Kemet 3/2006

Der Kongress von 2006 im Weißen Kloster bei Sohag


„Welcher Ort wird an jenem Tag nicht ins Wanken geraten? Sind es Berge und Felsen und Hügel? Sind es Orte im Osten und Orte im Westen? Ist es das Meer und die ganze bewohnte Erde mit allem, was auf ihr ist? Denn es ist der Tag, da sie untergehen, und die Tore der Himmel sich für alle Gerechten der Erde öffnen."

Diese mächtigen Worte entstammen einer Rede des berühmten Klosterabtes Schenute, der als eine der schillerndsten Persönlichkeiten der koptischen Kirche bezeichnet werden kann [1].

Lage des Ortes Sohag

Mit Abstand ist er der Autor, der die meisten Schriften in koptischer Sprache hinterlassen hat. Er wirkte in der 2. Hälfte des 4. und möglicherweise auch über die 1. Hälfte des 5. Jh.s hinaus. Seine genauen Lebensdaten sind nicht sicher und mit Skepsis zu betrachten, da er ein Alter von über 100 Jahren (Quellen nennen 118 Jahre) erreicht haben soll. Sein aktives Wirken erstreckte sich mit einiger Sicherheit mindestens von ca. 380 bis ca. 451 oder sogar darüber hinaus. Lässt man sich nicht durch das hohe Alter stören, so sprechen Argumente für ein Todesdatum am 7. Epep (1. Juli) des Jahres 465, während das Geburtsdatum vor 361/62 gelegen haben sollte/liegen müsste [2].

Pgol, ein Onkel Schenutes, gründete das Kloster auf der Westseite des Nils nahe dem antiken Ort Atripe in der Nähe von Panopolis (Achmim) [3]. Sein Charakter als wirklich eigenständige Neugründung wird allein durch den Umstand deutlich, dass auch eigene Klosterregeln aufgestellt wurden. Solche Regeln, die ältesten sind die pachomianischen, organisierten das Zusammenleben in der Gemeinschaft. Schenute soll nach einer Inschrift und der arabischen Vita bereits im Alter von neun Jahren Mönch geworden sein und erhielt nach dem Tod des Onkels dessen Amt als Klosterabt. Obwohl antiken Zahlenangaben nur mit Vorsicht zu begegnen ist, kann man davon ausgehen, dass das Kloster zu einer imponierenden Größe heranwuchs – eine arabische Quelle zum Leben Schenutes berichtet jedenfalls, dass 2200 Mönche und 1800 Nonnen (natürlich getrennt und in verschiedenen Verbänden wohnend) dort gelebt haben sollen.

Blick vom Gästehaus auf den Friedhof des neuen Klosters bei Sohag – das Gebäude hinten ist die Residenz für den Patriarchen

Diese hohe Zahl ist auch deshalb bemerkenswert, da der Eintritt Opfer forderte: Die Neuankömmlinge mussten allen Besitz abgeben und wurden erst nach einer Wartezeit in die Gemeinschaft der Mönche und Nonnen aufgenommen.

Die Bestimmungen waren hart – insgesamt bedeuteten die vielen Regeln und Vorschriften eine Verschärfung gegenüber den früheren pachomianischen Anweisungen:

„Jedem, der unter uns dauernd aushält, sei es Mann oder Frau, gehören alle Dinge, die uns zusammen gehören. Wer aber seine Geduld zu irgend einer Zeit verleugnet und uns verlässt oder wegen seiner bösen Werke, die er unter uns vollbrachte, ausgestoßen wird, hat an nichts davon Anteil." [4]

Eine erste bahnbrechende Zusammenstellung unseres Wissens über das Leben im Weißen Kloster findet sich in der Arbeit von Johannes Leipoldt, der 1903 eine noch heute als Standardwerk geltende Monographie über Schenute verfasste. Er beschreibt die Klostergemeinschaft mit folgenden Worten: „Die Forderung der Gleichheit war im Weißen Kloster so streng durchgeführt, dass jeder Sozialdemokrat seine helle Freude daran gehabt hätte" [5]. Solch ein Zitat vom Beginn des letzen Jahrhunderts zeigt natürlich vor allem auch, wie stark sich die Sozialdemokratie seit Leipoldts Zeiten verändert hat.

Schenute suchte immer wieder die Einsamkeit des Wü­stengebirges und kam dann in die Gemeinschaft zurück, um seine Predigten zu halten oder andere Pflichten zu erfüllen. Die Reden wurden wahrscheinlich vor Ort von einem Sekretär mitgeschrieben, was einige erhaltene Bezüge auf die Redesituation erklären würde. Seine Mönche und Nonnen wurden mit eiserner Härte behandelt, er schreckte auch vor der Prügelstrafe nicht zurück. Dass er eine moralische Institution war, die immer versuchte, auf die Lebensweise der Menschen einzuwirken, zeigt ein weiterer Auszug aus der zu Beginn zitierten Predigt:

„Aber wahrhaft töricht und ruchlos wie einer, welcher mit der verkehrt, bei der man Ehebruch treibt, sind ein Vater und eine Mutter, die unreine Söhne und Töchter dulden. Denn wären sie in Unkenntnis über deren Liederlichkeit, wäre es für sie nicht eine Schande. Hätte ich nicht erfahren, dass es Väter gibt und Mütter gibt, dass es Brüder gibt, die gemeinsame Sache machen und ganz einverstanden sind mit dem, der Unzucht treibt an ihren Töchtern und Schwestern, würde ich das nicht sagen." [6]

Es ist offensichtlich, dass Schenute hier die fehlende Moral seiner Umgebung an den Pranger stellt und gegen die Prostituierung von Töchtern durch eigene Familienmitglieder vorgeht. Eine solche Mahnung ist natürlich gleichzeitig ein Zeugnis dafür, dass es in der spätantiken Gesellschaft (hier im Raum von Sohag) diese Verhaltensweisen tatsächlich gab.

Durch die Größe und den damit verbundenen Einfluss des Klosters, besonders aber wohl wegen seiner engagierten Predigten genoss Schenute ein hohes Ansehen nicht nur bei seinen christlichen Glaubensbrüdern, sondern auch bei ranghohen Nichtchristen. Berichte über Besuche dieser Leute zeugen vom Einfluss seiner Persönlichkeit. Klöster waren (wie in Ägypten heute noch immer) nicht isolierte Sozialgemeinschaften, sondern standen in regem Kontakt mit der Umwelt, was besonders bezüglich des Weißen Klosters gut nachweisbar ist. Es besaß z.B. eine so starke wirtschaftliche Kraft, dass nach antiken Berichten 20.000 Flüchtlinge für einen gewissen Zeitraum aufgenommen und ernährt werden konnten. Geflohen waren sie wegen kriegerischer Einfälle nubischer Völkerschaften in den Süden Ägyptens. Solche Einfälle sind im Übrigen seit der römischen Zeit (Ägypten wurde 30 v.Chr. römische Provinz) in vielen Quellen, auch bei so bekannten Geschichtsschreibern wie Prokop, mehrfach bezeugt.

Gästehäuser des neuen Klosters, in dem sich in wenigen Jahren ein buntes Leben entwickelt hat

Im Leben Schenutes ist ein weiterer Aspekt charakteristisch. In Mittelägypten gab es bis in das 5. Jh. trotz des stetig um sich greifenden Christentums Gruppierungen von Anhängern der heidnischen Religionen, die sich besonders durch die Verehrung von Idolen auszeichneten. Der letzte Tempelkult Ägyptens wurde erst 535/37 nahe der Grenze nach Nubien auf der Insel Philae mit dem Kult der Isis beendet. Erst weitere Jahre später wurde die Göttin auch von ihrem noch weiter südlich gelegenen Verehrungsort im Tempel zu Dendûr vertrieben, was aber eine andere Geschichte ist.

Tempelkirche: Die geböschten Außenmauern der Kirche erinnern an ägyptische Tempel. In der Fachliteratur gab es deshalb Vertreter der Ansicht, dass dies als eine bewusste Anlehnung an den ägyptischen Tempelbau zu bewerten sei

Mehrere Berichte zeugen davon, dass Schenute immer wieder in Konflikt mit nichtchristlichen Gegnern geriet. In regelrechten Raubzügen wurden von ihm und seinen Mönchen in der Umgebung des Klosters (letzte) heidnische Kultstätten oder auch einfach Idole in Privathäusern verwüstet.

Seine Werke, es handelt sich dabei um Homilien, Traktate, Katechesen, Briefe usw., sind in zwei große Sammlungen eingeteilt, die einst in der Bibliothek des Weißen Klosters aufbewahrt und in der Neuzeit auf verschiedenen Wegen in die Museen der Welt verstreut wurden: die Kanones und die Logoi. Die Schriften wurden von verschiedensten Händlern angekauft oder verkauft und finden sich dadurch in Museen auf der ganzen Welt. Einst zusammenhängende Bücher waren zerteilt worden, so dass erst vor kurzem die jahrelange Arbeit abgeschlossen werden konnte, tausende von Fragmenten und Seiten gewissermaßen virtuell wieder zusammenzufügen [7]. Obwohl sie räumlich noch immer auf die verschiedenen Sammlungen verteilt sind, weiß man heute doch, welche Stücke zu einer Schrift bzw. einem Buch gehören.

 

Die Basilika

Die Kirche des Weißen Klosters bei Sohag, Innenansicht des südlichen Annexraumes mit Blick nach Osten

Der Haupttyp des ägyptischen Kirchenbaues ist wie in der gesamten spätantiken Welt die Basilika, also einfach ausgedrückt eine überdeckte, meist mehrschiffige Halle mit ausgeprägter Längsachse, deren Mittelschiff in der Regel breiter ist als die Seitenschiffe.

Blick nach Osten auf die Wand des heutigen Kirchenraumes

Das Sanktuarium liegt normalerweise im Osten und der Haupteingang im Westen. Für ägyptische dreischiffige Basiliken ist die Ausprägung eines westlichen Umganges typisch. Dies bedeutet, dass im Westen auf der Höhe der letzten Säulen zwei weitere Säulen hinzugefügt werden, die das Hauptschiff beschränken. So erhält der durch die Säulen gegliederte Innenraum eine andere Gestaltung, da im Westen ein eigener Raumteil entsteht, der die beiden Seitenschiffe visuell stärker miteinander verbindet.

Grundriss der großen Basilika des Weißen Klosters, von Grossmann, Christliche Architektur, Abb. 50

Die große Kirche von Sohag misst ca. 35 m in der Breite und 75 m in der Länge. Es handelt sich um eine Emporenkirche, bei der im Süden eine weitere Raumgruppe angelegt wurde. Eines ihrer wesentlichsten Kennzeichen ist aber das dreiteilige Sanktuarium, der Trikonchos.

 

Kongresse zur Bewahrung des kulturellen Erbes

Im August 1999 wurde im Rahmen der zweiten St. Shenouda Conference of Coptic Studies at UCLA in einer Kooperation der St. Mark Foundation und der St. Shenouda the Archimandrite Coptic Society mit einigen Gelehrten der Plan zu einem Kongress im Wadi Natrun geboren.

Blick auf die nördliche Mauer der dreischiffigen Basilika. Schön zu erkennen sind die für den ägyptischen Kirchenbau markanten Nischen in der unteren Zone, darüber eine Fensterreihe und die Zone für die Emporen

Dies führte dazu, dass eine in zweijährigem Abstand tagende Kongressreihe ins Leben gerufen wurde, die es sich zum Ziel gemacht hat, das kulturelle Erbe der Kopten mit wissenschaftlichem Standard zu behandeln. Die Kongresse finden an historischen Orten statt und haben diese in ihrer Vielfalt zum Thema. Der erste Kongress wurde 2002 im Wadi Natrun abgehalten. Die Vorträge der geladenen, international anerkannten Wissenschaftler deckten Aspekte ab, die von der Archäologie über die Malereien bis zu den Klosterbibliotheken reichten. Diese Aufarbeitung führte dazu, dass mit der Publikation der Vorträge ein zweibändiges Werk vorliegt, das die neuesten Forschungen zu vielen historischen Aspekten, die mit dem Wadi Natrun verbunden sind, zugänglich macht [8]. Die Kongressreihe wird in enger Zusammenarbeit mit der koptischen Kirche veranstaltet. Da Papst Schenute III. ein Domizil im Bischoi-Kloster besitzt, nahm er auch selbst an einigen Sitzungen teil.

Offizieller Empfang der Kongressteilnehmer sowie Offizieller der koptischen Kirche beim Gouverneur von Sohag; u.a. wurde das Anliegen vorgebracht, Studien zur koptischen Kultur zu stärken. An ägyptischen Universitäten gibt es keine Professsur für Koptologie, obwohl die Christen einen Bevölkerungsanteil von etwa 10% bilden

Zwei Jahre später wurde ein Kongress im Kloster al-Azeb im Fajum abgehalten. Auch bei diesem Symposium wurde versucht, mit den Beiträgen das Gebiet in seiner gesamten historischen Gewichtung abzudecken. So wurden nicht nur Themen wie das Mönchtum und der fajumische Dialekt behandelt oder über die neuesten Ausgrabungsergebnisse im Kloster des Erzengels Gabriel und die dahinter liegenden Eremitagen, also die bekannten christlichen Altertümer des Fajum, berichtet. Der Bogen spannte sich von den berühmten Fajum-Porträts, die dem paganen Totenkult zuzurechnen sind, bis hin zur Beschreibung des Alltagslebens in der um die Mitte des 5. Jh.s n.Chr. verwüsteten Stadt Karanis [9].

Kongresseröffnung; am Mikrofon Dr. F. Estafanous, einer der Organisatoren

Der dritte Kongress in dieser Serie fand vom 1. Februar bis zum 5. Februar 2006 unter dem Titel Christianity and Monasticism in the Region of Souhag statt. Als Gastgeber fungierte das vor etwa einem Jahrzehnt neu gegründete Kloster bei Sohag, das die alte monastische Tradition dieser Gegend fortsetzen soll. Das Eingangstor des neu abgesteckten Areals steht in der Nähe der großen antiken Kirche, die durch diese Neugründung wieder zum Zentrum des religiösen Lebens wurde. Noch vor zwanzig Jahren lag sie als antikes Denkmal zwar romantisch anmutend, aber vereinsamt in der Einöde.

Seit 1985 finden dort Ausgrabungen statt, über deren neueste Ergebnisse im Rahmen des Kongresses berichtet wurde. Erste Pläne der alten Klosteranlage, die archäologisch noch lange nicht erschlossen ist, wurden bereits publiziert [10].

Während des Kongresses wurden auch Exkursionen in umliegende christliche Stätten unternommen

In der Kirche des in der Nähe liegenden sog. Roten Klosters konnten im Rahmen von Restaurierungsarbeiten ehemals fast unsichtbare Malereien wieder sichtbar gemacht werden. Hierzu zählt ein wenn auch später zu datierendes Wandbild Schenutes. Die qualitätvolle Malerei diente bereits als Vorlage für moderne Ikonen. Da es, auch aufgrund der Fundlage, im Prinzip noch immer keine richtige Kunstgeschichte zur koptischen Wandmalerei gibt, könnte die Publikation einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Schließung wenigstens einiger Lücken in der Stilkunde sein.

Es versteht sich von selbst, dass sich eine Anzahl von Vorträgen auch mit den literarischen Werken Schenutes befasste. Mehrere Mitarbeiter einer international zusammengesetzten Arbeitsgruppe unter Leitung von Stephen Emmel, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, sämtliche Schriften zu edieren, berichteten über ihre Arbeiten.

Kongressteilnehmer auf dem Dach der Kirche des Weißen Klosters

Weitere Beiträge befassten sich mit den Inschriften im Raum von Sohag, stellten auch von Mönchen organisierte Untersuchungen vor oder behandelten spezielle Themen zur Kunst.

Der nächste Kongress wird Anfang Februar 2008 in einem der Klöster von Naqada stattfinden und das Gebiet von Nag Hammadi bis Esna behandeln, also auch so bedeutende Orte wie Theben, Dendera oder Koptos.

Siegfried G. Richter

Anmerkungen:

[1] Aus der Predigt „Gepriesen sei Gott". Deutsche Übersetzung von H.-J. Cristea, „Gepriesen sei Gott". Eine Predigt des Apa Schenute (ed. Chassinat, MIFAO 23, 153,5-209,26), in: Journal of Coptic Studies 7, 2005, 49-97, hier S. 69 (178b)

[2] s. die ausführliche Diskussion in: H. Behlmer, Schenute von Atripe: De Iudicio (Torino, Museo Egizio, Cat. 63000, Cod. IV), Turin 1996, S. LV-LX

[3] Einen guten Überblick zu dieser Stadt und neuere Beiträge zum Schenute-Kloster finden sich in dem Kongressband von A. Egberts et al. (Hrsg.), Perspectives on Panopolis. An Egyptian Town from Alexander the Great to the Arab Conquest. Acts from an International Symposium Held in Leiden on 16, 17 and 18 December 1998 (P. L. Bat. 31), Leiden etc. 2002

[4] Zitat nach J. Leipoldt, Schenute von Atripe und die Entstehung des national ägyptischen Christentums, Leipzig 1903, 107

[5] Leipoldt, op. cit. S. 114

[6] Übersetzung nach Cristea, op. cit. 63 f. (169a-b)

[7] St. Emmel, Shenoute’s Literary Corpus, 2 Bde. (CSCO 599, 600; subsidia 111, 112) Louvain 2004

[8] Erschienen in der Zeitschrift Coptica Bd. 2 (2003) und Bd. 3 (2004) unter dem Untertitel Proceedings of the Wadi al-Natrun Symposium (Wadi al-Natrun, Egypt, February 1-4, 2002, part I and II)

[9] G. Gabra (Hrsg.), Christianity and Monasticism in the Fayoum Oasis. Essays from the 2004 International Symposium of the Saint Mark Foundation and the Saint Shenouda the Archimandrite Coptic Society in Honor of Martin Krause, Kairo, New York 2005

[10] P. Grossmann et al., The Excavation in the Monastery of Apa Shenute (Dayr Anba Shinuda) at Suhag, in: Dumbarton Oaks Papers 58 (2004) 371-382

Alle Photos: Carola Nafroth, Februar 2006