Kemet 2/2012

Arosa* el burka – die Braut des Schleiers

Viel beschriebener und insbesondere in jüngster Zeit viel diskutierter Bestandteil der Kleidung orientalischer Frauen ist der Gesichtsschleier, ein in der Regel aus einem Gewebe bestehendes Kleidungsstück zur mehr oder wenig starken Bedeckung des Gesichtes. Diese Sitte der Verhüllung hat einen zeitlich weit zurückreichenden, orientalischen Ursprung und wurde dann in nachchristlicher Zeit vom Islam übernommen. Form, Farbe, Konstruktion und Benennung sind je nach Epoche und Region sehr unterschiedlich und Übergänge sehr fließend, so dass eine eindeutige Definition der einzelnen Typen schwerfällt.

Ägypterin mit Schleier

Abb. 1: Ägypterin mit Schleier, Stirnperle, großen Ohrringen und Halsring (links) und Brotverkäuferin in Djidda (Arabien, rechts), (Niebuhr 1774, Taf XXIII,48 und LVII)

Im Allgemeinen soll hier die sog. Burka untersucht werden, eine geschirrartige Konstruktion aus einem Stück Stoff, das in der Mitte eines Stirnbandes befestigt herabfällt und so das Gesicht bedeckt. Im Besonderen soll es um die ägyptischen Gesichtsschleier gehen, die auf der Stirn durch eine große zylindrische Perle – die arosa el burka – betont werden und die aus vielen historischen Porträtaufnahmen bekannt ist.
Arosa wird mit Puppe oder Braut übersetzt, so dass arosa el burka als die Braut des Schleiers, vielleicht als die „schmückende“ Hälfte der Gesichtsverschleierung verstanden werden kann.
Doch was hat es mit der arosa el burka auf sich, seit wann gibt es sie, wo stammt sie her und wie wurde sie getragen?

Geschichte der Burka in Ägypten

Die ältesten Nachrichten zu Gesichtsschleiern in islamischer Zeit finden sich in den Schriften aus dem Geniza (jüdisches Schriftenarchiv/-versteck) der Ben-Esra Synagoge von Fustat (Kairo) des 10.-13. Jh.s. Einige der 280.000 Texte enthalten Informationen zu verschiedenen Schleiertypen, ihre Farben, ihre Materialien, Preise usw. Sie wurden anscheinend sowohl von jüdischen als auch von muslimischen Frauen getragen. Bereits an dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass in Ägypten auch koptische Frauen bis zu Beginn des 20. Jh.s einen Gesichtsschleier trugen.
Erste archäologische Belege von Schleiern stammen aus Abfallschichten der Hafenstadt Quseir al-Qadim am Roten Meer. Bei den Exemplaren des 13. Jh.s handelt es sich um eine Burka aus weißem Leinen sowie ein Niqab (Burka -ähnlicher Schleier aus einem einzigen Stück Stoff) aus blau-weiß karierter Baumwolle.
Eine weitere Burka der frühen Neuzeit (16. Jh. oder jünger) stammt aus Qasr Ibrim in der Nähe des Assuan-Staudammes. Sie besteht aus roter Seide, die an den seitlichen Kanten mit dünnem braunem Leder abgesetzt ist und über der Nase eine Lederkordel mit zwei hell- und einer dunkelblauen Perle besitzt.
Bald setzen dann auch die ersten Beschreibungen europäischer Reisender ein. So beschreibt der Holländer Olfert Dapper 1668 die ägyptischen Frauen wie folgt: „Die Frauen, die etwas vornehm sind, gehen meistenteils weiß gekleidet und haben eine weiße Maske vor den Augen. Anstatt dieser Maske tragen die arabischen und ägyptischen Bäuerinnen ein baumwollenes Tuch vor dem Angesichte, welches schwarz oder von einer anderen Farbe ist und um das Kinn spitz zuläuft, mit zwei Löchern zur Durchsicht …“ (Dapper 1668, 70).

Ägypterin der niederen und oberen Gesellschaftsschicht in ihrer Ausgehkleidung

Abb. 2: Ägypterin der niederen (links) und oberen (rechts) Gesellschaftsschicht in ihrer Ausgehkleidung (Lane 1989, Abb. S. 53 und 57)

Und der Deutsche Carsten Niebuhr führt etwa 100 Jahre später (1761) über den Kopfputz aus: „Tafel XXIII,48 ist die Figur des Kopfputzes der Frau eines Schechs im Thal Faran bey dem Berge Sinai. Diese Kleidung hat viel ähnliches mit der Kleidung der Egypterinnen. Die erwähnte Frau hatte ein großes schwarzes Tuch über den Kopf, so wie die Weiber in Kahira und auch in einigen Städten von Deutschland zu tragen pflegen. Auf der Stirne hatte sie eine geflochtene Locke, und in derselben eine rothe Coralle. Vor dem Gesichte, wie alle Egypterinnen, ein langes schmales Tuch das an dreyen Stellen, nemlich an beyden Seiten und über der Nase, mit kleinen silbernen Ringen an einer Binde befestigt war, so dass nur die Augen frey waren …“ (Niebuhr 1774, 163f.).
Er fügte seiner Reisebeschreibung außerdem eine der ältesten Zeichnungen einer Frau mit Schleier bei (Abb. 1 links).
Ein knappes weiteres Jahrhundert später ist es der Engländer Lane, der längere Zeit in Kairo lebte, der sich in seinem 1836 erstmals erschienenen Werk the manners and customs of the modern egyptians auch über die Mode und den Schmuck seiner Zeit äußert. Zu den Gesichtsschleiern bemerkt er Folgendes: „Die Ausstattung [der Frauen der oberen und mittleren Klasse] zum Ausgehen oder Ausreiten wird tezyeereh genannt … Die Frau … trägt ein großes lockeres Gewand (genannt tob oder sebleh) … Des weiteren wird die burko oder der Gesichtsschleier angelegt, der aus einem langen Streifen aus weißem Musselin besteht und das gesamte Gesicht bis auf die Augen bedeckt und fast bis zu den Füßen reicht. Er ist oben an einem schmalen Band aufgehängt, welches über die Stirn führt und an einem Band festgenäht ist, ebenso wie die beiden oberen Ecken des Schleiers. Das Band wird um den Kopf geschnürt. Die Dame bedeckt sich schließlich mit der habarah … Die Kleidung von vielen Frauen der unteren Klassen, welche nicht die Ärmsten sind … [besteht] aus einer burko aus einer Art von grobem schwarzem Krepp … Der obere Teil der schwarzen burko ist häufig verziert mit unechten Perlen, kleinen Goldmünzen und anderen kleinen flachen Ornamenten aus dem selben Metall (genannt bark); manchmal mit einer Perle aus Koralle und einer Goldmünze daneben; auch mit kleinen Münzen aus minderwertigem Silber; und relativ häufig mit einem Paar von Ketten-Bündeln aus Messing oder Silber (genannt oyoon), die an den oberen Ecken befestigt sind …
Die burko und Schuhe sind am geläufigsten in Kairo und werden ebenfalls von vielen Frauen in Unterägypten getragen, aber in Oberägypten ist die burko sehr selten …
“ (Lane 1989, 52ff.)

Dekorierte schwarze Gesichtsschleier

Abb. 3: Dekorierte schwarze Gesichtsschleier (Lane 1989, Abb. S. 54)

Die bereits Dapper unterscheidet Lane die Burkas der vornehmen Frauen von denen der unteren Klassen. Neben der Farbe – weiß oder schwarz – gab es offensichtlich auch einen Unterschied in der Qualität des Stoffes – Musselin oder grober schwarzer Krepp – wie auch der weiteren Dekoration (Abb. 2). Während die weißen Burkas auch in den folgenden Jahrzehnten eine schlichte Eleganz ausstrahlten, indem sie grundsätzlich unverziert blieben und die Verbindung des Gesichtstuches mit dem Stirnband durch einen Streifen Stoff erfolgte, konnten die schwarzen Schleier in verschiedenster Weise dekoriert sein (Abb. 3). Hierbei fand vor allem eine vertikale Betonung der Mittel- (Nasen-) Achse des Schleiers, teilweise auch seiner Außenkanten statt. Am häufigsten ist die Dekoration des Befestigungsbandes zwischen dem Gesichtstuch und Stirnband, das durch aufgereihte Perlen betont wurde. Vielfach setzt sich diese Perlenreihe nach unten auf das Gesichtstuch fort, sei es durch weitere Perlen oder durch eine Münz(reih)e. Die Betonung der Außenkanten erfolgt nach Lane durch ein Kettenbündel mit Anhängseln. Eine flächige vertikale Gliederung des Gesichtstuches scheint zu dieser Zeit nur durch eine Musterung des Stoffes vorzukommen. Wenn auch der Schmuck in der Mittelachse des Schleiers die Augen trennt, so führt diese Trennung doch zu einer besonderen Betonung derselben, die durch ein horizontales Dekor der Oberkante des Gesichtstuches noch verstärkt werden konnte. Wie den Zeichnungen Lanes zu entnehmen ist, fand diese Betonung wiederum durch eine Musterung (Stickerei?) des Stoffes statt, wobei auf der Spitze stehende Dreiecke – ein Unheil abwehrendes Symbol – verwendet wurden.

Darstellungen von Ägypterinnen

Abb. 4: Darstellungen von Ägypterinnen bei Roberts (links) und Prisse d’Avennes (rechts) (Details aus Postkarten, Slg. CB

An dieser Stelle sei die Bemerkung eingeschoben, dass sich all diese bei Lane vorkommenden Zierelemente in Kombination miteinander und weiteren Elementen – vor allem flächig aufgenähte Münzreihen und Perlenstränge – noch heute an den Gesichtsschleiern der Frauen der Sinaibeduinen finden, wobei das Gesichtstuch häufig aus farbigem Stoff besteht (Abb. 5).

Sinaischleier, erworben 1990er Jahre

Abb. 5: Sinaischleier, erworben 1990er Jahre (Slg. CB)

Im zweiten Viertel des 19. Jh.s mehren sich schließlich auch die farbigen Illustrationen von Land und Leuten Ägyptens. Prominente Beispiele sind hier u.a. die Bilder des Malers David Roberts, der seinen Monumentdokumentationen immer kleine Genreszenen beifügte. Er stellte die Frauen ebenso mit den von Lane beschriebenen Gesichtsschleiern dar (Abb. 4 links) wie Prisse d’Avennes, der in einem volkskundlichen Album ägyptische Kostüme veröffentlichte (Abb. 4 rechts). Während die Bilder von Roberts in die Jahre 1838/39 entstanden, lässt sich die 1847 veröffentlichte Frauendarstellung von d’Avennes zeitlich nur in die Spanne von 1829, seiner Ankunft in Ägypten, und dem Jahr der Veröffentlichung datieren.

Verschleierte Ägypterin mit Schleierperle von Bida

Abb. 6: Verschleierte Ägypterin mit Schleierperle von Bida (Postkarte, Slg. CB)

Innerhalb der 1840er Jahre muss es schließlich besondere Impulse in Bezug auf die Gesichtsschleier und ihres Dekors gegeben haben, denn 1851 publizierte Alexandre Bida die – oder eine der ersten – Frauendarstellungen mit einer arosa el burka. Das schwarze, langrechteckige, bodenlange Gesichtstuch ist an der Oberkante, unterhalb der Augen, mit einer Reihe von Dreiecken betont, deren Spitzen in senkrechten Tropfen- oder Punktreihen auslaufen. In der Nasenachse wird die arosa nach unten durch eine Reihe Münzen verlängert (Abb. 6).
Wenige Jahre später erschienen von dem maltesischen Maler Amadeo Preziosi die „Souvenirs du Caire“ (1862), in denen er farbenprächtig eine vornehme Dame mit langem weißem Spitzenschleier, glänzend lachsfarbenem Kleid und dunklem Mantel abbildet, der ihre in dunkle Töne gekleidete Dienerin folgt. Die Dienerin, die der Dame scheinbar Einkäufe hinterher trägt, hat ihr langes Gesichtstuch im unteren Bereich geknotet und trägt an der Stirn eine große arosa el burka.
Aus den 1860er Jahren stammt auch eine der ältesten Serien von Studiofotografien. Die Fotosammlung des Getty Museum, New York, beherbergt einige Genreszenen des deutschen Fotografen Wilhelm Hammerschmidt, darunter Frauen mit weißen oder schwarzen Gesichtsschleiern. Wie bei den frühen Studioaufnahmen üblich, posieren die Frauen zumeist vor neutraler Studiokulisse. Häufig sind sie stehend in voller Körpergröße aufgenommen und präsentieren ihren langrechteckigen Gesichtsschleier entweder durch das Aufhalten des großen Überwurfes – eine fast exhibitionistische Geste – oder durch das Strammziehen und Festhalten des Überwurfes mit den Händen seitlich des Gesichtsschleiers. Auf diese Weise werden sowohl die weißen, unverzierten Burkas, als auch die mit großer arosa betonten schwarzen Gesichtsschleier präsentiert. In komplexeren Genreszenen finden sich nur Frauen mit schwarzer Burka, als Musikantinnen, (Orangen-)Verkäuferinnen mit Korb, Mutter mit auf der Schulter sitzendem Kind oder reitend auf einem Esel.

Fotografien der 2. Hälfte des 19. Jh.s mit verschleierten Frauen

Abb. 7: Fotografien der 2. Hälfte des 19. Jh.s mit verschleierten Frauen: links Fotograf unbekannt, rechts Foto Zangaki (Details aus Postkarten, Slg. CB)

In den folgenden Jahrzehnten bedienten sich viele weitere Fotostudios und Fotografen der Genrefotografie, wie etwa Hippolyte Arnoux, Emile und Henri Bechard, das Maison Bonfils, die Herren Sebah und Joaillier sowie die Gebrüder Zangaki (Abb. 7). Die Schaffenszeit setzt bei allen entweder mit dem Bau und der Eröffnung des Suezkanals um 1869 oder etwas später ein und dauerte bis in die 1890er Jahre an, so dass die meisten Bilder nicht enger datiert werden können. Dies bedeutet wiederum, dass die fotografierte „Mode“ ebenfalls zeitlich nicht enger eingegrenzt werden kann.

Porträts von Frauen mit durchbrochenen Gesichtsschleiern vom Beginn des 20. Jahrhunderts

Abb. 8: Porträts von Frauen mit durchbrochenen Gesichtsschleiern vom Beginn des 20. Jahrhunderts, Fotografen unbekannt (Details aus Postkarten, Slg. CB)

In die Jahre von 1874 bis etwa 1883 werden mit P. Sebah signierte Fotos datiert. Pascal Sebahs Bilder ähneln im Stil noch stark jenen von Hammerschmidt. Neben neutralen kommen gemalte Kulissen mit plastischen Landschaftsaccesoires vor. Allerdings wird die mit der großen arosa verzierte Burka meist nicht mehr komplett präsentiert, sondern ihr unterer Bereich ist in die Kleidung eingewickelt und unsichtbar. Der Stoff des Gesichtstuches wirkt häufig „krinkelig“ sich nach unten verjüngend und ist nicht mehr glatt langrechteckig. Hier lassen sich die 1883 veröffentlichten Beobachtungen des Reisenden Charms anfügen, der u.a. von dem zugespitzten Verlauf des Schleiers wie auch der „Putzsucht“ einfacher Fellachenfrauen berichtet: „Die Frauen der mittleren Klasse sind in ein großes Stück Taft eingewickelt, in der Regel schwarz, das habarah genannt wird und vom Kopf bis zu den Füßen reicht und die ganze Figur verhüllt. Ihr Gesicht wird von der Mitte der Nase an bedeckt mit einem langen Stück Stoff, das herabreicht zur Taille und manchmal bis zum Rocksaum. Dabei wird es zunehmend schmaler, wie ein Bart, und zugespitzt. Dieses Stück Stoff ist insbesondere bei den Frauen auf dem Land geschmückt mit allerlei Zierrat, mit Piastern und Amuletten, die sich bis zu den Ohrringen verteilen und das Gesicht der Fellachenfrau wie einen kleinen Schmuckladen aussehen lassen. Eine Art Schilfrohr aus Metall, üblicherweise aus vergoldetem Filigran, verbindet das Stück Stoff mit dem Teil der habarah der den Kopf bedeckt. Nur die Stirn und Augen bleiben unbedeckt.“ (Charms 1883, 92).
Die Bilder der übrigen zuvor genannten Fotografen zeigen eine ähnliche Mode bis in die 1890er Jahre hinein. Enger fassen lassen sich dann die um 1900 entstandenen Aufnahmen von Lekegian und Co., die diesen Trend des langen, zugespitzten Schleiers, der zumeist in der Kleidung eingesteckt ist, ebenfalls noch wiedergeben. Auch in den Beschreibungen europäischer Reisender ändert sich nichts in Bezug auf die arosa und Burka: „… die verschleierten Frauen mit der seltsamen Röhre aus Kupfer, die den Schleier mit der Kopfbedeckung verbindet … Die schwarzen Schleier hüllen sie ein, bedecken das Gesicht und fallen herab bis zum Boden, mit grenzenloser Würde; sie sind alle verschleiert und nur die Augen sind zu sehen, getrennt durch eine Röhre aus Kupfer …“ (Tillet 1900, 16 und 49f.) und: „… die Frauen von Kairo, alle gekleidet mit der habarah, einem großen Stück aus schwarzem Stoff, das vom Gesicht bis zu den Füßen reicht; ein bouron (ein kleiner Zylinder, vergoldet oder aus Kupfer), platziert zwischen den Augen, der die yabrah, einen langen Schleier in Form eines Zipfels [Keils] zurückhält, welcher von der Nasenwurzel bis zum Saum des Gewandes herunterfällt und das ganze Gesicht verdeckt bis auf ihre strahlenden Augen, die wie Karfunkelsteine glühen.“ (Joubert 1926, 30).

Porträts von Frauen mit durchbrochenen Gesichtsschleiern vom Beginn des 20. Jh.s

Abb. 9: Porträts von Frauen mit durchbrochenen Gesichtsschleiern vom Beginn des 20. Jh.s: links Fotograf unbekannt, rechts Foto Lehnert und Landrock (Details aus Postkarte und Fotoabzug, Slg. CB)

Zu Beginn des 20. Jh.s änderte sich allmählich die Einstellung zur Verschleierung des Gesichtes bei Frauen. Die Missionare übten Druck auf die Koptinnen aus, keine Schleier mehr zu tragen, und auch in islamischen Kreisen propagierte man vereinzelt das Ablegen des altmodischen Kleidungsstückes. Gleichzeitig veränderten sich auch die Schleier selbst, sie wurden kürzer, reichten häufig nur mehr bis auf Bauchhöhe, und es fanden unterschiedliche, leichtere, transparentere Stoffe und Häkelarbeiten Verwendung. Der Engländer Sladen kommentiert die Veränderungen: „Der größte Unterschied in ihrer Kleidung liegt im Schleier, da sie auf jeden Fall in irgendeiner Form in schwarz gekleidet ist, der je nach ihren Möglichkeiten aus Baumwolle, Crepe oder Satin besteht. Der Schleier der Ägypterin ist wie eine Fahne aus schwarzem Stoff, drei Fuß [ca. 90cm] lang und neun Inches [ca. 20cm] weit, aufgehängt an einem vergoldeten Zylinder mit drei Ringen um ihn herum, der von der Stirn zur Nasenspitze herunterhängt, er soll den Schleier von der Nase fernhalten und einen Luftschacht für den Mund bilden. Die türkisch-ägyptischen Frauen haben keine Nasenröhre und tragen einen weißen Schleier, der immer transparenter wird, weil sich diese Frauen mehr und mehr emanzipieren …“ (Sladen 1911, 10).
Zeitgenössische Frauenporträts, die seit etwa 1900 in großen Mengen in Form von Postkarten Verbreitung fanden (Abb. 8, 9 links und 10 links), wie auch die Porträts, die die Fotografen Lehnert und Landrock um 1923 von ägyptischen Frauen machten (Abb. 9 rechts und 10 rechts), illustrieren eindrücklich den veränderten Verschleierungsstil.

Porträts von Frauen mit Gesichtsschleiern vom Beginn des 20. Jh.s

Abb. 10: Porträts von Frauen mit Gesichtsschleiern vom Beginn des 20. Jh.s: links Fotograf unbekannt, rechts Foto Lehnert und Landrock (Details aus Postkarten, Slg. CB)

Im Rahmen der europäisch-amerikanischen Emanzipationsbewegung wurde in Ägypten 1923 die Egypt Feminist Union (EFU) gegründet, der Huda Sha’rawi bis 1947 als Präsidentin vorstand und für die Emanzipation der Ägypterinnen kämpfte. Während viele Frauen der gehobenen Schichten bald den Gesichtsschleier ablegten, hielt er sich bei den Frauen konservativer und niederer Schichten bis in die Mitte des 20. Jh.s.
Die bis heute als Objekt überlieferten Schleierperlen stammen in der Regel aus der ersten Hälfte des 20. Jh.s (Abb. 11). Da sie fast alle einen Silberstempel tragen, lassen sie sich auf das Jahr genau datieren. Während die in den 1920er Jahren gefertigten Perlen scheinbar allesamt noch großformatig sind, tauchen in den 1930er Jahren neben den großen auch deutlich kleinere Perlen auf, die auch noch in den 1940er Jahren hergestellt wurden. Die kleine arosa el burka saß auf der Nasenwurzel der Trägerin auf und zierte in der Regel sehr weitmaschige Häkelschleier, die das Gesicht kaum mehr zu verhüllen mochten (Abb. 12).
In ihrem jüngst erschienenen Buch über ägyptischen Schmuck geht die Ägypterin Azza Fahmy auch auf die arosa el burka ein. Ihre Ausführungen scheinen vor allem das Ende dieser Tracht zu betreffen. Demnach konnte die arosa el burka aus Gold, Silber, vergoldetem Metall oder Messing bestehen. Derartig verzierte Schleier wurden von der unteren Klasse getragen, während die mittlere und obere Klasse den türkischen yashmak (um die untere Gesichtshälfte gewickeltes, fast durchsichtiges Tuch) trug. Unter den Burkas benennt sie die Typen meshakhla (mit großen Öffnungen in Form von Drei- oder Vierecken) und shiftishi (netzähnlich; gehäkelt?), daneben spricht sie aber auch von knittriger schwarzer Seide, die in Ägyptens Textilzentrum Mahalla al-Kubra hergestellt wurde. Schließlich erwähnt sie Verbreitungsschwerpunkte unterschiedlicher Burkas:
So scheinen im Nordwestdelta, dem Gouvernorat Behera bei Alexandria, eher schlichte Schleier gebräuchlich gewesen zu sein, die nicht mit Gold verziert waren und manchmal gar ohne arosa bzw. nur mit einem aufgeschobenen Bambusstückchen getragen wurden. Daneben wurden hier scheinbar auch noch weiße Schleier getragen.
Hingegen waren die Burkas des Gouvernorat Scharqija bei Zagazig im Delta mit Reihen von Goldstücken dekoriert und konnten unterhalb der arosa ein Korallenstück tragen. In den Gegenden des Sinai, in Ismailia, Zagazig, Bilbeys, am Roten Meer und den Regionen al-Ayat, al-Saff und al-Wasta wurden anstelle der arosa eher Goldperlen getragen.

Aussehen, Technik und Herkunft

Bei der arosa el burka handelt es sich um eine Metallröhre, die mit feinem, gekordeltem Draht umwickelt ist. Gleichzeitig fasst der Draht drei runde, gezähnte Scheiben, die in regelmäßigen Abständen auf die Röhre geschoben wurden (Abb. 11).

Silberne Schleierperlen, zum Teil vergoldet, mit Stempeln der Jahre 1928/29

Abb. 11: Silberne Schleierperlen, zum Teil vergoldet, mit Stempeln der Jahre 1928/29 (2. von links), 1935/36 (2. von rechts). 1936/37 (links) und 1948/49 (rechts). Die linke Perle ist 6 cm hoch (Slg. CB)

In Museen (Abb. 13), Sammlungen und im Handel haben sich zumeist silberne oder silber-vergoldete Exemplare mit den charakteristischen Silberstempeln erhalten. Neben goldenen Schleierperlen, die größtenteils wahrscheinlich eingeschmolzen wurden, wurden auch solche aus Messing hergestellt. Letztere besitzen keine Drahtumwicklung, diese ist als Struktur auf der Röhre nachgeahmt.
Die arosa el burka gibt es in verschiedenen Größen und Proportionen von 3 bis 6 cm Länge und 0,7 bis 2 cm Röhrendurchmesser. Einige Schleierperlen aus dem Ethnologischen Museum Kairo (Abb. 13, besonders unten links und oben rechts) wie auch auf einigen historischen Fotos weisen eine größere Länge im Verhältnis zum Durchmesser auf.
Allen Perlen gemein ist, dass die Drahtumwicklung zwischen den drei gezähnten Scheiben zwei schmale Streifen ausspart, in denen die blanke Röhrenoberfläche glänzt (Abb. 11, 2. bis 4. Perle), alternativ kann hier auch ein Bandornament aus sich überlappenden Drahtschlaufen (Abb. 11 links) eingefügt sein.
Der aus drei nebeneinander liegenden Kästchen bestehende Silberstempel wurde in der Röhrenachse am Rande jenseits der ersten bzw. dritten gezähnten Scheibe eingeschlagen und verzeichnet, soweit erkennbar, Kairo als Herstellungs- bzw. Prägeort, wenngleich auch die Städte Alexandria, Kena, Tanta und Beni Suef eigene Silberstempel besaßen.

Gehäkelter Schleier mit Schleierperle aus dem Handel von Assuan

Abb. 12: Gehäkelter Schleier mit Schleierperle aus dem Handel von Assuan, 1990er Jahre (Slg. CB)

Einige publizierte Stücke wie auch ein Schleier aus dem Handel von Assuan (!) (Abb. 12) besitzen als Verjüngung des Kanals des Röhrenkörpers der arosa bzw. als Verstärkung des dünnen Blechkörpers ein eingeschobenes, längs gelochtes Stück Bambus oder Holz. Möglicherweise besaßen ursprünglich alle Schleierperlen eine Verjüngung/Verstärkung der Röhre, um sie zu stabilisieren und auf der Schnur, die das Gesichtstuch mit dem Stirnband verbindet, zu justieren. Angesichts des großen Röhrendurchmessers und der dünnen Schnur wäre ansonsten die arosa dauernd verrutscht.
Grundsätzlich mutet die Form der arosa innerhalb des (ägyptisch-) arabischen Schmuckwesens etwas ungewöhnlich an.
Blechröhren finden z.B. Verwendung als Perlen in Ägypten (Brand in Kemet 2005/1, 69-72; Abb. 14 oben) und besitzen eine Randbetonung wie auch häufig eine Binnengliederung durch aufgesetzte Blechstreifen oder Drähte, an denen sich zusätzlich Anhängeösen mit Blechbommeln befinden können. Ketten mit Perlen dieser Art wurden aber auch z.B. in Jerusalem hergestellt.

Schleierperlen im Ethnologischen Museum Kairo

Abb. 13: Schleierperlen im Ethnologischen Museum Kairo (Foto CB)

Von gleicher Konstruktion, aber größeren Dimensionen sind Silberblechelemente, die in Ägypten scheinbar Stäbe zierten (Abb. 14 rechts), welche wahrscheinlich im Brauchtum (z.B. bei Tänzen?) verwendet wurden.
Konische, leicht tonnenförmige gedrungene Blechperlen finden sich außerdem im omanischen Schmuckwesen der Arabischen Halbinsel. Wie bei den ägyptischen Perlen, besitzen sie eine Randbetonung wie auch häufig eine Binnengliederung durch aufgesetzte Blechstreifen. Sie werden als einzelne Blechperlen wie auch als an scheibenförmige Anhänger angelötete Fadenkanäle verwendet (Abb. 14 links).

Ägyptische Röhrenperlen und Stockaufsätze

Abb. 14: Ägyptische Röhrenperlen (oben) und Stockaufsätze (rechts) aus Silberblech und ein omanischer Silberanhänger (links; Slg. CB)

Schließlich finden Blechröhren auch bei komplexeren, aus mehreren Teilen zusammengesetzten Schmuckstücken Verwendung. Besonders hervorzuheben ist hier die Gruppe der kapselförmigen Amulette, die in ihrem Rohbau aus einer Röhre und zwei auf die Enden der Röhre aufgesetzten Halbkugeln bestehen (Abb. 15).
Frau Bos geht in einem Artikel zur Verschleierung davon aus, dass in der arosa auch Amulette aufbewahrt wurden, ohne diese Anmerkung zu belegen. Fraglich ist, wie ein solches Papieramulett in der offenen Röhre befestigt gewesen sein soll, es sei denn, man hätte es zwischen die zuvor erwähnten Bambus- oder Holzstücke und die Röhrenwandung gesteckt.
Insbesondere das Dekor der Schleierperlen durch gezwirnten Silberdraht (Filigran) ist eine Technik, die im ägyptischen Schmuckwesen keine, dafür im Schmuckhandwerk der Arabischen Halbinsel zusammen mit der Granulation eine bedeutende Rolle spielt. „Das Wesen von Filigran und Granulation besteht nun darin, Flächen mit Drähten und Granalien dekorativ zu füllen. Am einfachsten ist es, Drähte verschiedener Struktur nebeneinander anzuordnen, eventuell mit Galeriedraht oder Schlaufenband aufzulockern …“ (Heimberg 1986, 74). Unter anderem findet sich diese Zierweise auf den Endstücken und Amulettkapseln des arabischen Halsschmuckes (Abb. 15), die, wie die silberne arosa el burka aus dem Handel in Kairo (Abb. 11 links), auch mit Schlaufenband aufgelockerte Drahtflächen besitzen können.
Spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage nach dem Ursprung der arosa el burka. Wie gezeigt werden konnte, taucht sie verhältnismäßig unvermittelt in den 1840er Jahren an ägyptischen Schleiern auf. Das Dekor weist nach Arabien, doch leider ist eine Ableitung von der Halbinsel nahezu unmöglich, da die Quellen mehr als dürftig sind. Weder wurde bisher der Schmuck umfassender bearbeitet, noch reisten viele Europäer im 19. Jh. in dieses Land. Die wenigen, die über Arabien berichten, hatten zudem wenig oder keinen Kontakt zu den einheimischen Frauen. Die spärlichen überlieferten Bemerkungen bezüglich der Kleidung von Frauen, insbesondere ihrer Schleier, weisen auf die große Ähnlichkeit zur Kleidung in Ägypten hin (Abb. 1 rechts). „Auf der 57ten Tabelle ist ein Weib [in Dsjidda] abgebildet das brod verkauft. Diese Person ist ebenso gekleidet wie die gemeinen Weiber in Egypten… Über den Kopf hat sie einen großen Schleyer, und vor dem Gesichte ein schmales Stück Leinwand.“ (Niebuhr 1774, 284f.).
Daraus die Konsequenz abzuleiten, die Ägypterinnen seien modisch tonangebend gewesen und die arabischen Frauen hätten es ihnen dann gleichgetan, ist äußerst fraglich. Die Bemerkungen der Reisenden fußen vielmehr auf ihrer größeren Erfahrung mit den ägyptischen Sitten und Gebräuchen, die sie auf die spärlichen Beobachtungen in Arabien anwandten.
Arabien mit den heiligen Orten Mekka und Medina war seit jeher religiöses Zentrum und Ziel der Muslime aller Länder – wegen der räumlichen Nähe insbesondere der benachbarten Länder –, die auf ihrer Hadsch hierher reisten und bei ihrer Rückkehr oft zahlreiche arabische Güter in ihre Heimat mitbrachten.
Interessant in Bezug auf die Kontakte zwischen Arabien und Ägypten während des Endes der 1830er und den Anfang der 1840er Jahre ist der Umstand, dass im Jahre 1838 der saudische Führer Feisal I. durch die Türken nach Ägypten deportiert wurde und erst 1843 in seine Heimat zurückkehrte. Möglicherweise erreichten durch seine fünfjährige Anwesenheit in Kairo verstärkt arabische Impulse (Frauen?, Handwerker?, Händler mit Kleidung und Schmuck?) die ägyptische Hauptstadt.

Endstück eines Würgers und Anhänger von arabischem Halsschmuck

Abb. 15: Endstück eines Würgers und Anhänger von arabischem Halsschmuck (Slg. CB)

Leider lässt sich nicht recherchieren, ob es die arosa el burka in Arabien gab, zumindest weist jedoch ihre handwerkliche Technik sehr deutlich in das östlich gelegene Nachbarland Ägyptens.

100 Jahre Schleiermode mit der arosa el burka

Anhand historischer Bilder und Reisebeschreibungen lässt sich das Aufkommen dieser Mode in die 1840er Jahre datieren. Ihre Herkunft ist unklar, weist aber tendenziell Richtung Arabien. Zu jener Zeit bis zum Anfang der 1870er Jahre bestand das Gesichtstuch der ausschließlich schwarzen Schleier aus einem rechteckigen Stück Stoff, das bis zum Boden/Rocksaum reichte und frei herunterhing (Abb. 6).
In der Folgezeit bis zum Beginn des 20. Jh.s war das lange Gesichtstuch nach unten zugespitzt (Abb. 7 rechts) und wurde – zumindest auf den zeitgenössischen Fotos – häufig in die Kleidung eingesteckt getragen.
Seit Beginn des 20. Jh.s wurde ein kürzeres Gesichtstuch getragen, welches aus unterschiedlichen, häufig durchbrochenen Geweben/Häkelarbeiten bestand (Abb. 8-10).
Von den 1930er Jahren an bis zum Ende der arosa-Mode wurden die Gesichtstücher nahezu transparent bzw. durchsichtig und die arosa „schrumpfte“ von ehemals stolzer Größe von bis zu 6 cm auf nur mehr 3 cm (Abb. 12). Sie bedeckte nicht mehr die Mittelachse der Stirn, sondern saß nun auf der Nasenwurzel auf.

Cordula Brand

Literatur:
Bos, Jolanda, Arousa el Burka. The Pride of Veiling in Egypt and North East Africa. Ornament 29/2, 2005, 60-63
Brand, Cordula, Verschleierte Gesichter in den Ländern am Nil. Kemet 2002/4, 67-70
Azza Fahmy, Enchanted Jewelry of Egypt. The traditional Art and Craft, Cairo/New York 2007
Heimberg, Ursula, Filigran und Granulation. Dekorationstechniken bei südwestarabischen Silberarbeiten. Baessler-Archiv NF, Band XXXIV, 1986, 69-91
Vogelsang-Eastwood, Gillian, For modesty’s sake?, Tilburg 1996
Vogelsang-Eastwood/Vogelsang, Covering the moon. An Introduction to Middle Eastern Face Veils, Leuven/Paris/Dudley 2008
Reisebeschreibungen:
Charms, Gabriel, Five months at Cairo and in Lower Egypt, London 1883
Dapper, Olfert, Umständliche und eigentliche Beschreibung von Africa Anno 1668, Nachdruck Stuttgart 1964
Joubert, Joseph, En Dahabieh. Du Caire aux Cataractes, Paris 1926
Edward William Lane, The manners and customs of the modern Egyptians, London 1989
Niebuhrs Carsten, Reisebeschreibung nach Arabien und anderen umliegenden Ländern. 1. Band, Kopenhagen 1774
Sladen, Douglas, Oriental Cairo. The city of the “Arabian Nights”, London 1911
du Tillet, Jacques En Egypte, Paris 1900


* Obwohl die grammatisch korrekte Bezeichnung „Aroset el Burka“ ist, wurde darauf – zugunsten der Kompatibiltät mit anderen Quellen – verzichtet. Das Wort Arosa (Arusa) wird zu „Aroset“, wenn es Bestandteil einer „Genitivverbindung“ ist, wie in Aroset el Burka .

 

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