Kemet 2/2010

 

Zeitweilig Ptolemäisch: Nea Paphos auf Zypern

 

Zypern war schon in der Antike und ist noch heute ein rechter „Zankapfel“: 332 v.Chr. schlugen sich die Zyprer auf die Seite Alexanders des Großen und wurden Teil seines gewaltigen Reiches. Nach dessen Tod (323 v.Chr.) aber führten die sog. Diadochen – die Heerführer Alexanders des Großen – Krieg um diese Insel. Ausschlaggebend für diese Auseinandersetzungen waren einerseits vor allem die strategische Bedeutung, die günstige Lage im östlichen Mittelmeer – daran hat sich bis zum heutigen Tag wenig geändert – und andererseits, für die Antike besonders wichtig, der Reichtum an Holz und Kupfer. Bereits 312 v.Chr. wurde durch Ptolemaios die zyprische Stadt Marion zerstört. Die Auseinandersetzungen dauerten an und führten 306 v.Chr. zur Seeschlacht von Salamis, in der die Diadochen Ptolemaios I. von Ägypten und Demetrios I. Poliorketes aneinandergerieten. Diese Schlacht endete mit dem Sieg von Demetrios. Erst unter Ptolemaios I. Soter wurde Zypern 294 v.Chr. ptolemäische Provinz und blieb es dann auch bis 58 v.Chr.

Abb. 1:Truppenübungsplatz auf Santorin

Durch die ägyptischen Ptolemäer wurden auf Zypern nicht nur die einheimischen, „alteingesessenen“ Kulte weiter gefördert, unter denen der Kult der Aphrodite, deren Tempel in Alt-Paphos (Kouklia) stand, von größter Bedeutung war, sondern es entstanden auch weitere Tempel für griechische Götter: Hier soll beispielsweise der Tempel für Zeus Olympios in der alten Hauptstadt Salamis genannt werden. Folgerichtig wurden aber auch Tempel für ägyptische Gottheiten errichtet, schließlich waren die Ptolemäer gewissermaßen Ägypter: so für den neuen, erst unter Ptolemaios I. Soter (305-283/2 v.Chr.) „eingeführten“ Allbeherrscher Serapis oder den zur neuen Blüte erwachten Isis-Kult, für den ein Tempel in der Stadt Soloi erbaut wurde. Auch die nach ihrem Tode vergöttlichte Ptolemäerin Arsinoë (gest. 270 v.Chr., Gattin des Ptolemaios Philadelphos), die nach ihrem Tod mit Aphrodite gleichgesetzt wurde, fand Verehrung. So fanden sich auf Zypern in der Antike und finden sich sogar heute noch nach Arsinoë benannte Orte wie z.B. „Arsinoe Beach“.
Unter den Ptolemäern, die etwa zweieinhalb Jahrhunderte das Schicksal der Insel bestimmten, ist Ptolemaios X. Alexander I. ein bemerkenswerter Herrscher: Zunächst König von Zypern, schaffte er es mit der Hilfe seiner Mutter Kleopatra III., seinen älteren Bruder, Ptolemaios IX. Soter II., aus dem ägyptischen Alexandria zu vertreiben und selbst zum Pharao zu werden. Er galt als nicht gerade zimperlich: So soll er seine Mutter im Jahre 101 v.Chr. „beseitigt“ und sogar den Sarkophag Alexanders des Großen vernichtet haben. Angeblich benötigte er das Edelmetall, um seine Truppen entlohnen zu können. Das nutzte ihm freilich wenig, denn nachdem er aus Alexandria vertrieben worden war, kam er 88 v.Chr. bei dem Vorhaben um, Zypern zurückzuerobern. Der jüngere Sohn Ptolemaios’ IX. war bis 58 v.Chr. König von Zypern. Nach dem Tod des Ptolemaios, der sich vergiftete, wurde Zypern römische Provinz. Im 7. Jh. waren es dann die Araber, die die Stadt eroberten.

Abb. 2: Gut erhaltene Stadtmauer im Norden von Nea Paphos

Viel ist von den ägyptischen Ptolemäern, die in der Geschichte Zyperns keine unbedeutende Rolle spielten, vor Ort nicht mehr zu finden. Man muss etwas genauer suchen, um die Relikte aus ägyptischer Zeit auf dieser Insel wiederzuentdecken. In den Museen sind Funde erhalten, die zeigen, dass Zypern ein wichtiger Stützpunkt der Ägypter war – für viele der bedeutendste der Ptolemäer im Mittelmeerraum außerhalb Ägyptens überhaupt. Es soll aber in diesem Zusammenhang zumindest kurz erwähnt werden, dass beispielsweise auf der griechischen Insel Santorin bis ca. 146 v.Chr. die ptolemäische Flotte der Ägäis stationiert war: In Alt Thira entstanden im 3. Jh. v.Chr. u.a. ein Tempel für Serapis, Osiris und Anubis sowie eine Kaserne mit Kommandantur und Truppenübungsplatz (Abb. 1). Auch das Straßennetz, die Kanalisation und die Erweiterung verschiedener Gebäude – u.a. der Basilika Stoa – gehen in Alt Thira auf die Ptolemäer zurück.
Eine besondere Stellung nimmt unter den hellenistischen Städten Nea Paphos ein, das sich an der Südwestküste der Insel Zypern befindet. Im 4. Jh. erfolgte die angebliche Gründung von Nea Paphos durch den König Nikokles, der seinen Sitz in der Stadt Paleopaphos – Altpaphos – hatte. Jüngere archäologische Funde belegen aber, dass die neue Stadt in die Zeit vor das 4. Jh. v.Chr. zurückreicht. Strabo (= altgriechisch Strabon, geboren etwa 63 v.Chr., gestorben nach 23 n.Chr., ein griechischer Geograph und Geschichtsschreiber) berichtet sogar, dass Nea Paphos schon am Ende des trojanischen Krieges entstand. Entsprechende Funde aus dieser Zeit fehlen jedoch.

Abb. 3a: Hellenistische Stadtmauern in Nea Paphos von der Seeseite

Paphos ist heute in Fachkreisen berühmt und zudem ein besonderer touristischer Anziehungspunkt auf Zypern: Die antike Stadt ist u.a. wegen ihrer äußerst qualitätsvollen römischen Mosaiken aus dem 3. bis 5. Jh. n.Chr. ein Weltkulturerbe der UNESCO.
Ein wichtiges Vorhaben der Ptolemäer war der Ausbau der Hafenanlage von Nea Paphos zu einem Militärhafen. Die o.g. günstige Verbindung zu Alexandria war einer der ausschlaggebenden Gründe für die Bevorzugung dieses Standortes. Die Ptolemäer nutzten diesen Hafen, um neben Kupfer vor allem Holz, das sie zum Ausbau der neuen Flotte dringend benötigten, nach Ägypten zu verschiffen.

Abb. 3b: Hellenistische Stadtmauern in Nea Paphos (auf der Stadtmauer)

Nea Paphos löste im 2. Jh. v.Chr. die bisherige Hauptstadt Salamis ab und wurde damit selbst zur Metropole Zyperns. Der von Ägypten eingesetzte und abhängige „Oberste Befehlshaber“ oder „Generalgouverneur“, der sog. strategos, verwaltete von hier aus die Insel und steuerte damit auch die Ausbeutung der Ressourcen im Sinne Ägyptens und forcierte gleichzeitig den militärischen Ausbau.

Abb. 4: Älteres hellenistisches Mosaik in der Villa des Dionysos, unweit des Palastes des Statthalters (Villa des Theseus) gelegen

Die antike Stadt, deren Fläche etwa 1 Mio. m² ausmacht, wurde komplett von einer Stadtmauer gegen Angriffe geschützt. Die Reste der Stadtbefestigung sind aber heute nicht mehr allzu beeindruckend und eigentlich nur noch an der Seeseite (Abb. 2 und Abb. 3) ohne größere Probleme zu erkennen.

Abb. 5: Odeon

Die Stadt wurde unter den Ptolemäern für damalige Verhältnisse hochmodern umstrukturiert. Für diese Zeit kann sie als eine der durchdachtesten Städte im gesamten Mittelmeerraum überhaupt gelten. Dies zeigt sich beispielsweise an dem „fortschrittlichen“ rechtwinkligen Straßennetz, wie es ähnlich auch auf Santorin zu finden ist. Von großer Bedeutung waren für die Stadt die in Zypern angesiedelte ptolemäische Garnison und die Zentralverwaltung mit dem Sitz des vom Pharao eingesetzten höchsten Befehlshabers des Miltiärs.
Dass heute in Nea Paphos nur wenige Anlaufpunkte gute Gelegenheit bieten, den Spuren der Ägypter nachzugehen, ist u.a. mehreren schweren Erdbeben geschuldet und zudem in ganz besonderer Weise dem Abtragen von Gebäuden in römischer und späterer Zeit zwecks Steingewinnung. Insbesondere Letzteres hat dazu geführt, dass von der hellenistischen Stadt mit ihren einst eindrucksvollen öffentlichen und privaten Gebäuden – zumindest auf den ersten Blick – nicht sehr viel erhalten blieb.
Hinweise auf die Ägypter sind im Archäologischen Museum von Paphos zu finden, das in seinen fünf Sälen Funde von der Steinzeit bis zur Neuzeit beherbergt. In einem der Räume sind Objekte aus hellenistischer und aus römischer Zeit zu sehen: Unter den präsentierten Objekten sind zahlreiche hellenistische Statuen und eine außergewöhnliche Münzsamlung (s.u.) erwähnenswert.

Abb. 6a und b: Königsgräber

Vor Ort sind vor allem im Nordwesten von Nea Paphos, an der Coral Bay, die so bezeichneten Königsgräber, die aus der Zeit der Ptolemäer stammen, zu nennen. Bei diesen unterirdisch angelegten und aus dem Felsen herausgeschlagenen Grabstätten handelt es sich oft um sog. Peristylgräber (Abb. 6 a und c: Peristyl: lat. peristylium, gr. peristylion = recht­eckiger, auf den Seiten von Säulen umstandener [Innen-]Hof). Die zahlreichen Gräber, die auch in römischer Zeit genutzt wurden und außerhalb der Stadtmauern liegen, gelten heute als das bedeutendste hellenistische Zeugnis auf der Insel, das noch besucht werden kann. Es handelt sich bei ihnen vor allem um die Bestattungsplätze der ptolemäischen Oberschicht und der Beamten.

Abb. 6c: Königsgrab (Hist. Postkarte n. E. Ludwig)

Weniger bekannt sind weitere Gräber, die sich innerhalb der Stadtmauern (Abb. 7), z.T. aber schon außerhalb des heute eingezäunten Geländes befinden, weshalb Letztere aber auch in einem wesentlich schlechteren Erhaltungszustand sind.
Die Stadtmauern (Abb. 2 u. 3) selbst sind, wie oben erwähnt, im Nordwesten des Areals, im Bereich des Nordwesttores, noch am besten zu erkennen. Unweit davon befinden sich die Agora und das bemerkenswert gut erhaltene Odeon (Odeion, Abb. 5), dessen Anfänge aber anscheinend bis in die Gründungszeit der Stadt – und damit in die Zeit vor den Ptolemäern – zurückreichen. Das antike Straßennetz lässt sich vor Ort mit einiger Phantasie immerhin noch nachvollziehen.
Aus dem berühmten Haus des Dionysos, einer nahezu 2000m2 großen Villa, von der über ein Viertel der Fläche mit prachtvollen, römischen Mosaiken versehen ist, stammen auch Relikte aus älterer Zeit. Aus hellenistischer Zeit blieb ein aus schwarzen und weißen Steinen gesetztes Mosaik erhalten, das noch vor Ort zu sehen ist (Abb. 4). Weiterhin wurden ein Hort von nahezu 2500 silbernen Münzen und der Griff eines Messers, der Harpokrates darstellt, gefunden: Tatsächlich gibt es sogar Vermutungen, dass sich hier, unter der römischen Villa, Überreste eines älteren ptolemäischen Heiligtums – dem Harpokrates geweiht – befinden sollen.

Abb. 7: Gräber innerhalb der Stadtmauern

Abschließend und ergänzend soll kurz der römische Kopf einer Isis-Statue aus weißem Marmor erwähnt werden, der in der ebenfalls berühmten sog. Villa des Theseus (ca. 10.000 m2!), dem Sitz des Statthalters unweit der Villa des Dionysos, gefunden wurde und sich heute im Museum von Paphos befindet. Dieser überhaupt nicht mehr ägyptisch wirkende Kopf der Göttin wird in das 2. oder 3. Jh. n.Chr. datiert und gehört demnach in die Zeit nach den Ptolemäern.

Dr. Detlef Hopp, Bochum

Literatur:

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Daszewski/Michaelidis, Führer der Paphos Mosaiken, 1989
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Höber-Kamel, G., Vom Kultobjekt zur Allmutter – Die Göttin Isis, Kemet 4/2002, S. 14-16
Hopp, D., Ein Gott auf Reisen. Der Serapis-Tempel in Leptis Magna (Libyen), Kemet 4/2007, S. 69-71
Hornbostel, W., Serapis. Studien zur Überlieferungsgeschichte, den Erscheinungsformen und Wandlungen der Gestalt eines Gottes, Études préliminaires aux Religions Orientales dans l´Empire Romain 31, 1971
Littmann, G., Ägypten und die Fremden im ersten vorchristlichen Jahrtausend, 2003
Marcellinus, A., Das römische Weltreich vor dem Untergang (übersetzt von O. Veh), 1971
Krause/Müller, Theologische Realenzyklopädie: Wiedergeburt Zypern, 2004, 811-812
Vermeule, J.C., Greek and Roman Cyprus, 1976
Vidman, L., Isis und Serapis bei den Griechen und Römern, 1979

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