Pilger, Missionare und Hierarchen im St. Antonius-Kloster

 Von den alten koptischen Klöstern hat das geschichtsträchtige St. Antonius-Kloster am Fuß der Süd-Qalala-Berge im Wadi al-‘Arabah seit vielen Jahrhunderten nicht nur auf Mönche, sondern auch auf Besucher aus aller Herren Länder eine ganz besondere Faszination ausgeübt. Als erwiesene Geburtsstätte des christlichen Mönchtums zog das einsame Wüstenkloster an der Küste des Roten Meeres über Jahrhunderte Gottesstreiter, Asketen, Enthusiasten und Theologen, aber auch gottesfürchtige Pilger, glaubenseifrige Missionare und Hierarchen an. Als Wiege koptischer Frömmigkeit und Theologie haben die St. Antonius-Mönche der Kirche ein unwiderrufliches geistliches Erbe hinterlassen.
Von den 117 koptischen Päpsten wurden allein neun Patriarchen des 17.-19. Jh.s aus den Reihen der St. Antonius-Mönche in den Heiligenkalender der Kirche aufgenommen. Dies sind Johannes XV, Markus VI, Johannes XVI, Petrus VI, Johannes XVII, Markus VII, Johannes XVIII, Petrus VII und Kyrillus IV. Unter den bedeutendsten Heiligen der Mameluckenzeit ragt der hl. Markus, Asket des St. Antonius-Klosters (14. Jh.), heraus. Ihm zu Ehren hatten die Mönche schon im 15. Jh. im östlichen Teil des Klostergartens eine Kirche errichtet. 
Einer der hervorragendsten Apologeten des 19. Jh.s war der hl. Joseph ‚al-Abahh‘, Bischof von Girga und Achmim (gest. 1826), ehemals Mönch im St. Antonius-Kloster (16. Tubah, 24. Jan.). Als einer der „Narren Gottes“ des 20. Jh.s wurde der Asket und Eremit Abuna Yustus al-Antuni (1910-1976) schon wenige Jahre nach seinem Tod zum Heiligen erklärt (8. Kihak, 17. Dez.) [1]. 
In diesem Beitrag soll nun von den europäischen Pilgern des 14. und 15. Jh.s, von römisch-katholischen Missionaren des 17. und 18. Jh.s und von kirchenpolitisch motivierten Hierarchen des 19. Jh.s berichtet werden.

Pilger des 14. und 15. Jh.s im St. Antonius-Kloster
Was hat die mittelalterlichen europäischen Pilger motiviert, die beschwerliche Reise zum St. Antonius-Kloster in der inneren Wüste des Wadi al-‘Arabah anzutreten? Es gab dort weder kirchlichen Ablass, noch konnten sie dort zum Ritter geschlagen werden wie in Jerusalem oder auf dem Sinai. Hätten sie koptische Klöster kennen lernen wollen, so hätten sie es einfacher gehabt, die sieben Wüstenklöster (die noch im 15. Jh. bewohnt waren) im Wadi‘n-Natrun zwischen Kairo und Alexandria zu besuchen [2].
Zweifelsohne war es das Bedürfnis, jene Stätte aufzusuchen, an der der hl. Antonius vor über 1000 Jahren gewirkt hatte, galt er doch als die einzige Hilfe gegen das „höllische Feuer“. Schlimmer als die Lepra hatte sich seit dem 11. Jh. das sog. Antoniusfeuer, ignis sacer, in Europa epidemisch ausgebreitet. Schon 1095 wurde von Gaston de Dauphiné zu Vienne in Südfrankreich der Orden der Antoniter gegründet, der sich um die Versorgung der am Antoniusfeuer Erkrankten bemühte [3]. Gegen diese Art der Mutterkornvergiftung sollte der hl. Antonius Helfer sein. So betete man laut einem Feldarzneibuch von 1517: „O heiliger Antoni groß, Erwirb und Gnad ohn Unterloß, Ablaß der Sünden Gottes Huld und Gunst, Behüt uns vor deiner schweren Brunst“ [4]. 
Nur sehr wenige abendländische Pilger hatten es zu jener Zeit gewagt, das St. Antonius-Kloster aufzusuchen. Erwähnt wird es erst in der ersten Hälfte des 14. Jh.s von dem Venezianer Marino Sanuto (1320) und dem deutschen Gemeindepfarrer Ludoph von Suchem (1336), die es aber nicht besucht hatten [5]. 
Der erste glaubwürdige Pilgerbericht über das Kloster stammt aus der Feder des Barons Ogier VIII, Seigneur d‘Anglure, der mit einer Gruppe französischer Pilger das St. Antonius- und das St. Paulus-Kloster aufsuchte. Am 15. November segelten sie nilaufwärts zu jener Stätte, von wo aus sie mittels einer Kamelkarawane zum Kloster ritten. Beeindruckt von seinen Erlebnissen berichtete der Baron, dass er das St. Antonius-Kloster noch schöner als das St. Katharinen-Kloster fand und dass 100 Mönche, überaus heilige, ehrbare und sich selbst aufopfernde christliche Jakobiten (im 14. und 15. Jh. Bezeichnung für die Kopten und Syrer nach dem syrischen Mönch Jakob Baradäus aus dem 6. Jh.) dort lebten [6]. 


Die heraldischen Wappen des Grafen von Looz (l) und des Pilgers von Voserie (r) in der St. Antonius-Kirche


Von dem Grafen von Looz, der in der alten St. Antonius-Kirche sein Wappen mit Namen an der Westseite jenes Bogens, der Narthex und Kirchenschiff voneinander trennt, gemalt hat, besitzen wir keine Reisebeschreibung. Dasselbe gilt von dem Herrn Voserie (Savoyen), der seine schwarze Wappenzeichnung in der Nische gegenüber der Kapelle der ‚Körperlosen Wesen‘ angebracht hat.


Graffito des Pilgers van der Berghe Achilles in der St. Antonius-Kirche


Der Pilger van der Berghe Achilles verewigte sich mit einem Graffito an der Südwand des Bogens, der den Altarraum vom Kirchenschiff trennt [7]. 
Im Mai 1421 reiste der Diplomat und Ritter Ghillebert de Lannoy im Auftrag der Könige von England und Frankreich und des Herzogs Philipp von Burgund mit sieben Pilgern von Kairo zum St. Antonius-Kloster. Zu seiner Zeit war das Kloster von „50 beschnittenen jakobitischen Mönchen bewohnt“. 



Koptischer Mönch, 15. Jh., nach Arnold von Harrf, 1496


Aufgefallen waren ihm die beeindruckenden Palmengärten und Obstbäume sowie der Wehrturm, der bei der Quelle lag, die aus einem Felsen entsprang [8]. Dieser positive Eindruck des Klosters wurde auch durch den Bericht des letzten Grafen Philipp von Katzenellenbogen bestätigt, der im Herbst 1433 das St. Antonius-Kloster besuchte [9]. Drei Jahre später pilgerte der schleswig-holsteinische Ritter Dettlof Schinkel (1436) zum Kloster und hinterließ zweimal an der West- und Nordwand der St. Antonius-Kirche sein Familienwappen mit den drei herzförmigen Lindenblättern [10]. Über dem Graffito an der Westwand sind sowohl sein Wappen, sein Name mit Datum „deitl (of) skinkel mccccxxxvi“, das Ritterordenszeichen des Rades der hl. Katharina vom Sinai und darunter das Ritterzeichen des Schwertordens des Königs von Zypern gut erkennbar [11]. 



Das heraldische Wappen des Schleswiger Pilgers Dettlof Schinkel, 1436 in der Antonius-Kirche

Das heraldische Wappen des Schleswiger Pilgers Dettlof Schinkel, 1436 in der Antonius-Kirche
Einen Eindruck von dem Kloster zu Beginn des 15. Jh.s vermittelt der islamische Geschichtsschreiber al-Maqrizi (1419-1441). „Um zu diesem Kloster zu gelangen, reitet man drei Tage auf dem Kamel, denn es liegt in den östlichen Gebirgsketten. Zwischen ihnen und dem Meer ist es ein voller Tagesritt. Fast alle Arten von Früchten werden dort angebaut, und es gibt drei Quellen mit fließendem Wasser. Gegründet wurde es von dem hl. Antonius. Die Mönche dieses Klosters fasten ihr ganzes Leben, aber die Fastenzeit endet jeweils nachmittags, außer beim großen Fasten, wenn sich das Fasten erstreckt, bis die Sterne sichtbar werden.“ [12].
In den letzten Jahren des 15. Jh.s wurde das Kloster mit seinen Kirchen und Zellen von Beduinen verwüstet, die den Mönchen als Gärtner und Arbeiter gedient hatten. Die Mönche wurden getötet, und die mit Ruß bedeckten Wände der St. Antonius-Kirche sind bis zum heutigen Tag Zeugen der Usurpation. Die genauen Daten und die Zeitspanne der gewaltsamen Übernahme des Klosters sind nicht überliefert. Ein Kolophon einer zeitgenössischen Handschrift (Ms. copt. 9, Vatikanische Bibliothek, Rom) aus dem St. Antonius-Kloster von 1506 besagt, dass das Kloster zu jener Zeit nicht bewohnt war und von den Arbeitern zerstört worden sei [13]. Dem Franzosen Jean Thénaud erzählte man 1512 im St. Katharinenkloster auf dem Sinai, dass das St. Antonius-Kloster sieben Jahre zuvor zerstört wurde und die Mönche ermordet worden seien [14]. In der Geschichte des Syrer-Klosters (Deir es-Surian) wird berichtet, dass 20 Mönche ihres Klosters im Wadi ‘n-Natrun zum Aufbau des St. Antonius-Klosters geschickt wurden [15]. 
Schon wenige Jahre nach dem Wiederaufbau der Klosteranlage ließen sich dort auch äthiopische Mönche nieder. Francisco Alvares, der 1520 mit einer portugiesischen Gesandtschaft nach Äthiopien reiste, erwähnt äthiopische Pilger auf dem Weg nach Jerusalem, die über Hamasen und Suakin am Roten Meer zum St. Antonius-Kloster pilgerten [16]. Es war zu jener Zeit, dass der äthiopische König Lebnä Dengel (1508-1540) und die Königin Sabla Wangel dem St. Antonius-Kloster u.a. eine byzantinische Heiligen-Ikone vermachten [17]. Um 1561 schrieb im St. Antonius-Kloster ein äthiopischer Mönch namens „der kleine Sohn des hl. Takla Haymanot“ ein Buch über die Buße, so das Kolophon der Handschrift [18]. Als 1672 der Dominikanerpater Johann Michael Wansleben das Kloster besuchte, berichtete er von einem äthiopischen Kloster innerhalb des St. Antonius-Klosters, das zu jener Zeit jedoch zerstört war [19]. Die äthiopische Nutzung des Klosters erstreckte sich von ca. 1520 bis 1650. 



Missionare des 17. und 18. Jh.s im St. Antonius-Kloster
Durch die christologischen Entscheidungen des 4. Ökume-nischen Konzils von Chalzedon 451 wurden die miaphysitischen Kopten [20] von der römischen Reichskirche getrennt. Nicht nur wurde der ägyptische Patriarch Dioskorus von Alexandrien (444-451/52) in das Innerste Paphlagoniens – dem heutigen nördlichen Anatolien – verbannt, eine mia-physitische Synode in Alexandrien konterte und sprach über den römischen Papst und die Bischöfe von Konstantinopel und Antiochien den Bann aus [21]. Sowohl aus theologischen als auch aus machtpolitischen Gründen versuchten die römisch-katholischen Hierarchen immer wieder, die Kopten und die übrigen miaphysitischen Kirchen mit dem Stuhl des hl. Petrus zu vereinigen. Letztlich jedoch sind sie getrennt geblieben. 
Auf dem Konzil von Florenz (1439-1445) hoffte Papst Eugenius IV. mit den Dokumenten Exultate Deo (22.11.1439), Cantate Domino (4.2.1442) und Multa et amirabilia (30.11.1444) eine Union mit den Kopten, Äthiopiern, Armeniern und Syrern zu erreichen. Am 7. Juli 1439 hatte der Papst eine Einladung an Johannes XI., den 89. Patriarchen von Alexandrien, geschickt, um die Kopten mit der römisch-katholischen Kirche zu vereinen. Johannes, der Abt des St. Antonius-Klosters, wurde nach Florenz gesandt. Jedoch erreichte er die Stadt erst, nachdem die Griechen Florenz verlassen hatten, dennoch unterschrieb er jenes Unionsdokument, das die Kopten mit den übrigen Christen vereinte, wenigstens für einige Tage [22].
Im 16. Jh. versuchten allein vier Päpste, Pius IV. (1559-65), Gregor XIII. (1572-85), Sixtus V. (1585-90) und Klemens VIII. (1592-1605), die koptischen Patriarchen Gabriel VII. (1585-68), Johannes XIV., (1571-86) und Gabriel VIII. (1587-1603) zu einem Einlenken in der Unionsfrage zu bewegen. Jedoch die theologischen Probleme des Fegefeuers, der ungesäuerten Kommunionsbrote, des Ablasses, des Filioque (katholische Lehre, dass der Heilige Geist vom Vater und dem Sohn ausgeht) und besonders die des Petrus-Primats konnten für beide Kirchen nicht zufriedenstellend gelöst werden. 
Der Gedanke, eine Gesellschaft zur Wiederherstellung der schismatischen (von der wahren Lehre der Kirche abgefallenen) Brüder mit der römisch-katholischen Kirche zu gründen, geht auf den Reform-Papst Gregor XIII. (1572-85) zurück. Jedoch erst 1622, z.Z. von Papst Gregor XV. (1621-23), wurde der Plan verwirklicht und die Sancta Congregatio de propaganda fide ins Leben gerufen. Die Kapuziner (Ordo Fratrum Minorum Capuccinorum, OFMCap.), ein selbständiger Zweig des ersten Ordens des hl. Franz von Assisi, wurden von dem Barberini Papst Urban VIII. (1623-44) beauftragt, u.a. die irrgläubigen Kopten in den Schoß der hl.Kirche zurückzuführen. Die koptischen Mönche des St. Antonius-Klosters schienen für dieses Projekt prädestiniert, da die St. Antoniusväter sowohl in der Hierarchie der koptischen als auch der äthiopischen Kirche eine zentrale Rolle spielten. Das Oberhaupt der äthiopischen Kirche, der Abuna, wurde von koptischen Mönchen, besonders von jenen des St. Antonius-Klosters, gestellt. Dasselbe galt für das Metropolinat von Jerusalem, das traditionsgemäß ebenfalls von St. Antonius-Mönchen besetzt wurde. Letztlich kamen vom 17.-19. Jh. zehn der zwölf koptischen Patriarchen aus dem St. Antonius-Kloster. Auf jeden Fall spielten die St. Antonius-Mönche eine Schlüsselrolle bei den kirchenpolitischen Herausforderungen der koptischen Kirche. 



Das ehemalige katholische Terra Santa Kreuz über dem Eingang der St. Markus-Kirche

Schon 1623 erreichten die ersten beiden Franziskaner-Observanten Ägypten. Einer der Fratres dieser Erkundungsmission war jener Kapuziner Bernardus aus Ferula in Sizilien, der im Januar 1626 das St. Antonius-Kloster aufsuchte. Seine Graffiti waren bis vor einigen Jahren noch an den Altarschranken gut lesbar. Da aufgrund der Renovierungen der Kirchen diese Zeitzeugnisse in Gefahr sind, sollen wenigstens einige dieser Inschriften hier abgebildet werden. 
Frater Bernardus a Ferula Siculus de Observantia [...] sub die [...] X Ianuari 1626 [...]“ (Bruder Bernardus, der Observantia aus Ferula in Sizilien, [hat] an diesem Tag, dem 10. Januar 1626 [die Messe gelesen].
Offensichtlich hatten die koptischen Mönche den Kapuzinern die St. Markus-Kirche im Klostergarten für ihre Gottesdienste zur Verfügung gestellt. Noch um 1960 war über dem Eingang zur Kirche das katholische Terra Santa Kreuz gut erkennbar. Dieses existiert inzwischen nicht mehr. 
An der hölzernen Schranke vor den Reliquien des hl. Markus (er war z.Z. der Mamelucken Mönch im St. Antonius-Kloster, s. Kemet 1, 2000) las man folgenden Text: „Ubi celebra(vi) quadraginta diebus X ultra [...]. An der Altarschranke las man folgenden Text: „Frater Bernardus Trigilius Ferulensis Ordinis Minorum de Observantia Provinciae Siculae [...] h[a]ec aedes est Fr[atr]is Bernardi Ferulensis Siculi.“ (Frater Bernardus Trigilius aus Ferula von den Minderbrüdern der Observantia [...]. Dieser Raum gehört Fr. Bernardus aus Ferula in Sizilien.)



Lateinisches Graffito des Fr. Bernardus in der St. Markus-Kirche, 1626

Weiterhin liest man an der Südwand der St. Antonius-Höhle, 680 m über dem Meeresspiegel, allerdings nur noch schwach, das Datum 1626, das Fr. Bernardus dort hinterließ. Sowohl durch die Mönche als auch durch den unaufhörlichen Besucherstrom sind jetzt schon viele dieser Zeugnisse zerstört worden. 
In den dreißiger Jahren des 17. Jh.s hatten die Kapuzinerväter sich im St. Antonius-Kloster eingerichtet, um dort für ihre Missionsararbeit die arabische Sprache zu erlernen. In einem Schreiben vom 23. Februar 1639 an die Congregatio de propaganda fide in Rom ersuchte Fr. Andrea d’Arco darum, dass den koptischen Mönchen des St. Antonius-Klosters jährlich 40 scudi gezahlt werden sollten, so dass zwei bzw. drei Kapuziner dort die arabische Sprache lernen könnten [24]. Am 1. März 1639 informierte Fr. Santa della Pieve aus Padua die Congregatio, dass Fr. Gerard aus Mailand in das St. Antonius-Kloster gezogen sei. In dem Manuskript „Della Minoritica Riforma“ beschreibt Fr. Gerard, dass man mittels einer Winde auf die Klostermauer gezogen wird. Dieser Zugang besteht aus Furcht vor den umherschweifenden Räubern in der Wüste. Der Kapuziner wurde freundlich aufgenommen. Die Mönche waren äußerst ärmlich gekleidet und erschienen ihm wie Bettler. Einmal am Tag ernährten sie sich von Reis und Gemüse und tranken Wasser. Während der Fastenzeit aßen sie erst nach Sonnenuntergang. In einem weiteren Schreiben von Fr. Antonius de Virgoletta von 18. April 1639 wird die Propaganda aufgefordert, zusätzliche Missionare in die koptischen St. Antonius- und St. Makarius-Klöster zu senden, da sie dort innerhalb von sieben Monaten die Sprache erlernen könnten, was sie sonst nicht einmal in sieben Jahren erreichen würden (Etiopia francescana, a.a.O., S. 92). Die Resultate dieser Missionsstrategie waren offenkundig. Fr. Sylvester aus St. Aignan konnte 1651 melden, dass der Patriarch ihm erlaubt hatte, in koptischen Kirchen zu predigen, und Fr. Johannes Baptista aus St. Aignan berichtete dem französischen Oberintendanten der Finanzen Jean Baptiste Colbert, dass schon nach 1630 die Kapuziner in vielen koptischen Kirchen predigten und Priestern und Mönchen die Beichte abnahmen [25]. Diese Nachricht ist umso bedeutender, als am 21. März 1627 die Congregatio de propaganda fide ausdrücklich verboten hatte, mit den „Abtrünnigen“ sakramentale Gemeinsamkeiten zu pflegen [26]. 



Koptischer Mönch, 17. Jh., nach P. Jean Coppin, 1638

Die bedeutendste Persönlichkeit unter den Kapuzinern war zweifellos Fr. Agathangelus, der mit Fr. Cassien aus Nantes alle koptischen Klöster besuchte und im St. Antonius-Kloster vier Monate verbrachte. Zwei der koptischen Mönche hatten während der Zeit die katholische Lehre angenommen. Im St. Makarius-Kloster erwarb Fr. Agathangelus den bekannten und wertvollen Codex Barberianus Orientalis (14. Jh.), einen Polyglotten-Psalter [27]. 


Das St. Antonius-Kloster 1716, in R. Pococke, 1737

Ein Problem der Kapuzinermission in Ägypten war das unbotmäßige Verhalten der Europäer in den Städten, besonders auch das des französischen Konsuls. Einen informativen Eindruck von dem mönchischen Leben im St. Antonius-Kloster erhalten wir von Fr. Jean Coppin, der 1638-39 und wiederum von 1643-1646 die Klöster aufsuchte und über seine Erlebnisse berichtete. Die Mönchszellen hatten lediglich eine Höhe von 4, eine Breite von 5 und eine Länge von 7 Fuß, die „mehr einem Grab als einem Zimmer“ ähnelten [28]. Über die Theologie der Kopten waren die Kapuziner genau so schlecht informiert wie viele Europäer noch drei Jahrhunderte später. So beschuldigten sie die Kopten immer wieder der Häresie des Archimandriten Eutyches, der lehrte, „dass die Menschheit Christi in die Gottheit aufginge“, eine Irrlehre, die die Kopten seit eh und je verworfen hatten. 
Wohl der wichtigste und farbenprächtigste Helfer der Kapuzinermissionare war der Venezianer Santo Seghezzi, der als einer der beiden französischen Konsuln fungierte. Er war die Schlüsselperson für alle Ausländer und vertrat gleichermaßen die wirtschaftlichen und politischen Interessen von Venedig, Messina, Holland, Frankreich und England, so die Einschätzung des Dominikanerpaters Johann M. Wansleben (1671). Außerdem gab es noch Jacques Albert, der seit 35 Jahren in Kairo lebte und das Vertrauen der örtlichen türkischen Verwaltung genoss. Er war es, der die Reisen der Kapuziner zu den Wüstenklöstern arrangierte [29]. 


Katholische Missionare werden mit der Winde in das Kloster hinaufgezogen, 1883

Am 3. Oktober 1672 erreichte der Dominikanerpater Johann M. Wansleben, von der Klosterniederlassung in Bush bei Beni Suef kommend, das Wüstenkloster, wo er zwei Wochen verbrachte. Auch er wurde mittels der Winde auf die Klostermauer gezogen. Genau beschreibt er die drei Kirchen, die Zellen und das klösterliche Leben (Vansleben, J.M., a.a.O., S. 302): Alle Mönche sind Vegetarier und schlafen auf dem Boden, ausgenommen der Abt und die Kranken. Die Mönche beten die sieben Horen und praktizieren täglich die 150 Niederwerfungen (metaneya). Sie essen nur einmal täglich außer Samstag und Sonntag, wenn sie zweimal essen. Da sie innerhalb der Klostermauern kein Fleisch essen dürfen, verzehren sie es außerhalb des Klosters. Die Entfernung zum Roten Meer ist zu groß und der Weg zu gefährlich, so dass sie auch keinen Fisch essen. Die Mönche geben sich nicht dem Studium hin, sondern sind mit ihren Andachtsbüchern, dem Heiligenkalender, dem „Paradies der Väter“ und ähnlicher Literatur zufrieden. Die Bibliothek besteht aus drei oder vier Kisten alter arabischer und koptischer Manuskripte im Wehrturm. Drei Handschriften begeisterten den Pater besonders, ein koptisch-arabisches Wörterbuch, eine koptische Grammatik und ein theologisches Werk von Ibn al-‘Assal.


Das St. Antonius-Kloster 1883

Die „zweite Generation“ römisch-katholischer Missionare, die sich um die Einheit der orientalischen ‚Schismatiker‘ mit der Kirche Roms bemühten, wurde von den französischen Jesuiten gestellt. Gleichermaßen waren diese Theologen aber auch an den koptischen Klosterbibliotheken interessiert, um so viele Manuskripte wie möglich für die europäischen Bibliotheken zu erwerben. Der erste Jesuitenpater, der im Frühjahr 1698 das St. Antonius-Kloster besuchte, war P. Antoine-Marie Nacchi, S.J., der 1746 zum Superior der Jesuiten-Mission im Nahen Osten avancierte. Im Rahmen der Jesuiten-Mission reisten im Mai 1716 P. Claude Sicard, S.J., und der Maronitenpater Joseph Simon Assemani (1678-1768) über die Klosterniederlassung in Bush zum St. Antonius-Kloster, wo sie freundlich aufgenommen wurden. Mit Wein und Kaffee hießen die 15 Mönche die katholischen Besucher herzlich willkommen. P. Assemani erwarb für die Biblioteca Apostolica Vaticana eine Reihe von Manuskripten, während P. Sicard theologische Diskussionen mit dem Abt führte, der gleichzeitig auch den Mönchen des St. Paulus-Klosters vorstand. In der Antonius-Höhle oberhalb des Klosters zelebrierten die Katholiken die hl. Messe [30]. 
Zweifellos veranlassten diese wiederholten Missionsversuche den koptischen Patriarchen Johannes XVIII. (1769-96), den Theologen Joseph al-‘Abahh, Bischof von Girga und Achmim, zu engagieren, um der katholischen Kirche mit einer theologisch fundierten Apologie zu antworten. Daraufhin wurden auch für einige Jahrzehnte die katholischen Unionsbestrebungen aufgegeben [31].
Zwar hatte Papst Benedikt XIV. 1741 einen koptischen Bischof aus Jerusalem als „Apostolischen Vikar“ für die Kopten in Ägypten eingesetzt, dieser aber hat nie in Ägypten residiert. 1854 ernannte Papst Pius IX. Athanasius Khusam als Verwalter der katholischen Kopten. Erst 1895 wurde dann durch Papst Leo XIII. mit seiner apostolischen Botschaft Christi Domini das koptisch-katholische Patriarchat gegründet, dem Kyrillus Makarius als erster katholischer Hierarch vorstand. Dieser legte 1908 sein Amt nieder, das erst 1947 von Markus Khusam wieder besetzt wurde. Ihm folgte 1958 Stephanus I. Sidarus. Seit 1986 ist Stephanus II. Ghattas der koptisch-katholische Patriarch.



Hierarchen des 19. Jh.s im St. Antonius-Kloster
Drei sehr unterschiedliche geistliche Persönlichkeiten haben in den fünfziger Jahren des 19. Jh.s aufgrund differenzierter Anliegen das St. Antonius-Kloster besucht. Der russische Archimandrit Porphyrius Uspensky aus der St. Petersburger Geistlichen Akademie war von der Heiligen Synode der russisch-orthodoxen Kirche für die Errichtung gewisser kirchenpolitischer Strukturen im Nahen Osten bestimmt worden. In Begleitung von Qummus Daud, dem Klosterabt, besuchte er 1850 das St. Antonius-Kloster. (Qummus Daud wurde 1852 zum 110. Patriarchen der koptischen Kirche gewählt. Er starb 1861 an den Folgen einer Vergiftung!) 
Im Juni 1851 wurde der Apostolische Vikar Guglielmo Massaia mit der Winde in das St. Antonius-Kloster hinaufgezogen (s.Abb. S.7). Sein Anliegen war es, den von den Kopten entführten katholischen Glaubensbruder Michelangelo zu befreien. Im Mai 1859 stattete der griechisch-orthodoxe Patriarch von Alexandrien, S.H. Kallinikos Olympios, in Begleitung von Mitgliedern der griechischen Heiligen Synode dem St. Antonius-Kloster einen Besuch ab. 


Russisches Graffito des Archimandriten Porphyrius

Als Leiter der zaristischen kirchlichen Mission hatte Porphyrij Uspenskij schon 1843 versucht, die russische Kirche im Nahen Osten, besonders in Jerusalem, zu etablieren. Dieses Vorhaben wurde jedoch durch die politischen Interventionen des griechisch-orthodoxen Patriarchats in Jerusalem vereitelt. Daraufhin wandte sich Porphyrij den Kopten zu, denn er meinte, dass die Theologie der Kopten mit den Glaubensvorstellungen der Russen zu vereinbaren wäre, da auch sie die Häresien des Arius, Makedonius, Nestorius und Eutyches ablehnten und sich an die Lehren der hll. Athanasius und Kyrillus hielten. Daraufhin beschloss er, die ‚kirchliche Schaltstelle‘, das St. Antonius-Kloster, zu besuchen. Eingehend beschreibt er die Architektur der alten Kirche, die Inschriften des Kapuzinerbruders Bernardus (s.o.) und die heraldischen Wappen der mittelalterlichen Pilger, denen er seinen Namen in slawischen Buchstaben hinzufügte. Aber auch die Unionsbestrebungen der Russen mit den Kopten verliefen ohne Erfolg, denn schon 1861 starb der ökumenisch orientierte Reform-Patriarch Kyrillus IV. [32]. 


Italienische Gedenkbriefmarke (1952) mit dem Bild des Kardinals G. Massaia, Gründer der Galla-Mission 1852

Der Apostolische Vikar Guglielmo Massaia für die Gallas (Äthopien) ritt in Begleitung eines jungen Mönches und dreier weiterer Ägypter zum St. Antonius-Kloster. Dort lebte „als Gefangener“ ein junger katholischer Kopte, der in der ‚Propaganda‘ in Rom studiert hatte und nach seiner Rückkehr von koptischen Mönchen in das St. Antonius-Kloster „verbannt“ wurde. Der Apostolische Vikar war auf seinem Weg nach Äthiopien, wo sich gerade Qummus Daud vom St. Antonius-Kloster aufhielt, um dort gegen die missionarischen Aktivitäten von Massaia zu predigen. Im Kloster nahm der katholische Hierarch den Namen Georg Bartorelli an und traf sich wiederholt im Geheimen mit dem koptischen Katholiken, der den Namen Michelangelo angenommen hatte und schon seit zwei Jahren in den Händen der Kopten war. Die Mönche erzählten, dass ihr Quellwasser vom hl. Antonius gesegnet worden sei und die Kraft besäße, Geist und Seele zu reinigen. Jedoch müsse eine gewisse Medizin dem Wasser zugefügt werden, da sonst die Person, die davon trinkt, in eine Frau verwandelt würde. Der Apostolische Vikar versprach, den Mönchen diese Medizin aus Kairo zu besorgen, vorausgesetzt, Michelangelo würde ihn nach Kairo begleiten. Der Meisterstreich gelang, und schon auf der Rückreise benachrichtigten die beiden Katholiken in Beni Suef den französischen Konsul [33].


Griechisches Graffito des Patriarchen Kallinikos, Mai 1859

Wohl bis in das 8. Jh. wurde das St. Antonius-Kloster von byzantinischen (griechischen) Mönchen bewohnt. So war die Ankunft des griechisch-orthodoxen Patriarchen Kallinikos Olympios von Alexandrien im Mai 1859 im Kloster der erste offizielle Besuch eines griechischen Hierarchen seit einer 1000-jährigen koptischen Verwaltung. Es war der koptische Patriarch Kyrillus IV., der sowohl mit den Armeniern als auch mit den Griechen brüderliche Beziehungen pflegte [34]. Diese Verbindung war so eng, dass der griechische Patriarch Kallinikos während seiner Reise nach Konstantinopel dem koptischen Patriarchen die Vertretung in seinen Patriarchengeschäften übertrug. Diese Herzlichkeit zeigte sich in dem Besuch des Patriarchen im St. Antonius-Kloster. Auch er hinterließ sein Graffito mit Datum und Namen an der Westwand des Narthex der St. Antonius-Kirche.

Otto F.A. Meinardus


Anmerkungen:
[1] Meinardus, O., Zeitgenössische Gottesnarren in den Wüsten Ägyptens, Ostkirchl. Studien 36,4, 1987, S. 301-310
[2] ders., Monks and Monasteries of the Egyptian Deserts, Kairo 1961, S. 203
[3] Eis, G., Zur Geschichte des Antoniusfeuers, Med. Monatsschrift 5, 1951
[4] Handwörterbuch zur deutschen Volkskunde, Berlin 1927, I, S. 503
[5] Sanuto, M., Secrets for True Crusaders, PPTS XII, London 1895, S. 60 und Description of the Holy Land, PPTS XII, London 1895, S. 80
[6] Bonnardot, F., Longdon, A., Le saint voyage du seigneur d’Anglure, Paris 1878, S. 167
[7] Kroack, D., Monumentale Zeugnisse der spätmittelalterlichen Adelsreise, Göttingen 1997, S. 259
[8] Potvin, Ch., Œvre de Ghillebert de Lannoy, Löwen 1878, S. 69
[9] Röhricht und Meisner, Ztschr. f. deutsches Altertum, NF XIV, S. 353
[10] Meinardus, O., Eine schleswiger Pilgerfahrt zum Heiligen Land, zum Sinai und nach Ägypten im Jahre 1436, Studia Orientalia Christiana Collectanea XXII, 1989, S. 153-174
[11] Über den Ritterschlag am Sinai berichtet Philipp von Katzenellenbogen. Den Schwertorden erhielten die Pilger entweder in Famagusta oder in Nikosia, Zypern
[12] Makrizis al-Khitat, The Churches and Monasteries of Egypt attr. to Abu Salih, Oxford 1895, S. 306
[13] Horner, G:, The Coptic Version of the New Testament, London 1898, vol I, 1xv
[14] Schefer, Ch.H.A., Le Voyage d’Outremer de Jean Thénaud, Paris 1884, S. 81
[15] Sirat al-Anba Yuhannis Kame, Tarikh Dair as-Surian, Wadi ’n-Natrun 1951, S. 53
[16] Alvarez, F., Verdadeira Informacao das Terras de Preste Joao, Lisboa 1889, S. 160f.
[17] Meinardus, O., Byzantinische Schätze in koptischen Klöstern, Kemet 3, 1997
[18] Cerulli, E., Etiopi in Palestina, Roma 1943, II, S. 419
[19] Vansleben, J.M., Nouvelle Relation en forme de Journal ..., Paris 1677, S. 361
[20] Der Begriff des Miaphysitismus beruht auf dem von Kyrillus von Alexandrien formulierten Glaubensbekenntnis der „mia physis“, der „einen Natur“ des fleischgewordenen Gottes. 
[21] Winkler, D.W., Koptische Kirche und Reichskirche, Innsbruck 1997
[22] Hofmann, G., Kopten und Äthiopier auf dem Konzil von Florenz, Orient. Christ. Per. VIII, 1942, S. 11-24
[23] P.M. Jullien, Sj (1883) las noch folgenden Text: „Frater Bernardus a Ferula Siculus de observantia primus visitator catholicus, sub die 31 decembris 1626 id 11 ianuarii id 31 ianuarii.“ Voyage dans le Désert de la Basse Thébaïde etc. Lyon 1884, S. 42
[24] Etiopia francescana I, S. 217, in: Golubovich, Biblioteca Bio-Bibliografica della Terra Santa III, Quaracchi 1927. Der scudo war vom 16.-19. Jh. der gebräuchliche ‚Taler‘
[25] Ignazio da Seggiano, Documenti inediti sull’apostolato Minor Cappuccini nel Vicino Oriente 1623-1683, S. 142
[26] De Vries, W., Das Problem der ‚communicatio in sacris cum dissidentibus‘ im Nahen Osten zur Zeit der Union (17. und 18. Jh.), Ostkirchl. Studien VI, 1957, S. 81-106
[27] Meinardus, O., Zur multikulturellen Wüstenökumene, Kemet 4/1998
[28] Coppin, J., Relation des voyages faits dans la Turquie, la Thébaïde et la Barbarie, Lyon 1720 und Salmon, G., Rapport sur une mission à Damiette, BIFAO II, 1902, S. 71-89. Während seiner zweiten Tour diente Fr. Coppin als französischer Konsul in Damietta und als Syndikus der Custodia Terra Santa.
[29] Meinardus, O., The Capuchin Missionary Efforts in the Coptic Monasteries, Studia Orienatalia Christiana Collectanea XX, 1987, 
S. 187-202
[30] Sicard, C., Description de l’Egypte, Paris 1845, III, S. 280
[31] Al-Masri, Iris H., The Story of the Copts, Kairo 1978, S. 489
[32] Uspenskij, P., Puteshestvie po Egiptu i v monastyri Sviatago Antonia Velikago... v 1850 godu, St. Petersburg 1856, S. 196-207
[33] Massaia, G., i miei 35 anni di missione nell’Alta Etiopia, Rom 1886, II, S. 21f. Am 12. Mai 1846 wurde Massaia Apostolischer Vikar der Gallas, am 9. Nov. 1884 erhielt er von Papst Leo XIII den Kardinalshut. Er starb am 6. August 1889. Meinardus, O., Museo Etiopica in Frascati, BSAC XVIII, 1966, S. 276f.
[34] Heyer, F., Kirchengeschichte des Heiligen Landes, Stuttgart 1984, 
S. 213