Kemet 2/2011

Die Moslembrüder und die Demokratie

Zur Geschichte

Nach dem Zusammenbruch des Khalifat-Staates, des Osmanischen Reiches, im Jahr 1928 gründete der Grundschullehrer Hassan al-Banna (geboren am 14. Oktober 1906 in Mahmudija im Delta) in Ismailia die fundamentalistische Organisation der Moslembrüder Ikhwan(al Ikhwan al Moslemun) mit dem Ziel, den „wahren“ Islam wiederherzustellen, die Scharia einzuführen und den Djihad (heiligen Krieg) gegen die Nicht-Muslime und deren Unterstützer zu führen.
Auch gegen die Briten, unter deren Protektorat Ägypten damals stand, führte die Bruderschaft Terroraktionen durch.
1948 wurden die Moslembrüder von Premierminister al Noqraschi Pascha verboten, was die Ikhwan mit einem Racheakt, d.h. einem Attentat gegen ihn, beantwortete. Am 12. Februar 1949 wurde al-Banna in Kairo – mutmaßlich im Auftrag der Regierung – erschossen.
1950 wurden die Moslembrüder von König Farouq wieder zugelassen. Inzwischen waren sie auf etwa eine halbe Million Mitglieder angewachsen.
Fast alle Mitglieder des Putsches gegen König Farouq vom 23. Juli 1952 – darunter auch Nasser und Sadat – waren Mitglieder der Bruderschaft. Der Streit um die Alleinherrschaft zwischen Nasser und den Moslembrüdern führte am 26. Oktober 1954 zu einem Attentat gegen Nasser, das jedoch scheiterte. Nasser reagierte darauf mit extremer Härte und ließ zahlreiche Mitglieder der islamistischen Bruderschaft verhaften.
Einer der führenden Köpfe der Bruderschaft, Sayed Qotb, verfasste 1964 das Buch „Die Wegzeichen“. Darin legte er dar, dass es legitim sei, auch Moslem-Herrscher zu stürzen, wenn sie nicht dem „wahren“ Islam folgten. Daraufhin wurde er verhaftet und 1966 hingerichtet.
1971, als Sadat an der Macht kam, wollte er die Kommunisten mit Hilfe der Islamisten schlagen, weswegen er alle unter Nasser verhafteten Mitglieder der Molembruderschaft freiließ. Um ihre Gunst zu erlangen, startete er eine globale Islamisierungsbewegung in allen Bereichen der Gesellschaft wie Schule, Rundfunk und Fernsehen etc. In demselben Jahr führte er die Scharia in der Verfassung ein, indem er den zweiten Artikel der Verfassung änderte, der fortan lautet: „Die Prinzipien der islamischen Scharia sind eine Hauptquelle der Gesetzgebung“. 1980 wurde daraus „die Hauptquelle“.
In der Ära Sadat führten radikale Splittergruppen der Moslembrüder wie Al-Takfir wa al Higra und Al Djihad al Islami Terrorattacken gegen die Regierung, die Touristen und die Kopten durch.
Einige Mitglieder der Moslembruderschaft, die eine wesentliche Rolle im internationalen Terrorismus spielten bzw. immer noch spielen, sind Umar Abd ar-Rahman, der Gründer der radikaleren al-Dschamaa al Islamija, und Ayman az Zawahri, die rechte Hand von Ben Laden.
Am 6. Oktober 1981 wurde Sadat von den von ihm protegierten Islamisten ermordet.
In dem Buch „Die Wahrheit über die Spezialeinheit und ihre Rolle bei der Verbreitung der Moslembruderschaft“ von Moustafa Al Sabbagh (1989) – der selbst ein Mitglied der Moslembrüder ist –, wird dieses Attentat nicht nur gebilligt, sondern sogar verherrlicht.
Unter Mubarak wurde die Moslembruderschaft zwar offiziell verboten, blieb aber praktisch weiterhin aktiv. 2005 hatten die Islamisten sogar 88 Abgeordnete im Parlament, die sich offiziell als „Parteilose“ zur Wahl gestellt hatten.
Heute gilt diese Bewegung als die bestorganisierte Einrichtung Ägyptens. Die Organisation hat ihre „Töchter“ in etwa 70 Ländern, sowohl in den arabischen islamischen Ländern wie z.B. die Hamas in Ghaza, aber auch in Tunesien – als auch in Amerika und Europa. Hier ist z.B. die Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (laut Verfassungsschutz des Landes Nordrhein-Westfalen) zu nennen.

Zum „Programm“ der Moslembruderschaft

Logo

In dem Logo der Moslembruderschaft ist oben der Quran (Koran) abgebildet, darunter sind zwei gekreuzte Schwerter und das arabische Wortwaedu zu sehen. Dieses Wort steht am Anfang von Absatz 60 der „Surat al Anfal“ (die Beute) aus dem Quran: „So rüstet wider sie, was ihr vermögt an Kräften und kampfbereiten Pferden, damit ihr die Feinde Allahs und eure Feinde in Angst versetzt [terrorisiert].“
Das Motto der Gruppe lautet: „Allah ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Quran ist unser Gesetz. Djihad ist unser Weg. Sterben auf dem Wege Allahs ist unsere größte Hoffnung.“

In der Satzung der Moslembrüder vom 12. April 1994 stehen u.a. als Ziele der Bruderschaft:

- Befreiung aller islamischen Länder von der nicht-islamischem Herrschaft …

- Gründung eines islamischen Staates, der die Gesetze des Islams und seine Lehre im Inland anwendet und sie im Ausland verbreitet

- Kooperation auf internationaler Ebene auf der Grundlage der islamischen Scharia, die die Freiheit und die Rechte der Menschen bewahrt

- Teilnahme am Aufbau der menschlichen Zivilisation auf der neuen Basis des Zusammenwirkens von Glauben und Materialismus nach der allgemeinen islamischen Ordnung

Die Mittel zur Realisierung dieser Ziele sind zusammengefasst die folgenden:

- Propaganda durch Rundfunk, Zeitung und Zeitschriften, Bücher …

- Geistige, körperliche und religiöse Erziehung

- Richtlinien für die staatlichen Einrichtungen und Bereinigung der Medien mit Hilfe der islamischen Richtlinien

- Einrichten von Moscheen, Schulen, Krankenhäusern, Freizeitzentren und karitativen Einrichtungen

- Vorbereitung der Umma (islamische Nation) auf der Grundlage des Djihad, damit sie vereint gegen die Feinde Allahs, Eroberer und Despoten, vorgeht. Dies ist ein Schritt auf dem Weg zur Errichtung eines islamischen Staates.

Obwohl die Bruderschaft nicht an der Macht ist, konnte sie einige dieser Ziele bereits realisieren. Dies kann man in Ägypten (buchstäblich) sehen: fast jede muslimische Frau trägt das Kopf-Tuch (Higab) oder sogar die Burqa (Niqab), zahllose Neubauten von Moscheen, sozusagen „an jeder Ecke“. Und man kann es auch hören: Hassprediger in vielen Moscheen verbreiten ihre radikalen Thesen. Die traditionellen, ägyptischen Begrüßungsformeln, wie „sabah el kheir“ oder „saïda“, sind fast verschwunden. An deren Stelle wird nur noch das hocharabische „Salamu Aleikum“ verwendet. Die Schulbücher sind voll von diskriminierenden Lehrinhalten, und sogar die Gerichte urteilen teilweise nach der Scharia, wie z.B. im Falle der Zwangsscheidung des Islamkritikers Nasr Hamid Abu Zeid von seiner Frau, und vieles mehr. Diese wenigen Beispiele verdeutlichen bereits, wie der Prozess der Islamisierung alle Lebensbereiche erfasst.

Der säkulare Staat

Die Moslembrüder lehnen einen säkularen Staat vollkommen ab. Bei den im Jahr 2005 stattfindenden Diskussionen über die Abschaffung des 2. Artikels der Verfassung gab es viel Aufregung und drohende Stimmen:
Mahdi Akef, der die Bruderschaft (von 2004-2010) führte, erzählte in einem Interview mit der Zeitung Al Masri Al Yom: „Diese Forderung ist eine Rote Linie [unantastbar], man darf sie nicht nähren. Wir warnen von weiteren Schritten in dieser Richtung“. Sein Stellvertreter Kamal Habib ergänzte: „Diese Forderung wird einen Bürgerkrieg anzetteln.“ Mamdouh Ismail, der Rechtsanwalt der Moslembrüder, ging noch einen Schritt weiter: „Diese Forderung kann nur über Leichen realisiert werden. Diejenigen, die dies fördern, wollen nur ein Blutbad in Ägypten.
In einem Interview mit dem ehemaligen Führer Moustafa Mashhour (1996-2002) in der Wochenzeitung Al Ahram Weekly von 3. April 1997 führte er aus, dass die Kopten unter einer islamischen Regierung die Djizja (Kopfsteuer) zahlen müssten und aus dem Militär entlassen werden sollten, denn „Die Armee ist die Armee des Staates und soll nur aus denjenigen bestehen, die denselben Glauben [d.i. Islam] haben wie der Staat.“

Loyalität nur gegenüber dem Islam

In dem unten stehenden Zitat wird das Wort "toz" verwendet. Der Begriff stammt wahrscheinlich aus dem Türkischen und bedeutet Staub. In Ägypten wird dieses Wort metaphorisch verwendet, um eine Person oder eine Sache als bedeutungslos und minderwertig zu deklarieren.
In einem Interview mit Mahdi Akef in der Ägyptischen Zeitschrift „Rose al Youssif“ sagte er: „toz fi masr, we abu masr we elli fi masrtoz, was frei übersetzt heißt: „Sch.. auf Ägypten, sch.. auf die Ägypter“! Diese Äußerung allein wäre Grund genug, den Mann wegen Hochverrats vor Gericht zu stellen.
Die Loyalität der Moslembrüder gilt an erster Stelle dem Islam und den Moslems, nicht aber Ägypten.
Der Bevölkerungszuwachs stellt das größte Problem Ägyptens dar. Allerdings sind die Moslembrüder strikt gegen jede Art von Geburtenkontrolle. In einem Vortrag von Al Banna 1937 vor dem Ägyptischen Medizinischen Rat sagte er dazu: „Islam ist eine Religion, Heimat und Nationalität. Und das Land der Moslems ist eine einzige Heimat; der Überfluss [an Bevölkerung] an einem Teil in ihm deckt den Mangel an einem zweiten Teil.“

(http://www.ikhwanonline.com/Article.asp?ArtID=7018& SecID=360)

Die Moslembrüder und die Juden

Der Staat Israel und das Judentum insgesamt werden von der Moslembruderschaft abgelehnt. Die Feindschaft gegenüber den Juden wurde bereits bei den Protesten von 1938 deutlich, als sie „Juden raus aus Ägypten und Palästina“ skandierten. Am 23. Dezember 2005 bezeichnete Mahdi Akef den Holocaust als „Mythos“.
In ikhwan.net (Quelle: Resalat al Ikhwan vom 12.3.2010 Nr. 629) verlangte Abd el Fattah Dehim unter „Al Ikhwan und die Normalisierung der Beziehung zu der Zionistischen ‚Existenz‘“ (der Begriff „Staat“ wird vermieden): „… annullieren aller Wirtschaftsvereinbahrung en mit dem zionistischen Feind. Rückkehr aus der Friedensvereinbarung, bekannt als die Vereinbahrung von Camp David. …“

Die Moslembrüder und die Macht

Miliz

In dem Buch „Was wäre, wenn die Moslembrüder herrschen?“ von Fatma Sayed Ahmed, Dar al Horeja, Kairo 2008, legt die Autorin dar, dass die Moslembrüder den Friedensvertrag mit Israel nicht anerkennen würden. Kritisch äußert sich die Autorin zu der „Miliz von Al Azhar“, einer Gruppe junger Männer, die mit vermummten Gesichtern vorgeblich eine Art Kampfsportschau aufführen. Diese „Show“, so schreibt die Autorin, sei jedoch eine handfeste militärische Übung, bei der sich die jungen Anhänger der Bruderschaft auf Straßenkämpfe und terroristische Handlungen vorbereiteten.
In einem Interview machte der damalige Stellvertreter des Islamistenführers, Mohamed Habib, seine Begeisterung für das iranische Staatssystem deutlich.
In einem Artikel in der ägyptischen Tageszeitung Al Ahram von 23. Dezember 2006 schreibt Dr. Refat al Saïd: „Die neuen Führer der Moslembrüder versichern, dass sie keine terroristischen Akte ausführen, aber sie haben noch nie die Terroristen verurteilt und lehnen den Terror nicht ab. Ist dies die neue Tiqija [d.h. sich anders (friedlich und tolerant) geben, als es der tatsächlichen Überzeugung entspricht, bis man stark genug ist]? Oder ist die Zeit noch nicht reif?!
Die Behauptung der Bruderschaft während der „Revolution“ von 2011, dass sie den Aufstand nicht für ihre Zwecke ausnutzen wolle, ist angesichts der über 80 Jahre langen Erfahrung mit dieser Gruppe, ihrer Satzung, ihren Äußerungen und ihrem Verhalten leider unglaubwürdig.
In dem Artikel in der den Moslem-Brüdern nahestehenden Zeitung al Shaab schreibt Amer Abd al Monem „Wer in Palästina den Djihad führen möchte, der soll morgen[Freitag, den 11.2.2011] hin ausgehen [zur Demonstration] um den zu stürzen [Mubarak], der das palästinische Volk [in Ghaza] umzingelt und al Aqsa [-Moschee] an Israel übergibt. Wer Israel hasst, soll morgen hinausgehen und den stürzen, der dem Ägyptischen Volk das Gas vorenthält und es ohne Entgelt den Zionisten gibt. Wer die Umma [Nation der Moslems] verteidigen will, soll morgen nach dem Freitagsgebet hinausgehen. …“

http://www.alshaab.com/newsprint.php?i=26898

Dass die Moslembruderschaft ihr Logo „Islam ist die Lösung!“ bei diesen Demonstrationen versteckt haben, ist nur als Taktik zu bewerten. M.E. warten sie den geeigneten Zeitpunkt ab, um dann ihr wahres Gesicht zu zeigen. Demokratie ist für sie nur Mittel zum Zweck, wie das Beispiel der Hammas in Ghaza zeigt.
Dass freie Wahlen kein Garant für die Bildung eines demokratischen Staates sind, zeigt das schmerzliche Beispiel der deutschen Geschichte: Auch Adolf Hitler kam 1933 durch freie, legitime Wahlen an die Macht.

Adel Kamel

Literatur

http://www.verfassungsschutz.niedersachsen.de/live/live.php?navigation_id=12328&article_id=54221&_psmand=30

www.ikhwanonline.com

http://www.hassanalbanna.org (arabisch)

http://www.daawa-info.net (arabisch)

http://www.ikhwan.net (arabisch)

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