Kinderspielzeug
aus dem römischen bis frühislamzeitlichen Ägypten

 

Ein Blick auf das Inventar eines Kindergrabes aus der Nekropole von Hawara, das heute im Petrie Museum in London aufbewahrt wird, offenbart sehr anschaulich, womit ägyptische Kinder in römischer Zeit spielten und mit welcher Sorgfalt Spielgut seinerzeit hergestellt wurde (Abb. 1). Das Grab wurde 1888 von William Matthew Flinders Petrie entdeckt und enthielt ungewöhnlich viel Spielzeug, darunter die bemalte Terrakottastatuette einer sitzenden Frau, Miniaturmobiliar, -geschirr und -gläser, sowie kleine, mit Spindeln und Haarnetzen gefüllte Holzkisten oder Körbe, die auf die Grabstätte eines Mädchens oder einer jungen Frau hindeuten [1].

Abb. 1: Inventar eines Kindergrabes aus Hawara, nach Walker/Bierbrier, Ancient Faces. Mummy Portraits from Roman Egypt, London 1997, 213

In Berichten aus der Zeit der großen Entdeckungen um 1900 werden Spielzeuge in der Tat öfter in Verbindung mit Kindergräbern erwähnt. Meist sind sie nur pauschal und ohne Angabe des Fundzusammenhangs erfasst worden. W. M. F. Petrie listete immerhin die Inhalte von insgesamt drei Kindergräbern aus Hawara auf. Darüber hinaus sind seine Funde photographisch und in Skizzen erfasst [2]. Anhand der abgebildeten Objekte in seinen Publikationen ist es möglich, manches Stück ohne Herkunftsangabe nachträglich als Spielzeug zu identifizieren. Andere Forscher fanden verschiedene Ton-, Lehm-, Holz- und Beinfigürchen, namentlich Puppen, Reiter und verschiedene Tiere, „welche keinen anderen Zweck gehabt zu haben scheinen, als den Kindern als Spielzeug zu dienen." [3]." In der Regel erfahren wir nicht, wie das Spielzeug aussah, geschweige denn, ob es einem Mädchen oder einem Jungen gehörte.

Eine Durchsicht der einschlägigen Kataloge über Spielzeug aus der Antike genügt um festzustellen, dass es keine wesentlichen regionalen und kulturellen Unterschiede in den Spielobjekten gibt. Lokale Stileigentümlichkeiten und Zeitgeschmack lassen sich nur bedingt nachweisen. Eine konkrete kulturhistorische, funktionale und zeitliche Einordnung ist daher ohne Kenntnis des Fundkontextes im Nachhinein oft nicht möglich. Spielzeug ist universell, zeitlos und lässt sich eigentlich nicht definieren. Im Prinzip wird alles zum Spielzeug, womit in welcher Form auch immer gespielt wurde und wird. Es dient dem Zeitvertreib, gleichzeitig fördert es die kindliche Entwicklung. Mit Miniaturnachbildungen von Menschen, Tieren und Gebrauchsgegenständen empfinden Kinder die alltäglichen Ereignisse aus der Welt der Erwachsenen nach. Abgesehen davon appellieren alle denkbaren Gegenstände, die Kinder mehr oder weniger zufällig entdecken, wenn sie ihre Umwelt erkunden, an die kindliche Kreativität und Phantasie.

Das, was heute unter dem weitläufigen Begriff „Spielzeug" aus dem römischen bis frühislamzeitlichen Ägypten in den Museen und Sammlungen dargeboten wird, repräsentiert nur einen Bruchteil des ursprünglichen Bestandes. Es ist dennoch in ausreichender Menge erhalten, um bestimmte wiederkehrende Typen zu erkennen. Einer verhältnismäßig großen Anzahl von motivisch breit gefächerten Terrakotta-Figuren, die in Werkstätten produziert wurden und daher als Massenware bezeichnet werden können, steht eine überschaubare Menge von individuell gestaltetem Spielzeug gegenüber. Letzteres wurde meist aus organischen Materialien wie Textilien, Leder, Papyrus, Holz oder Nilschlamm hergestellt und hatte schon allein aus diesem Grunde eine geringere Überlebenschance. Hinzu kommt, dass diese Materialien selten von guter Qualität waren. Vielmehr handelte es sich um Abfälle, die anderweitig nicht mehr benötigt wurden. Solches Spielzeug zerfiel bereits dann, wenn man eine Zeit lang damit spielte. Dass sich dennoch einige Exemplare bis heute erhalten haben, hängt von zwei Faktoren ab: Selbstgefertigte Spielsachen wurden, genauso wie gewerblich produzierte, Kindern mit ins Grab gelegt. Dort blieben sie vor Zerstörung durch Gebrauch verschont. Außerdem haben konservatorisch günstige Bedingungen, die die konstant trockene Bodenbeschaffenheit in Ägypten bot, zum Erhalt beigetragen.

Abb. 2: Harpokrates auf einem Widder, Ägyptisches Museum Berlin, Inv. 8696

In der Literatur wird immer wieder, insbesondere im Zusammenhang mit figürlichen Miniaturen, die Frage erörtert, ob es sich um Kultobjekte oder um Spielzeug handelt. Hier zeichnet sich die Tendenz ab, in Tonfiguren eher kultische oder magische Objekte zu sehen, in Holz-, Bein- und Textilobjekten dagegen eher Spielzeug. Als Grund für die primär kultische Anwendung von Terrakotten wird u.a. das fragile Material angeführt, das zum Spielen ungeeignet sei. Dem widerspricht allerdings, dass gerade solche Figuren recht häufig in den Sammlungen vertreten sind, und zwar in überraschend gutem Erhaltungszustand. Sie wurden in aufgegebenen Siedlungen, zwischen Erdschichten oder in Gräbern entdeckt, haben Plünderungen, Ausgrabungen und Transporte weitgehend unbeschadet überstanden. Sie sind stabiler, als man zunächst annimmt, und waren daher sehr wohl zum Spielen geeignet.

Wie bereits angedeutet, ist für Kinder eine strikte Trennung zwischen Spiel- und Kultobjekt ohnehin irrelevant. Sie spielen mit dem, was ihnen gerade in die Hände fällt, und sehen keinen tieferen Sinn in dem Gegenstand, mit dem sie spielen. Man darf davon ausgehen, dass die meisten Objekte seinerzeit multifunktional waren. Das bedeutet, dass eine magisch-kultische Funktion eine Nutzung als Spielzeug nicht ausschließt und umgekehrt. Im Prinzip können jeder Figur magische Kräfte zu eigen sein, wenn es der Anwender so wünscht. Eine optische Kennzeichnung ist nicht unbedingt erforderlich, ein magischer Charakter daher oft nur schwer bzw. gar nicht beweisbar.

Manchmal weisen bestimmte ikonographische Merkmale auf einen ursprünglich religiösen Hintergrund hin. Dies gilt vor allem für zahlreiche Statuetten aus römischer Zeit, bei denen der Bezug auf die Götterwelt der Pharaonen noch evident ist. Als Beispiel sei hier nur auf die vielen Darstellungsformen des altägyptischen Gottes Horus verwiesen. Der in griechisch-römischer Zeit Harpokrates genannte Sohn von Isis und Osiris wird in verschiedenen Positionen als Kind mit einem Finger am Mund und oft in Begleitung von Tieren (Pferd, Widder oder Hund) wiedergegeben (Abb. 2). Schon deshalb liegt es nahe zu vermuten, dass Kinder gerne mit solchen Figürchen spielten, die gleichzeitig dazu dienten, sie zu beschützen.

In römischer Zeit waren Terrakotta-Statuetten von beleibten, hockenden oder stehenden Frauen beliebt, die mit aller Wahrscheinlichkeit auf Urbilder von Göttinnen zurückgehen. Sie sind nackt oder nur leicht bekleidet und tragen einen üppigen Kopfschmuck aus Blättern und Blütenkränzen. Man fand sie sowohl in Gräbern als auch in Siedlungen, wo sie als Schutzamulette oder Schmuck an Hausaltären dienten. Eine solche Statuette von recht bemerkenswerter Größe (30 cm) lag im eingangs beschriebenen Mädchengrab (Abb. 1: Mitte), womit die Grenzen zwischen religiös-kultischem Bereich und Spielzeug zweifelsfrei verschwimmen. Durch die weiche Modellierung von Gesicht und Körper sowie die hockende Stellung ist die Figur durchaus mit einem nackten Baby zu vergleichen [4]. Man kann nicht ausschließen, dass auch damit gespielt wurde.

Es liegt in der menschlichen Natur, einem Kind ein Kuscheltier oder eine Puppe zu geben, wenn es einschläft, krank ist oder sich an ungewohntem Ort aufhält. Damit verbindet es etwas Vertrautes, das gleichzeitig dazu dient, ihm Trost zu spenden. In diesem Sinne dürfen auch die vielen Figürchen verstanden werden, die Kindergräbern beilagen. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um Nachbildungen von Menschen oder Tieren handelt und aus welchem Material sie angefertigt waren. Es sind Gegenstände, zu denen das verstorbene Kind einen besonderen Bezug hatte. Als Begleiter für die Ewigkeit übernehmen sie die gleiche Funktion wie die Kuscheltiere. Es muss sich also nicht a priori um Amulette gehandelt haben. Wahrscheinlich war diese Bestimmung zweitrangig und kam erst mit dem Begräbnis zum Tragen.

Wie heute galt in der Antike die gleiche verallgemeinernde Regel, dass Mädchen in erster Linie mit Puppen, Jungen dagegen mit Pferden, Wagen und anderem eher technischen Gerät spielten.

 

Mädchenspielzeug

Abb. 3: Holzstatuette einer Frau mit Kind, Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek Wien, Inv. H 54

Mutter-Kind-Statuetten zählen zu den ältesten menschlichen Abbildern überhaupt. In Ägypten ist das Motiv seit prädynastischer Zeit bekannt. Es lebt in zahlreichen Statuetten der Göttin Isis mit dem Horusknaben insbesondere griechisch-römischer Zeit und später in christlicher Zeit in Darstellungen der stillenden Gottesmutter (Maria lactans) sowie in vielen neutralen Mutter-Kind-Figürchen im spätantiken bis frühislamzeitlichen Ägypten fort. Solche Figuren gelten als das Sinnbild für Fruchtbarkeit schlechthin und sind gleichzeitig Spiegel des alltäglichen Lebens. Dass gerade sie Mädchen ansprachen und zum Spielen anregten, darf aufgrund traditionell bewährter Erziehungsprinzipien als selbstverständlich angenommen werden. Stellvertretend sei hier eine aus Holz geschnitzte Mutter-Kind-Konfiguration im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien vorgestellt (Abb. 3). Sie gehört zu einer recht umfangreichen, homogenen Gruppe von stark stilisierten, dreidimensionalen, meist auf Podesten stehenden Holzpuppen mit runden oder kantigen Konturen und vorn zur Nasenachse spitz zulaufenden Gesichtern. Das Haar hat immer die Form einer Pagenfrisur. Die Arme sind als rechteckig vor dem Bauch vorspringender Block wiedergegeben und umfassen mitunter ein Kind, das wie hier vor dem Oberkörper oder in seitlicher Position auf der Hüfte angedeutet wird.

Abb. 4: Puppenvarianten, nach O. Wulff, Altchristliche und mittelalterliche byzantinische und italienische Bildwerke, Teil 1: Altchristliche Bildwerke (Königliche Museen zu Berlin. Beschreibung der Bildwerke der christlichen Epochen, 2. Auflage, Band 3), Berlin 1909, Taf. XXII

Geradezu massenhaft erhalten sind flache, aus Bein oder Holz geschnitzte Püppchen, die vermehrt in der Spätantike aufkommen und bis in die fatimidische Zeit (10.-13. Jh. n.Chr.) hinein im gesamten Vorderen Orient verbreitet waren. Hierbei ist nur die Vorderseite betont, die Rückseite dagegen weitgehend unbearbeitet bzw. nur geglättet. Oberflächlich betrachtet wirken diese Figürchen stereotyp, doch vermitteln allein die von Oskar Wulff publizierten und übersichtlich auf einer Tafel abgebildeten Exemplare im gegenwärtigen Berliner Museum für Byzantinische Kunst einen trefflichen Eindruck davon, wie unterschiedlich sie im Einzelnen ausfallen können (Abb. 4). Die Püppchen sind aus unterschiedlich dicken Holz-, Bein- oder Elfenbeinstücken geschnitzt. Sie haben einen ovalen bis birnenförmigen Kopf, der auf ein querliegendes Rechteck trifft, das den Armansatz bilden soll und konkave oder abgeschrägte Querseiten aufweisen kann. Oft sind seitliche Bohrlöcher nachzuweisen, die belegen, dass hier separat gefertigte Arme angebracht waren. Unter dem Armansatz verbreitert sich der Körper dieser Püppchen zur Hüfte hin. Die Beine sind entweder gar nicht oder durch einen von der unteren Kante eingeschnittenen Zwickel voneinander abgesetzt. Manchmal trennt er nur die Füße voneinander, manchmal reicht er bis zur Scham. Durch unterschiedlich tiefe Kerben sind Brust, Scham, Füße und Zehen, Details im Gesicht und der Haaransatz markiert. Die Nase ist mitunter noch plastisch ausgearbeitet. Gelegentlich wurden Frisuren aus Menschenhaar oder Wolle mit einer dunklen Paste oder Wachs angeklebt. Noch weiter stilisiert sind sog. anch-förmige Puppen, deren Umrisse dem altägyptischen Lebenssymbol entsprechen. Sie sind extrem flach, die Konturen nur noch angedeutet, die körperlichen Einzelheiten werden zu geometrischen Motiven. Oft sind auf der Vorderseite Kreispunktmotive eingestanzt oder einfache Kerben eingeschnitten.

Abb. 5: Kopfpuppe mit Textilkörper, Benaki-Museum Athen, Inv.-Nr. 10390

Die schlichteste Variante der Bein- und Holzpuppen stellen die „Kopfpuppen" dar. Hier ist lediglich der Kopf ausgebildet, vom Hals abwärts laufen sie unten spitz zu oder haben unten einen kleinen Zapfen. Die Arme bestehen mitunter aus einem quer zum Hals befestigten Holzstäbchen, so z.B. bei einem Exemplar aus dem Benaki-Museum in Athen (Abb. 5), bei dem die Spitze in einem aus Textilresten modellierten Körper steckt. Andere Kopfpuppen dürften dementsprechend zu rekonstruieren sein. Das Athener Exemplar war darüber hinaus mit einem Gewand ausgestattet, was nicht ungewöhnlich für den Typ der Flachpuppen zu sein scheint. Es fällt auf, dass sie immer nackt wiedergegeben sind und folglich gut geeignet zum Ankleiden. Eine besonders schöne, heute leider verlorene Holzpuppe aus Achmim kam über die Sammlung Albert Figdor im Jahr 1936 in das Berliner Museum für Byzantinische Kunst (Abb. 6). Auf einem Archivfoto ist der Kopf mit Halsansatz zu erkennen. Der fehlende Körper unterhalb des Halses ist durch einen modernen Stiel ersetzt worden. Den Kopf umgibt eine Frisur aus geflochtener Wolle. Die Puppe ist mit einer roten Wolltunika bekleidet, die sogar wie reale Modelle in Form gewebt und mit Wirkereien gemustert wurde.

Abb. 6: Holzpuppe mit Tunika, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst Berlin, Inv. 10779 (Verlust)

Puppengarderobe hat sich nicht nur in Verbindung mit Puppen, sondern auch separat erhalten. Ein Puppenkleid des 7.-9. Jh.s n.Chr. aus dem Fajum (Abb. 7) stellt eine Miniaturausgabe einer römischen Tunika dar. Es zeigt den typischen Dekor aus gewirkten Clavi (Längsstreifen) und einer Saumborte mit einem Rapportmuster aus Rosetten und anderen pflanzlichen Motiven. Von den schmalen Borten an den Ärmelenden und am Hals sind nur noch Spuren mit einem lancierten Muster erhalten.

Abb. 7: Puppentunika, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst Berlin, Inv. 9987

Ein anderes Puppenkleid wurde aus einem karierten Gewebe nach dem Vorbild arabischer Galabiyahs geschneidert (Abb. 8). Das Muster der gewirkten Besätze deutet auf eine Entstehung in fatimidischer Zeit (10.-12. Jh. n.Chr.) hin. Zur Puppengarderobe gehörten ferner Kopfbedeckungen und Schuhe. In Oxyrhynchus wurden eine Puppenmütze und ein -haarnetz gefunden, welche in der damals üblichen Nadelbindungs- und Sprangtechnik ausgeführt sind [5]. Eine Miniaturausgabe einer Papyrussandale besitzt das Musée des Beaux Arts in Lyon [6].

Abb. 8: Puppenkleid, Benaki Museum Athen Inv. 16537

Während Puppen aus Holz, Bein oder Ton eher schematisiert wirken und oft bis ins Detail übereinstimmende Merkmale aufweisen, bieten Textilpuppen materialbedingt individuellere und schier unendliche Gestaltungsmöglichkeiten. Es verwundert daher nicht, dass die wenigen bewahrten Exemplare alles andere als einheitlich erscheinen. Sie messen zwischen 3 und 30 cm. Allein solche Größenschwankungen kommen bei den anderen Puppentypen nicht vor. R. Janssen bezeichnet Textilpuppen sinnigerweise als „soft toys" [7]. Sie haben im Gegensatz zu Puppen aus Holz, Bein oder Ton einen geschmeidigen Körper. Dieser besteht aus einer aus Geweberesten hergestellten Hülle, die mit Lumpen, Wolle oder Papyrus ausgestopft wurde.

Abb. 9: Textilpuppe mit Goldschmuck, Ägyptisches Museum Berlin, Inv. 17954

Äußerst anmutig ist eine Textilpuppe aus römischer Zeit (Abb. 9), die trotz ihres vergänglichen Materials recht gut erhalten ist. Das Gesicht des Püppchens ist außergewöhnlich fein gestaltet. Die großen mandelförmigen Augen sind mit schwarzer Tinte aufgemalt, ebenso die Brauenbogen. Die zierliche Nase wurde aus dem Gewebe, das den Kopf der Puppe umspannt, und aus der Füllung modelliert. Bei genauer Betrachtung erkennt man, dass sogar die Jochbeine hervorgehoben sind. Für die Frisur wurde echtes Menschenhaar verwendet, das in zusammengerollten Strähnen den Kopf umgibt und somit an die Haartracht römischer Kaiserinnen des 2. Jh.s n.Chr. erinnert. Die Puppe ist mit einem heute etwas unansehnlichen, jedoch sehr sauber genähten und mit Stickereien verzierten Gewand bekleidet, das den Körper ponchoartig umspielt. Darunter sind noch Reste eines kürzeren Unterkleides aus feinem Leinengewebe erhalten. Besonders auffällig sind Ohrschmuck, Kette sowie Arm- und Fußringe aus echtem Gold, die einen Hinweis auf die soziale Schicht liefern, der das Kind angehörte. Andere Textilpuppen sind weitaus unbeholfener ausgeführt, wie gleich mehrere spätantike Exemplare aus Karanis belegen. Sie bestehen aus gefalteten Streifen aus Gewebe- oder Papyrusabfällen, die konzentrisch um ein kleines Gewebeknäuel gelegt und in Höhe des Halses mit Bändern umwickelt und auf diese Weise fixiert wurden. Die herabfallenden Enden der Gewebe- oder Papyrusstreifen bilden den Puppenkörper (Abb. 10). Man kann sich gut vorstellen, dass solche Puppen von Kindern selbst angefertigt wurden.

Abb. 10: Puppe aus Papyrusstreifen und Wolle, The Kelsey Museum of Archaeology Ann Arbor, Inv. 3856

 

Jungenspielzeug

Als Gegenpart zu den verschiedenen Puppenarten für Mädchen sind als typisches Jungenspielzeug in erster Linie Nachbildungen von Pferden zu nennen. Sie wurden aus Holz oder Ton gefertigt und können mit Rädern zum Ziehen oder Schieben ausgestattet sein oder einen Reiter auf dem Rücken tragen.

Abb. 11: Doppelpferd mit Reiter aus Holz, Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek Wien, Inv. H 45

Zwei besonders schöne und gut erhaltene Holzpferdchen befinden sich heute in den Sammlungen des Wiener Papyrusmuseums und des Louvre in Paris [8] (Abb. 11). Sie bestehen jeweils aus zwei flachen, identisch geschnitzten Pferdekörpern. Die Außenseiten der Pferdchen sind geglättet, einige Details wie Sattel, Mähne und Zaumzeug sind mit roter, weißer und schwarzer Farbe aufgemalt. Die Innenseiten weisen dagegen keine Malspuren auf. An den Läufen und Schnauzen sind Bohrlöcher zu erkennen. Durch die unteren Löcher wurden Achsen gesteckt, die die beiden Pferdekörperscheiben miteinander verbinden. Zusätzlich ist ein Stäbchen durch die Löcher in den Pferdemäulernn gezogen. Zur Stabilisierung wurde zwischen die beiden Pferdehälften noch eine Holzscheibe eingefügt, die beidseitig zwischen den Körpern einen kleinen Abstand belässt. Auf dieser Scheibe erhebt sich die Figur eines Lenkers, der überraschenderweise ziemlich genau dem Typ der hölzernen Rundpuppe mit vor der Brust verschränkten Armen und Pagenfrisur entspricht (s. Abb. 3). In diesem Falle scheint mit der Geste das Festhalten der Zügel gemeint zu sein. Der Reiter bzw. die Holzscheibe ist mit einer Art Scharnier befestigt, das beidseitig in dafür ausgesparten Löchern in den Pferderücken verankert ist. Dadurch konnte der Reiter sogar leicht nach vorn bzw. hinten geneigt werden. Es wird im Allgemeinen angenommen, dass es sich bei dieser Statuette um einen Reiter auf einem aus zwei separaten Hälften zusammengesetzten Pferd handelt. Möglicherweise war es hier aber beabsichtigt, eine Biga, d.h. einen von zwei Pferden gezogenen Wagen darzustellen. Dafür spräche, dass der Reiter eindeutig zwischen den beiden Scheiben sitzt.

Andere Pferdchen bestehen aus nur einer Holzscheibe, die dann beidseitig geglättet und bemalt ist. Sie können Reiterfiguren tragen, die sich von den oben beschriebenen hölzernen Rundpuppen nur dadurch unterscheiden, dass ihre Beine nicht unter einem imaginären Rock verschwinden, sondern ausgearbeitet sind, so dass sie auf den Pferderücken aufgesteckt werden können.

Abb. 12: „Trojanisches" Pferd aus Holz, Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek Wien, Inv. H 44

Für Jungen spielten Pferde, Wagen oder andere Fahrzeuge wie z. B. Schiffe [9] damals offenbar die gleiche Rolle wie heute die Spielautos. Wettrennen konnten simuliert werden, und sicherlich wurde spielerisch auch so manche Schlacht nachgestellt. Ein hölzernes, mit Rädern ausgestattetes Spielzeugpferdchen, wiederum in der Wiener Papyrussammlung (Abb. 12), zeigt eine rautenförmige Bemalung. Aus dem Körper blickt oberhalb der Vorderflanke ein menschliches Gesicht. Der Gedanke an eine Darstellung des trojanischen Pferdes drängt sich hier förmlich auf. Homers Epen waren auch in der ausgehenden Antike noch hinreichend bekannt. Deshalb darf man davon ausgehen, dass Odysseus’ Heldentaten spielerisch nachgestellt wurden. Wenn die Deutung richtig ist, hätte das Wiener Stück in der Archäologie einen außerordentlichen Stellenwert, denn Darstellungen des hölzernen Pferdes, in dessen Bauch sich griechische Soldaten versteckten, um die Stadt Troja zu erobern, sind aus der gesamten Antike kaum überliefert [10].

Abb. 13: Hahn aus Ton, Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien Inv. K 27

Holzrepliken anderer Tierarten kommen weitaus seltener vor. Hier wären insbesondere beräderte Vögelchen oder Fische zu nennen [11]. Dagegen sind Tiere aus Ton oder Lehm im römischen und spätantiken Ägypten recht häufig bewahrt. Dabei handelt es sich überwiegend um Miniaturen von domestizierten Tieren, wie Kamele bzw. Dromedare, Rinder, Schweine, Hunde und Vögel (Abb. 13). Sie spiegeln das landwirtschaftliche Leben von damals wider und kamen vor allem in Siedlungen, z. B. in Karanis oder Antinoopolis, in größeren Mengen zum Vorschein [12]. Ob es sich hierbei um Spielzeug oder Votivgaben handelt, ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden. Eine ambivalente Funktion ist auch hier sehr wahrscheinlich. Für eine dekorative „Nippesfigur" zur Innenausstattung des Hauses spricht allerdings die Nachbildung eines Hundes, der sich auf einem Sofa räkelt (Abb. 14).

Abb. 14: Hund auf Sofa aus Ton, Ägyptisches Museum Berlin, Inv. 13166

Tierfiguren aus Ton und Lehm wurden wie Puppen aus denselben Materialien entweder mit Modeln als Massenware produziert oder mit der Hand geformt. Handgefertigte Modelle sind in der Regel sehr einfach und unbeholfen ausgeführt. Welches Tier dargestellt werden sollte, lässt sich aber meist anhand der Umrisse erkennen. Einzelheiten können aufgemalt oder eingekerbt sein. Gerade diese unscheinbaren Tierchen wurden mit Liebe für das Detail gestaltet. So sind zum Beispiel einige sehr plump wirkende Vögel überliefert, die als Babyrassel dienten, denn ihre Körper wurden mit Steinchen gefüllt, die beim Schütteln Geräusche verursachten [13]. Überhaupt scheinen Vögel – real oder nachgebildet – für Kinder von besonderer Bedeutung gewesen zu sein. Sie sind wie kein anderes Tier auf vielen Kindergrabstelen im gesamten römischen Reich präsent. Als Beispiel sei hier auf etliche Kinderstelen aus Oxyrhynchos verwiesen, die hockende Kinder in Begleitung eines Vogels darstellen [14].

Dr. Cecilia Fluck, Süderlügum

Anmerkungen:

[1] Das komplette Inventar ist beschrieben bei S. Walker – M. Bierbrier, Ancient Faces, London 1997, 210-214 Nrn. 304-336

[2] W. M. F. Petrie, Hawara, Biahmu, and Arsinoe, London 1889, 12-13 Taf. XIX-XXI; W. M. F. Petrie, Objects of daily use, London 1927, 61-62 Taf. LIV-LV

[3] G. Schweinfurth, Zur Topographie der Ruinenstätte des alten Schet, in: ZS der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, 22 (1887) 62

[4] Vgl. dazu eine nackte Knabenpuppe des 2.-3. Jh.s n.Chr., vermutlich ägyptischer Herkunft im Hessischen Puppenmuseum Hanau-Wilhelmsbad: M. Andres, Die Antikensammlung. Griechische, römische, altorientalische Puppen und Verwandtes, Hanau 2000, 220-221, Nr. 142

[5] A. F. Kendrick, Catalogue of Textiles from Burying-Grounds in Egypt, Band 2, London 1921, 91 Nr. 614 und Taf. 32; R. Janssen, Soft toys from Egypt, in: D. M. Bailey (Hrsg.), Archaeological Research in Roman Egypt. The Proceedings of the Seventeenth Classical Colloquium of the Department of Greek and Roman Antiquities, British Museum December 1993 (Journal of Roman Archaeology Supplement no. 19), London 1996, 237-238 Abb. 8

[6] Lyon, Musée des Beaux Arts, Inv. IE, ausgestellt in der Vitrine: Egypte, la vie quotidienne N. 5

[7] Janssen 1996 (s. Anm. 5) passim

[8] M.-H. Rutschowscaya, Catalogue des bois de l’Egypte copte, Paris 1986, 86 Nr. 290

[9] Vgl. Andres (s. Anm. 4), 218-219 Nr. 141

[10] Vgl. die Zusammenstellung von A. Sadurska, Equus Troianus, in: LIMC III, 1 (1986) 813-817 und die dazugehörigen Abbildungen in: LIMC III, 2 (1986) 589-590, Equus Troianus 5, 8, 9, 12 und 13

[11] Vgl. G. A. Wainwright, Turnery, etc. from Kom Washim and Gerzah, in: ASAE 25 (1925) 113 Taf. XXV; G. Gabra, Kairo. Das Koptische Museum. Die frühen Kirchen, Kairo 1996, 98 Nr. 42 (Inv. 8890); O. Pelka Koptische Altertümer. Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg 1906, 40-41 Nr. 114-116; H. Froschauer – H. Harrauer (Hrsg.) Spiel am Nil. Unterhaltung im Alten Ägypten, Nilus Band 10, Wien 2004, 97 Nrn. 14-15.

[12] E. K. Gazda (Hrsg.), Karanis. An Egyptian Town in Roman Times, Ann Arbor 1983, 15 Abb. 23 und 29 Abb. 52; G. Nachtergael, Les terres cuites du Fayoum" dans les maisons de l’Égypte romaine, in: CdE 60 (1985) 223-239

[13] L. Török, Coptic Antiquities I (Bibliotheca Archaeologica 11), Rom 1993, 54, K 6 Taf. LXXV. Zu sehr ähnlichen Rasseln aus vorchristlicher Zeit im griechischen Raum und ihrer kultischen Anwendung vgl. Andres 2000 (s. Anm. 4) 172-173 Nrn. 99-100

[14] Ägypten. Schätze aus dem Wüstensand, Kunst und Kultur der Christen am Nil, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Gustav-Lübcke-Museum Hamm, Wiesbaden 1996, 75 Nr. 6

 

Literatur (Auswahl):

Andres, M., Die Antikensammlung. Griechische, römische, altorientalische Puppen und Verwandtes. Hessisches Puppenmuseum Hanau-Wilhelmsbad, Hanau 2000

Fluck, C., Ägyptische Puppen aus römischer bis früharabischer Zeit, in: Gedenkschrift Ulrike Horak (P. Horak), Papyrologica Florentina 34, Florenz 2004, 383-400 Farbabb. XVIII-XXVI

Froschauer/Harrauer (Hrsg.), Spiel am Nil. Unterhaltung im Alten Ägypten, Nilus Band 10, Wien 2004

Janssen, R.M., Soft toys from Egypt, in: D.M. Bailey (Hrsg.), Archaeological Research in Roman Egypt. The Proceedings of the Seventeenth Classical Colloquium of the Department of Greek and Roman Antiquities, British Museum December 1993, Journal of Roman Archaeology Supplement no. 19, London 1996, 231-239

Die Publikationserlaubnis für Abbildungen erteilten: A. Delivorrias und S. Tsourinaki, Benaki Museum Athen (Abb. 5, 8); A. Effenberger, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst Berlin (Abb. 6-7); K. Finneiser und D. Wildung, Ägyptisches Museum Berlin (Abb. 2, 9, 14); H. Froschauer, Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek Wien (Abb. 3, 11-13); R. Meador-Woodruff, The Kelsey Museum of Archaeology Ann Arbor (Abb. 10).