen-en-nefer, gerechtfertigt beim großen Gott" (auf der Rundung) und "Der erste Prophet des Osiris, Wen-en-nefer" (auf der Basis). Wen-en-nefer war in Abydos, wo er lebte, eine sehr bedeutende Persönlichkeit. Schon sein Großvater, sein Vater und später auch sein Sohn trugen den gleichen Titel. Seine Ehefrau Tjj war nicht nur eine Sängerin der Isis, sondern auch "Vorsteherin der Sängerinnen des Osiris".

Besonders reizvoll ist in Cannes eine Sammlung von Fotografien aus dem Jahre 1875, aufgenommen von Félix Bonfils. Der Baron erwarb sie - d.h. die Fotoplatten - als Andenken an seine Ägyptenreisen. Sie zeigen verschiedene berühmte Denkmäler wie den großen Säulensaal von Karnak (mit der gekippten Säule), den Eingang des Tempels von Luxor (von den Riesenstatuen Ramses’ II. ragen nur die Köpfe aus dem hohen Sand) oder auch Mumien, die vor dem ptolemäischen Tempel von Deir el-Medina an den Meistbietenden verschachert werden: ein eher makabres Bild.

Die Platten sind in bestem Zustand und wurden zuletzt - wenigstens zum Teil - im DU-Heft 7/8 1992 veröffentlicht ("Rom, Ägypten, Paris in alten Fotografien 1850-1900. Sammlung Herzog").

 

Musée d'Archéologie mediterranée
(Centre de la Vieille Charité), Marseille

(1.6.-30.9.: 11-18 Uhr, sonst 10-17 Uhr. Geschlossen: montags und feiertags)

Schon seit dem 17. Jh. war es in Marseille Mode, Antiquitäten, die auf dem Seewege aus dem Orient in die Hafenstadt gelangten, zu sammeln. So stellte zum Beispiel Louis Borély im Vestibül seines Schlößchens drei große Kanopenvasen aus dem Serapaeum auf - allerdings erst im 19. Jh., kurz bevor er das Gebäude der Stadt schenkte. Hier wurde dann die bekannte ägyptische Sammlung dem Publikum präsentiert.

Seit einigen Jahren ist nun das Museum im ältesten Viertel der Stadt, in der Nähe des alten Hafens, untergebracht: in der "Vieille Charité" im Quartier du Panier.

Die "Vieille Charité", eine Art Spital und Armenheim aus vorrevolutionärer Zeit, hat mit ihrem riesigen Innenhof und der voluminösen Rundkapelle den Charakter eines immensen Klosters. Die Renovierung vor einigen Jahren brachte nicht nur den schönen hellen Stein, sondern auch die klassisch-elegante Architektur zu neuer Geltung: das Bauwerk allein lohnt durchaus einen Besuch.

Den Kernteil der ägyptischen Sammlung bildet die 1861 von der Stadt erworbene Sammlung von Clot-Bey (1793-1868).

In der Zeit der Restauration (also nach der napoleonischen Ära) entwickelte sich eine intensive franko-ägyptische Zusammenarbeit. Unter den Offizieren und Medizinern, die das Nilland besuchten, war auch Antoine-Barthélemy Clot. In Grenoble geboren, widmete sich der junge Clot in Marseille dem Studium der Medizin. Mit einer Empfehlung an Mohammed-Ali, der aus Ägypten eine moderne Nation nach westlichem Vorbild machen wollte, schiffte sich der zweiunddreißigjährige Arzt 1825 im Gepäck nach Alexandrien ein und begann dann in Kairo zu arbeiten. Seine hervorragenden Leistungen während der Cholera- und der Pestepidemie (1831 und 1835) trugen ihm den Ehrentitel "Bey" ein.

In einem Land, wo jeder zweite Stein Zeuge einer gloriosen Vergangenheit ist, konnte es nicht ausbleiben, daß sich sein lebhafter Geist für die Antiquitäten zu interessieren begann. Seine Neugier für Ägyptisches wurde übrigens schon früher, beim Besuch des Louvre und des British Museums geweckt. So baute er in Kairo - als anerkannter Connaisseur - seine umfangreiche Sammlung auf, die u.a. von Prisse-d'Avesnes 1846 eifrigst studiert wurde.

1858, nachdem er für Saïd Pascha das Gesundheitswesen in Kairo noch einmal reorganisiert hatte, kehrte er definitiv nach Marseille zurück. Dort starb er 1868, nachdem er seine bedeutende Kollektion dem jungen Musée Borely zu einem symbolischen Preis übergeben hatte.

Die umfangreiche Ausstellung der "Vieille Charité" beherbergt erlesene Stücke aus der ägyptischen Vorzeit bis zu den Kopten. Bemerkenswert sind vor allem die schönen Särge, das Bestattungsmobiliar, eine Opfertischplatte mit den Kartuschen von sechzehn Königen und zwei Königinnen der 17.-19. Dynastie, Statuen und Bronzen.

Wir beschränken uns hier auf eine Stelengruppe, die in ihrer Art wohl einmalig ist: Die vier "orientierten" Stelen des Ka-Sa.

Im Totenbuch-Spruch 151 gibt es eine Stelle, in der empfohlen wird, in jeder Ecke des Grabes in einer vorbereiteten Nische je einen Gegenstand auf einem magischen Ziegel aufzustellen. Man hat eine ganze Anzahl dieser Ziegel gefunden. Bei den Gegenständen handelt es sich um eine Götterfigur, einen Djed-Pfeiler, eine Flamme (d.h. wohl: einen Docht) und einen Anubis. Der Anubis soll aus ungebranntem Ton, vermischt mit Weihrauchkörnern, hergestellt sein, der Docht mit sft-Öl getränkt werden, der Djed-Pfeiler aus Fayence und die aus jma-Holz gefertigte Statue sieben Finger hoch sein. Zudem muß an letzterer das Mundöffnungsritual vollzogen werden. Alle diese Gegenstände sollten den Toten gegen die vier Himmelsrichtungen hin (wohl gegen Dämonen) abschirmen,.

Aus dem Grabe des Ka-Sa - er war General unter Sethos I. - stammen nun die vier "orientierten" Stelen, die entweder an Stelle der erwähnten Ziegel und Gegenstände oder aber als eine Art Abschirmung für sie aufgestellt wurden. So oder so handelt es sich um eine originelle Lösung zum Schutz des Verstorbenen: man hat bis heute offenbar noch kein Pendant dazu gefunden.

Die Stelen sind aus Kalkstein und bilden je ein Rechteck von 83 cm Höhe und 57 m Breite. Über dem nach oben abschließenden üblichen Halbrund, das den Himmel symbolisiert, sind in den freien Ecken, die sich so ergeben, die Himmelsrichtungen der jeweiligen Stele angegeben: diejenige, die im Norden aufgestellt werden sollte, zeigt das Götterbild, die südliche den Docht, die westliche den Djedpfeiler und die östliche Anubis. Der Verstorbene kniet in anbetender Haltung vor dreien der Gegenstände, vor dem Djed gleich zweimal. Unter dem "Himmelsgewölbe" sind entweder zwei Anubis-Figuren in ihrem Schrein dargestellt, die sich anblicken, oder (auf den beiden anderen Stelen) zwei Udjat-Augen, die wohl Sonne und Mond symbolisieren. Dazwischen befindet sich bei allen vier Stelen ein schen-Ring (Schutzsymbol) über der Wasser-Hieroglyphe und einem Weihrauchgefäß.

Die magischen Texte aus dem Totenbuch-Spruch 151 lauten in der Übersetzung von Hornung:

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Auf der Nord-Stele: "Der du kommst, um mit dem Lasso zu fangen, ich lasse dich nicht fangen! Der du kommst, um mich anzugreifen, ich lasse dich nicht angreifen! Ich werde dich angreifen, ich werde dich mit dem Lasso fangen, (denn) ich bin der Schutz des Ka-Sa. Zu sprechen über einem Totenziegel, auf dem dieser Spruch eingeritzt ist, dieser Vorlage entsprechend."

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Auf der Süd-Stele: "Ich bin es, der den Sand daran hindert, das Verborgene zu versperren, und der den zurückweist, der sich [selber] zur Brandfackel der Wüste zurückweist. Ich habe den Weg [des Feindes] in die Irre geleitet. Ich bin der Schutz des Ka-Sa. Dieser Spruch ist zu rezitieren, wie er schriftlich formuliert wurde."

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Auf der West-Stele: "Der du kommst und meine Schritte zu hemmen suchst, du mit bedecktem Gesicht, der sein Versteck erleuchtet - ich bin es, der hinter dem Djet[-Amulett] steht, ich bin es ja, der hinter dem Djet[-Amulett] steht am Tag, an welchem das Unheil abgewehrt wird. Ich bin der Schutz des Ka-Sa. Zu sprechen über einem Djet aus Fayence, dieser Vorlage entsprechend."

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Auf der Ost-Stele: Es spricht Anubis, Gebieter der Gotteshalle, der auf seinem Berg ist, der Herr des Erhabenen Landes:
"Wache auf, du, der auf seinem Berg ist - dein Angriff ist zusammengebrochen, denn ich habe deinen Angriff abgewehrt, du Wütender! Ich bin der Schutz des Ka-Sa." Zu sprechen über einem Anubis aus Ton, der vermischt ist mit Wasser und Weihrauch, herzustellen entsprechend dieser gemalten Vorlage"

(Die Hinweise zum Ritual finden sich bei den Vignetten zum Totenbuch.)

All diese rituellen Handlungen mußten während der Grablegung ausgeführt werden, gerade bevor das letzte lebende Wesen, ein Priester, das Grab verließ und den nun magisch geschützten Toten in der gänzlichen Finsternis zurückließ.

 

Musée Calvet in Avignon

(10-12 und 14-18 Uhr, dienstags geschlossen. Vorübergehend sind die Aegyptiaca nur zum Teil ausgestellt, und zwar im Lapidarium an der Rue de la République, der ehemaligen Jesuitenkirche)

Der Gründer, Esprit Calvet (1728-181 0), hat uns - neben vielen weiteren Werken - eine Autobiographie hinterlassen: "Vie de l'auteur, écrite par lui-même" (1806). Er wächst - von Jesuiten erzogen - in Paris auf und studiert Medizin. Mit achtzehn Jahren ist er in Avignon, wo er sich - nach dem Vorbild Peyrescs - schon bald für die "Curiositées" interessiert: er richtet ein Cabinet ein. Sein erstes ägyptisches Sammlerstück ist eine Ptah-Sokar-Osiris-Plastik.

Vor allem durch Händler aus Marseille wird die Sammlung rasch erweitert, nicht zuletzt, weil Calvet andere Cabinets in extenso als Bestandteile von Erbmassen günstig aufkauft. Dabei interessieren ihn vorerst nicht einmal in erster Linie Aegyptiaca - das sind für ihn einfach "des Dieux de l'Egypte", "ägyptische Götter" -, sondern vor allem antike Kunstwerke der Griechen und Römer, dazu zeitgenössische Bilder und alte Bücher. Ägypten ist für ihn zwar faszinierend orientalisch, reicht zurück in "fabulöse Zeiten", erscheint aber extrem barbarisch und unerklärlich - die Hieroglyphen kann man ja sowieso noch nicht lesen.

Durch den Einfluß seines Freundes Caylus entwickelt sich aber seine "tendresse" (zärtliche Zuneigung) zu dem Volk am Nil. In seinem Cabinet gab es dann immerhin etwa fünfzig ägyptische Stücke zu bewundern - neben fast 1400 alten Folianten, vielen römischen Inschriften, unzähligen Fossilien und Skeletten, zwei Statuen aus dem Hadrians-Mausoleum in Rom (Engelsburg) und vielen Ölbildern.

In seinem Testament von 1810 vermachte der von der französischen Revolution geprägte Calvet sein Cabinet der Republik, zusammen mit einer Stiftung, die den Ausbau zu einem Museum ermöglichte. Bereichert wurde die Sammlung durch "Beutestücke" des napoleonischen Ägyptenfeldzuges und durch Gaben aus der Sammlung Passalaqua (Stoff mit hieratischer Aufschrift, Brote, Früchte, Körner aus einem thebanischen Grab) und durch den Ankauf einer Drovetti-Sammlung.

Seit 1833 wird die umfangreiche Sammlung des Musée Calvet in dem wunderschönen Hôtel de Villeneuve-Martignan präsentiert.

Um die Jahrhundertwende verschwanden die ägyptischen Bestände des Museums im Keller, wo sie der Vergessenheit anheimfielen. Man legte in dieser Zeit mehr Wert auf die Gemäldesammlung sowie auf eine wirklich bemerkenswerte und einmalige Sammlung von schmiedeeisernen Gittern und Portalen. Erst vor wenigen Jahren wurden die ägyptischen Exponate gewissermaßen wiederentdeckt und sozusagen ausgegraben. In einer großartigen Ausstellung wurden sie 1986 einem interessierten Publikum wieder zugänglich gemacht.

Die Sammlung war jedoch nur für kurze Zeit zu besichtigen: 1989 begannen die umfangreichen Renovierungsarbeiten am Hôtel de Villeneuve-Martignan, das ganze Haus wurde geschlossen. Als es 1997 wiedereröffnet wurde, wurden einige schöne Stelen und andere Arbeiten in Stein in die "Musée Lapidaire", die ehemalige Kirche des Jesuitenkollegiums ausgelagert: eine wunderschöne Kopie der Gesù-Kirche in Rom. Dort, an der Rue de la République in Bahnhofsnähe, können die Stücke in der Gesellschaft von keltoligurischen mundlosen Gesichtsstelen von hohem kulturhistorischem Wert und römischen Sarkophagen bewundert werden, bis sie in einigen Jahren wieder in ihr Stammhaus zurückkehren werden. Immerhin ist es schön, daß sie damit sozusagen wieder zu den Jesuiten zurückgekehrt sind, denn diese haben die ersten Impulse für die Ägyptomanie der Provenzalen gegeben: man erinnere sich, Peyresc, Kircher, Calvet.

Obschon die Sammlung von Avignon vom Umfang her nicht mit jener von Marseille verglichen werden kann, bietet sie jedoch einen geradezu originell zu nennenden Querschnitt durch die Kultur des pharaonischen Nillandes. Zu erwähnen wären da etwa die Stelen, darunter eine vierseitig beschriftete, die als Exvoto (Votivbild, Weihegabe) der Familie eines gewissen Jaj diente. Oder der schöne Basaltkopf eines Wesirs aus dem Mittleren Reich, Kanopen, Statuen (u.a. eine bemerkenswerte des Totengottes Sokar) und vor allem ein Nilpferd aus Alabaster.

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Reisestele in Avignon

Ich möchte Ihnen aber lieber etwas Ausgefallenes vorstellen, ein unauffällig kleines Stück, nämlich eine transportable Reisestele.

Sie ist viel kleiner als Stelen sonst zu sein pflegen, aber doch um einiges größer als die eher bekannten Amulettstelen: sie wurde nicht umgehängt wie diese, sondern im Reisegepäck mitgeführt. (Das erinnert übrigens an eine Parallele aus unserer Zeit: in Rom, in direkter Nachbarschaft der Kirche Sta. Maria sopra Minerva - das war der antike Isis-Tempel, mit dem kleinen Obelisken der Neith aus Sais davor, plaziert auf einem Marmorelefanten des Bernini (s.S. 65) - gibt es Devotionalienhandlungen, in denen eine Art liturgischer Campingausrüstungen verkauft werden, zusammenklappbare Altäre etc.!)

Wir haben es also mit einer typischen Erscheinung der "persönlichen Frömmigkeit" zu tun, wie sie für die Zeit seit dem späteren Neuen Reich charakteristisch ist. Das hübsche Kalkstein-Stück ist der Semen-nefer, der "schönen Gans" des Amun von Theben, gewidmet. Der Text unten ... "Amun, groß an Macht, [der] hört und verzeiht" - so jedenfalls möchte ich in diesem speziellen Falle das "htp" übersetzen. Ob wir hier schon den christlichen Begriff der Gnade antizipieren dürfen?

Da die Gans ein Tier ist, ist sie ein idealer Mittler zwischen Mensch und Gott. Der Reisende hat sie auf seiner kleinen Stele immer bei sich; sie übermittelt seine Gebete an Amun.

Warum gerade die Gans zum heiligen Tier des thebanischen Gottes wurde, ist offenbar nicht genau geklärt. Sethe möchte darin ein rein sprachliches Zusammentreffen sehen: "Gans", auf ägyptisch "Semen", weist ein sehr ähnliches Schriftbild wie Amun ("Jmen") auf, man muß nur den gefalteten Stoff (s) mit dem Schilfblatt (j) austauschen.

Die Nilgans ist aber auch - und das lange vor Amun - ein Urvogel im Zusammenhang mit einem Schöpfungsmythos. An diesen Aspekt erinnert auch die Lotusblüte vor dem Vogel: aus ihr entsprang die Sonne, zum erstenmal. Der Gedanke drängt sich auf, daß wir hier vielleicht sogar eine kryptographische Schreibung des Namens "Amun-Ra" vor uns haben: Gans = Amun, Lotus = Ra.

Trotz ihrer Heiligkeit galt die Gans im Alten Ägypten aber auch als gefährliches Tier: bei der Mundöffnungszeremonie köpfte man eine Gans, ebenfalls bei den Gründungsriten der Tempel. In diesem Falle wurden die Gänseköpfe unter einer Ecke des Gebäudes vergraben.

 

Musée de Sault

(Öffnungszeiten variabel)

Etwa fünfzig Kilometer nordöstlich von Avignon, auf einem Hochplateau, das sich an den provenzalischen "Götterberg", den Mont Ventoux, anlehnt, liegt der Luftkurort Sault in einer von Lavendelduft geschwängerten Gegend. Hier gibt es ein kleines Ortsmuseum, eine Art Kuriositätenkabinett, mit Aegyptiaca.

Die beiden hauptsächlichen Sammler waren wieder einmal Ärzte, Kollegen von Clot-Bey also. Eugène Vacque war im 19. Jh. lange Zeit Arzt in Kairo. Docteur Monges war von 1832 bis 1837 sogar Oberstabsarzt des Heeres des Vizekönigs von Ägypten. Er brachte eine Mumie mit Sarg nach Sault, die man zumindest in ihrem jetzigen Zustand nur als makaber bezeichnen kann. Auf dem Sarg sind kaum noch Schriftzeichen zu erkennen.

Eigenartig ist an der kleinen Sammlung, daß viele Objekte ganz falsch beschriftet sind. Vor allem die Namen der Götter sind vollkommen durcheinandergeraten.

Die bekannte französische Ägyptologin Suzanne Ratié hat einmal bei einem Vortrag in Avignon die meisten Exponate in die Spätzeit datiert und bei dieser Gelegenheit auch richtig bezeichnet. Trotzdem sind die ca. dreißig Ausstellungsstücke immer noch unkorrekt beschriftet, wie seit der Eröffnung des Museums im Jahre 1879, eine unterhaltsame Denksportaufgabe für Kemet-Leser!

III. Die Pyramide von St. Pancrace

Unsere kleinere "tour d'horizon" über ägyptische Spuren in der Provence entbehrte eines wichtigen Aspektes, wenn nicht zum Schluß noch ein Zeuge der französischen Ägyptomanie im Anschluß an den napoleonischen "Feldzug ins Nilland" - der schließlich in letzter Konsequenz zum Auslöser für das wissenschaftliche Interesse an Ägypten und seiner pharaonischen Kultur wurde,- vorgestellt würde.

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Pyramidengrab auf dem Friedhof an der Straße nach Vitrolles-en-Lubéron

Eine der reizvollsten Gegenden der an sich landschaftlich schon so reichen und vielgestaltigen Provence ist das Gebiet des Luberon-Gebirges. An seinem Südhang etwas nördlich von Aix-en-Provence liegt das malerische Dorf Grambois. In genau nördlicher Richtung davon, an der Straße nach Vitrolles-en-Luberon (D 33), befindet sich nach etwa zwei Kilometern zur Rechten ein Transformatorenhäuschen. Von hier aus führt der durch eine Barriere abgesperrte Schotterweg ca. 500 m nach oben zu einer Einsiedelei aus dem 13. Jh., der Kapelle des Heiligen Pankratius. Gleich daneben, in einem geheimnisvollen Eichenhain mit seinem Spiel von Licht und Schatten, erfüllt von dem betörenden Duft mediterraner Kräuter, findet sich der romantischste Friedhof Südfrankreichs. Jederzeit zugänglich, kaum je von einem Fremden in seinem Dornröschenschlaf gestört, liegen hier etwa zehn Gräber aus dem 19. Jh., wir sind auf einem privaten Gottesacker. Offensichtlich handelt es sich bei den hier Bestatteten um die Angehörigen ein und derselben Familie. Einen gewissen Harold Fitch scheint es vor etwa zweihundert Jahren in diese Gegend verschlagen zu haben. Er vermählte sich mit einer Einheimischen. Namen wie "Clerc" oder "Bec" tauchen auf, sogar ein Mitglied der erlauchten Académie Française fand hier seine letzte Ruhestätte: der durch seine "Poêmes de la Mer" einen gewissen Ruhm genießende Joseph Antran (1813 1877).

Was uns aber interessiert, ist die dunkle Masse der geheimnisvollen Pyramide zwischen den Bäumen.

Auch sie ist natürlich ein Grab, allerdings von gewaltiger Ausmaßen: mit ihrer Höhe von ungefähr 4 m wirkt sie um einiges imposanter als etwa ihre berühmtere Schwester im Parc Monceau von Paris. Der etwas zu steile Böschungswinkel beträgt über 70°.

Auf jeder der vier Seiten kündet eine große Marmortafel von der Geschichte einer großen Liebe à la Tristan und Isolde. Etwas prosaischer ist zudem vermerkt: "Am 19. Juli 1819 verschied in Genf Joséphine Honorine Thomelin, verehelichte Bec, geboren in Marseille am 18. Oktober 1791, bestattet am 25. Juli 1819 im katholischen Friedhof von Plain-Palais (Genf); exhumiert am 14. August und überführt nach Grambois, wo sie in diesem Grabmal am 4. Oktober 1819 ihre letzte Ruhe fand."

Die Legende erzählt, der untröstliche Ehemann habe seine junge Gattin sitzend oder stehend beisetzen lassen wollen, geschmückt mit allen ihren Juwelen. Man vermutet auch, ein unterirdischer Gang führe von der Grabkammer unter den Altar der nahegelegenen Kapelle St. Pancrace. Da an den umliegenden Gräbern zum Teil sechsstrahlige Sonnen, Doppelrosen, Dreiecke und Templerkreuze als Dekorationselemente zu erkennen sind, wurde die Pyramide auch im Zusammenhang mit esoterischen Geheimnissen gesehen.

So oder so: wir haben es hier sicher mit einem bemerkenswerten Zeugnis der frühen Ägypten-Rezeption zu tun.

Viele Touristen aus dem Norden besuchen Jahr für Jahr die Provence, eine der reichsten Kulturlandschaften Europas. Die Kemet-Leser , die überall "ihr Ägypten" suchen, werden auf dieser Reise doppelt belohnt - auch hier hat das Land ihrer Sehnsucht seine Spuren hinterlassen.

Rudolf Jaggi