Nubiens byzantinisches Erbe II

Das Rosettenmotiv

 

Kennzeichnend für nubischen Metallschmuck, wie für den traditionellen islamischen Schmuck überhaupt, ist das Ornamentale. Abbilder von Lebewesen sind ausgesprochen selten und haben meist andere Wurzeln, wie etwa das byzantinisch-antike Motiv der Pfauen zu Seiten eines Kantharos (Kemet 3/2005, 72-76).

 
   

   

Abb. 1: Runde Amulettscheiben mit sechsstrahligem Rosettenmotiv aus Gold (links oben) und Silber aus dem Handel in Assuan (Slg. CB)

Die Schmuckformen bzw. Schmuckbestandteile lassen sich insbesondere im Nubischen auf die geometrischen Grundformen Kreis, Dreieck und Viereck, letzteres in Form von Quadraten, Rechtecken, Rauten und Trapezen, zurückführen. Hierin besteht eine gewisse Verwandtschaft zur Ornamentik der Tuareg in der Sahara.

 
   

   

Abb. 2: Runde Amulettscheiben mit sechs- oder mehrstrahligem Rosettenmotiv aus Silber aus dem Handel in Assuan, Luxor und Kairo (Slg. CB)

Besonders eindrucksvoll sind die runden, scheibenförmigen Silberblechanhänger, die mit ihrem geritzten und gepunzten Dekor die Blicke auf sich ziehen (Abb. 1-3). Vorherrschend ist das Motiv der sechsstrahligen Rosette, die in einem oder mehreren Zierkreisen gefasst ist. Diese Rahmung kann aus Punz- oder Ritzkreisen bestehen, bei letzteren ist das Dreiecksband besonders charakteristisch. Markant sind aber auch z.B. breite, mit arabischen Schriftzügen versehene Rahmungen, die das Mittelmotiv beinahe zurücktreten lassen. Die Rosette selbst wird aus sechs Spitzovalen gebildet, die in der Regel im Winkel von 60° zueinander stehen. Die Zwickel zwischen den Spitzovalen sind durch Ritz- oder Punzmuster meist flächig gefüllt, die äußeren Ovalspitzen können durch weitere, konzentrisch angeordnete Spitzovale verbunden sein. Der Durchmesser der Scheiben kann durchaus 10 cm erreichen, der Metallkörper aus biegbarem Blech bis hin zu einer massiven Platte bestehen.

Abb. 3: Runde Amulettscheibe mit Rosettenmotiv aus Silber aus dem Handel in Assuan (ø 4 cm; Slg. CB)

Die Ausführung dieser Schmuckform in Gold gibt es (heute) nur (noch?) in Material sparendem, in eine Matrize gepresstem Blech. Hier sind die Rosettenzwickel durch dreizipflige, vegetabile Gebilde gefüllt (Abb. 1 oben links).

Abb. 4: Unvollendetes Architekturteil aus Ashur, parthisch, 1. Jh.v.-1. Jh. n.Chr. (Photo CB)

Das Grundschema des Rosettenmotivs entsteht durch Konstruktion mit einem Zirkel: man beschreibt einen Kreis, setzt mit demselben Radius am Kreisbogen erneut an und führt innerhalb des ersten Kreises einen Kreisbogen aus. Anschließend sticht man den Zirkel in den Schnittpunkt zwischen Kreis und Kreisbogen und führt einen weiteren Kreisbogen aus. Dieser Vorgang wird so lange wiederholt, bis die Rosette komplett ist.





Abb. 5: Reliefdarstellungen des 4.-6. Jh.s mit christlicher Symbolik aus Kairo (1), Oviedo (2), Istanbul (3+4) (Brenk 1985, Nr. 279b, 325, 112a+b)

Eine ganze Reihe der vorgestellten Schmuckscheiben trägt die Konstruktionsritzlinien für dieses Motiv, inklusive Verzeichnungen (Abb. 3). Zum Teil wurden die Konstruktionslinien freihändig nachgeritzt oder in einzelnen Fällen das Motiv sogar gänzlich freihändig ausgeführt. Die Erstellung eines solchen Zirkelmusters bedarf im Verhältnis – auch bei geübter Hand – sicherlich mehr Zeit als der übliche Schmuck, dessen Ornamentik nicht so aufwendig konstruiert wird.

Abb. 6: Sarkophagdeckel aus der Zeit um 600 mit Kreuz und Felderzier aus Rosetten und den Buchstaben Alpha und Omega, aus Venasque/F (Brenk 1985, Nr. 368)

Doch woher stammt diese Zirkeltechnik und wieso ist das Rosettenmotiv unseren Augen so geläufig?

Ornamente, basierend auf aufwendiger Zirkelkonstruktion, reichen mindestens bis in die klassische Antike zurück. Eine der frühesten Quellen zu diesem Thema dürfte der griechische Philosoph Platon sein (5./4. Jh. v.Chr.; Philebos 51c): „Als Schönheit von Figuren versuche ich jetzt nicht das zu bezeichnen, was die Menge dafür nehmen dürfte, wie z.B. die von lebenden Wesen oder Gemälden, sondern ich verstehe darunter [...] Gerade und Kreis und die von diesen aus durch Zirkel und Lineal und Winkel entstehenden ebenen und räumlichen [Figuren]."

Die Verwendung von Zirkelornamentik auf runden Blechscheiben und anderen Objekten findet sich z.B., beeinflusst durch die Griechen, bei den Scheibenfibeln (Gewandspangen) der Kelten wieder.

Abb. 7: Chorschranke des 11.-12. Jh.s mit Rosettendekor aus Marmor, Istanbul (Photo CB)

Ein sehr eindrucksvolles Beispiel dieser Technik in der parthischen (Parther = altiranisches Reitervolk) Architektur des 1. Jh.s v. bis zum 1. Jh. n.Chr. befindet sich im Archäologischen Museum in Istanbul (Abb. 4). Zahlreiche sechsstrahlige Rosetten sind mit Spiralmotiven kombiniert und in ihren Herstellungsstadien auf einem unvollendeten Architekturteil zu studieren.

Römische Grabsteine zierte dieses Motiv ebenso wie auch römische Gürtelbestandteile, auf denen es in Kerbschnitttechnik ausgeführt wurde.

Abb. 8: Achtkantige Amulettscheiben mit Rosettenmotiv aus Silber aus dem Sudan (Schienerl 1992, Abb. 28 und 29)

Auf diesen Wurzeln fußend, war die Rosette auch im Motivschatz der oströmischen, byzantinischen Epoche vertreten. Mit dem aufblühenden Christentum kam ihr dann aber auch neuer Sinngehalt zu, der sie und andere Rosettenmotive zu dem bestimmenden Zierelement in der byzantinischen Kunst machte. Diese Entwicklung lässt sich sehr gut an der frühen Funeralkunst, so etwa dem Dekor der Sarkophage, nachvollziehen (Abb. 5). In römischer Zeit war es ein gängiges Dekorschema, die Büste des/der Verstorbenen (und seines/ihres Gatten) in einem runden Schild oder Kranz darzustellen, der häufig von zwei geflügelten Wesen in ihrer Mitte getragen oder besser präsentiert wurde. Mit dem Aufkommen des Christentums setzte man stattdessen ein Kreuz aus zwei Balken oder die griechischen Christusmonogramme PX (=chi ro = CHRistos) oder IX (Jesus CHristos) in den Kranz. Die Kombination der jeweils beiden Buchstaben ergibt ein sechsstrahliges Balkenornament, das – rosettenartig abstrahiert – als solches ebenfalls auf den Sarkophagen wie auf anderen religiösen Objekten, z.B. den Chorschranken, zu finden ist (Abb. 6-7).

Bemerkenswert ist u.a. aber auch, dass die Zwickelfüllung der nubischen Goldscheibe (Abb. 1 oben links), das dreizipflige, vegetabile Motiv, bereits auf einem Relief des 4.-6. Jh.s n.Chr. aus Kairo als Füllung der Kreuzesbalken-Zwischenräume erscheint!

Abb. 9: Nubische Silberfingerringe mit quadratischer Platte und Rosettenmotiv aus dem Handel in Assuan (Slg. CB)

Doch ist das Rosettenmotiv nicht nur auf die runden nubischen Scheiben beschränkt. Es tritt ebenso auf anderen, achteckigen Schmuckscheiben aus dem Sudan (Abb. 8) wie auch in reduzierter Form auf den quadratischen Blechplatten nubischer Fingerringe auf (Abb. 9).

Die Kombination des Rosettenmotivs mit achteckiger Blechscheibe besitzt in gewisser Weise sogar doppelt byzantinische Wurzeln. Nach Schienerl geht die Form dieser typisch sudanesischen Anhänger auf die von den Tuareg verwendeten Amulette aus Metall zurück, die ihrerseits als Verquickung der quadratischen Amulettbehältnisse der Byzantiner mit den vorislamischen Wasserschlauchamuletten des Sahararaumes zu sehen sind. Die Wasserschläuche bestanden aus (Ziegen-)Leder und besaßen vier „Zipfel" (Beinfortsätze).

Abb. 10: Runde Amulettscheiben mit sechsstrahligem Rosettenmotiv aus Silber aus dem Oman (Slg. CB)

Andererseits vereint sich bei der einen achteckigen Schmuckscheibe (Abb. 8 rechts) wie auch bei den beiden runden Scheiben (Abb. 2 oben) byzantinisches Motiv mit islamischen Segenssprüchen. Diese Elemente beider Kulturströmungen fanden sich bereits auf den nubischen (Gold-) Ohrringen mit byzantinischem Pfauen/Kantharosmotiv und islamischem Halbmond mit Stern, deren klassischer Umriss im Übrigen entsteht, wenn man aus einem Kreis einen kleineren Kreis, dessen Bogen an einer Stelle den größeren Kreis berührt und dessen Durchmesser die Größe des Radius des ersten Kreises besitzt, ausschneidet. Auch hier liegt eine mit Zirkel und Lineal gebildete Konstruktion vor.

Die Schmuckform des runden Anhängers ist im traditionellen Schmuck des islamisch-arabischen Raumes sehr geläufig, sofern es sich z.B. um Münzanhänger und deren Imitationen handelt. Bekanntestes Beispiel hierfür ist der österreichische Maria-Theresien-Taler, dem man überall begegnen kann. Anders ist es mit runden Schmuckscheiben, die aufgrund ihrer Größe und ihres Dekors einen besonderen Blickfang darstellen. Im nordafrikanischen Raum finden sie sich vor allem bei den Berbern, so z.B. die etwa 13 cm großen Scheiben aus Siwa, die an einem massiven Halsreif von unverheirateten Mädchen getragen werden. In Tunesien gehören etwas kleinere Scheiben als zentraler Anhänger zu einer Variante der Fibelgehänge, eines komplexen Brustschmuckes der Frauen. Während die Scheiben aus Siwa ein charakteristisches Dekor in Form von zwei sich kreuzenden Balken mit Sternmotiv in den Zwickeln besitzen, ziert die tunesischen Scheiben meist ein rautenförmiges Ornament, das durch vier spitzovale Fischmotive gebildet wird.

Abb. 11: Goldener nubischer Halsschmuck mit runder Amulettscheibe mit sechsstrahligem Rosettenmotiv (Postkarte Nubisches Museum Assuan)

Im Bereich der arabischen Halbinsel ist es der Oman, in dem Mädchen einen Halsschmuck aus Silberblechperlen, kreisförmigen Anhängern und einem zentralen runden Anhänger tragen. Die zentrale Scheibe, teils sogar auch die anderen Anhänger, können das sechsstrahlige, mit dem Zirkel konstruierte, geritzte Rosettenmotiv besitzen (Abb. 10). Diese Scheiben wirken hier etwas fremd, da sich der Schmuck der arabischen Halbinsel eher durch Ziertechniken wie Filigran, Granulation und Applikation auszeichnet. Möglich scheint ein Kontakt mit dem Nubischen, da ein reger Seehandel zwischen der Südküste der arabischen Halbinsel und der Ostküste Ägyptens und des Sudans bestand.

Doch zurück zu den nubischen Scheiben. Die goldenen Exemplare gehören als zentraler Anhänger zu Kolliers mit in der Regel sechs weiteren, tropfenförmigen Anhängern (Abb. 11) oder sechs scheibenförmigen runden Goldblechperlen, im Übrigen eine Anordnung, wie sie ähnlich im Oman beobachtet werden konnte. Diese Kolliers sind unter dem reichen weiteren Goldschmuck auf Bildern nubischer Bräute zu finden, aber auch mit weniger Schmuck kombiniert bei Frauen und Mädchen. Die Goldscheiben wirken relativ neu und werden bis in die heutige Zeit hergestellt. Wirklich alte Exemplare konnten nicht beobachtet werden, möglicherweise, weil das Gold wieder eingeschmolzen wurde.

Anders bei den silbernen Scheiben. Ihr inhaltlicher Wert überstieg offensichtlich den materiellen, denn bei ihnen lässt sich eine teils vielfache Wiederverwendung beobachten, so dass es schwierig ist, ursprüngliche Trageweisen zu erkennen. Häufig sind die Aufhängeösen der Scheiben durchgescheuert und wurden repariert oder erneuert. Die Anhängsel sind häufig aus anderem Silber und scheinen ebenfalls sekundär angebracht. Immer wieder taucht auch ein sekundärer Besatz mit (Glas)Steinen auf.

Besonders eindrucksvoll zeigen sich diese Veränderungen an einer Scheibe mit arabischer Schrift um das zentrale Rosettenmotiv (Abb. 2 rechts oben). Zuerst hatte die Scheibe eine polyedrische Aufhängeperle, eine sehr altertümliche nubische Aufhängervariante. Nach langem Tragen war die Perle durchgescheuert und die Scheibe wurde kurzerhand gelocht, um sie weiter tragen zu können. Möglicherweise wurde zu diesem Zeitpunkt (oder später) zentral auf der Scheibe eine grobe Fassung mit einem „Karneol" angebracht. Alte Lötspuren zeugen zudem von der Anbringung von Anhängseln. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wurden an die durchgewetzte Aufhängeperle ein neuer Anhänger und an die Scheibenunterkante neue lange Anhängsel angelötet, um die Scheibe in ein großes nubisches Gehänge zu integrieren, das mit roten und grünen Glassteinen besetzt ist (Abb. 12). An diesem einen Stück lassen sich also mindestens drei bis fünf (!) unterschiedliche Nutzungen nachweisen, wobei nur die letzte Tragweise der Scheibe überliefert ist.

Abb. 12: Nubisches Silbergehänge mit sekundär verwendeter Amulettscheibe mit sechsstrahligem Rosettenmotiv, aus dem Handel in Assuan (Slg. CB)

Dass diese Scheiben durchaus auch als Einzelstücke an einer Schnur oder einem Lederband getragen wurden, belegt ein Foto aus dem Bildarchiv der Universität Marburg (1.361.523). Es zeigt ein Kleinkind (Jungen?) mit einem sehr großen Exemplar der Scheiben um den Hals aus der Zeit vor 1900. Dieses Beispiel belegt auch die besondere Bedeutung dieser Scheiben, denn Kleinkinder bedurften des besonderen Schutzes gegen die bösen Geister und bekamen dafür besondere, schutzbringende Amulette. So trägt das Kind außerdem am Fuß einen eisernen Reif (Brand in Kemet 9/4, 2000, 67-70).

Abb. 13: Silberne Kette mit Halbmond-Scheibenanhänger, aus dem Handel in Luxor (Slg. CB)

Zuletzt sei noch eine Kollierform angesprochen (Abb. 13), die große Ähnlichkeit zu nubischen Gehängen aufweist, aber zumeist im Handel des Niltales auftritt. An einer Kette aus polyedrischen Gliedern, die mit Ringen alternieren, in die Blechbommel eingehängt sind, hängt ein mondförmiger Anhänger, in den wiederum ein runder scheibenförmiger Anhänger eingehängt ist. In vielen Fällen konnte hier ebenfalls eine sekundäre Verwendung des runden Elements, vor allem Münzen oder Münzimitationen, beobachtet werden, daneben aber auch „alte" nubische Scheiben. Alle besitzen angelötete Anhängsel. Bei originalen eingehängten Scheiben herrschen unterschiedliche Rosettenmotive vor (Abb. 2, die beiden unteren rechts), die große Ähnlichkeit mit den nubischen „Originalen" besitzen (z.B. Abb. 2 unten links). Ihrer Machart nach sind sie aber relativ neu.

Dr. Cordula Brand, Bochum

Literatur:

Brenk, B., Spätantike und frühes Christentum. Propyläen Kunstgeschichte 15, Frankfurt/Berlin/Wien 1985

al-Abidin, A.Z., Die Kunst der Herstellung volkstümlichen nubischen Schmucks, Ägyptische allgemeine Organisation für Bücher 1981

Schienerl, P.W., Byzanz – Sahara - Nil. Zur Genese und Typologie sudanesischer Amulettanhänger, Baessler-Archiv, NF Bd. XL, 1992, 1-16

Bachinger/Schienerl, Silberschmuck aus Ägypten, Frankfurt 1984

Brand, C., Nubiens byzantinisches Erbe: Mondförmige Blechohrringe, Kemet 3/2005, 72-76

Gericke, H., Mathematik in Antike und Orient, Berlin/Heidelberg/New York/Tokyo 1984