aus dem Inhalt von Ausgabe 4/98

Das ägyptische Pantheon -

Einführung in die Welt der Götter

Von den griechischen Göttern her ist man gewohnt, daß jedem einzelnen Gott eine spezifische Funktion im Pantheon zugeordnet ist. So ist Ares der Gott des Krieges, Aphrodite die Göttin der Fruchtbarkeit, Eros der Gott der Liebe etc. Ebenso bleibt die Anzahl der göttlichen Personen begrenzt und überschaubar, und im ganzen Land werden dieselben Götter angebetet.

Beginnt man, sich mit den ägyptischen Göttern zu beschäftigen, so stellt man schnell fest, daß es sich hier ganz anders verhält. Die Komplexität des ägyptischen Pantheons (= Gesamtheit der Götter) mit all seinen mythologischen Überschneidungen, Verschmelzungen und einer verwirrenden Vielfalt göttlicher Wesen und Symbole verlangt eine eingehende Betrachtung. Die Wirkungsbereiche der Götter kennen wir aus den Mythen, die gerade in der ägyptischen Kultur sehr vielschichtig und für unser Verständnis auch "unlogisch" erscheinen, da ein und dasselbe Phänomen (z.B. die Weltschöpfung) auf verschiedene Weise erklärt werden kann oder die Götter in unterschiedlichen Beziehungen zueinander auftreten können. Mehrere Götter können die gleiche Funktion haben, wie z.B. die Sonnengötter Ra und Amun (s.S. 16). Dazu präsentiert sich der Sonnengott je nach Tageszeit in unterschiedlichen Erscheinungsformen. Am Morgen ist er Chepri in Skarabäusgestalt, am Mittag Ra, menschengestaltig mit Falkenkopf (nicht zu verwechseln mit dem Falkengott Horus!), und am Abend zeigt er sich als Atum in Gestalt eines älteren Mannes als Zeichen der untergehenden (gealterten) Sonne.

Bestrebungen, die ägyptischen Götter zu "sortieren", greifen kaum. Auch der Versuch von V. Ions, die Götter nach ihrem Wirkungsbereich in einige große Kategorien einzuteilen, wie die Urgötter, die die Welt (d.h. in erster Linie Ägypten und seine Kultur) schufen, oder z.B. Götter, die eng mit dem Königtum in Verbindung stehen, Fruchtbarkeitsgötter, Totengötter und solche, die für das Schicksal der Menschen, Krankheit, Tod und Leben im Jenseits (wie Osiris oder Anubis, s.S. 22 u. S. 26) verantwortlich sind, bleibt unbefriedigend. Auch diese Zuweisungen bleiben ungenau, denn z.B. Osiris ist einerseits Herr der Unterwelt, andererseits aber auch Fruchtbarkeitsgott und nach der Lehre von Heliopolis mythologisch mit dem Königtum verbunden. Dies zeigt aber auch ein Charakteristikum der ägyptischen Götter; denn die an der Oberfläche erscheinende Unterteilung und Zuweisung in bestimmte Kategorien und Zuständigkeitsbereiche erweist sich bei näherer, intensiver Betrachtung fast immer als Trugbild, und es wird deutlich, daß viele Götter die wichtigsten Aspekte der Schöpfung auf sich vereinen, so wie Osiris zu den Urgöttern gehört, Fruchtbarkeitsgott und gleichzeitig Herrscher der Unterwelt ist.

Die Begriffe "Gott" und "Götter"

Es ist wichtig, die Begriffe "Gott" und "Götter" genau zu definieren. Das Wort Gott (ägypt.: ntr = netjer) kann sowohl die göttliche Kraft schlechthin bezeichnen, die das Wunder der Schöpfung hervorbrachte und die Weltordnung in Gang hält, indem der Schöpfungsprozeß sich im zeitlichen Rhythmus beständig wiederholt, oder auch einen bestimmten "Gott" aus der Menge der einzelnen "Götter" meinen, die eine Konkretisierung des abstrakt Göttlichen sind, ein Versuch der Menschen, durch eine konkrete Formgebung das Göttliche - das Universum, die Erde, das Wunder des Lebens, die Nilschwemme, Königtum etc. - in seiner Vielfalt und individuellen Ausprägung sowie alle immanenten, das Leben der Menschen unmittelbar betreffenden Phänomene - Geburt, Krankheit, Tod, Kampf, Sieg, Freude, Wissenschaft etc. - für das menschliche Denken verstehbar zu machen.

Wird z.B. in den Weisheitstexten von "Gott" gesprochen, so ist damit das allgemein Göttliche gemeint (und kein bestimmter Einzelgott), das sich auf ganz unterschiedliche Weise in den unzähligen ägyptischen Einzelgöttern manifestiert. So kann die abstrakte Instanz "Gott" von jedem Rezipienten dieser Lehren durch seinen von ihm favorisierten Gott konkretisiert werden, d.h. der Leser kann anstelle der allgemeinen Bezeichnung netjer den Namen des Gottes oder der Göttin seiner Wahl einsetzen. Folgendes Zitat aus der Lehre des Ptah-hotep aus dem Alten Reich soll dies verdeutlichen: "Wenn du pflügst und es gedeiht auf dem Feld und wenn Gott es dir reichlich gibt, dann rühme dich dessen nicht übermäßig und erhebe dich nicht über den, der nichts hat." Unter dem Begriff "Gott" konnte der altägyptische Leser dieser Zeilen den Namen "seines" Gottes aus der Menge der zahlreichen in Frage kommenden Götter verstehen (Amun, Renenutet (Ernte), Hapi o.a.), der für ihn die Ausprägung oder Erscheinungsform des abstrakt Göttlichen darstellte, die er im religiösen Sinne als ihm am nächsten und am faßbarsten empfand.

Die Gestalt der Götter

Die Ägypter neigten dazu, abstrakte ebenso wie konkrete Phänomene durch einen Gott zu personifizieren. Hierzu gehört z.B. der Gott Schu, der den Luftraum zwischen Himmel und Erde verkörpert (s.S. 9), aber auch Hapi, der androgyne Gott des Nils und der Überschwemmung, ebenso wie die Göttin Maat, die als die Personifizierung so abstrakter Begriffe wie Gerechtigkeit, Wahrheit und göttliche Weltordnung gilt.

Der überwiegende Teil der Götter kann in verschiedenen Gestalten auftreten. Einige sind menschengestaltig, können aber gleichzeitig als bestimmte Tiere auftreten, andere besitzen einen menschlichen Körper und haben einen Tierkopf, können aber auch ganz die Form eines Tieres annehmen.

So zeigt sich Hathor (s.S. 15) zum einen in Menschengestalt, doch kann sie auch die Gestalt einer Kuh aufweisen oder anstatt menschlicher Ohren Kuhohren haben. Thot (s.S. 14) kennt man als Mensch mit Ibis-Kopf, doch tritt er auch als Ibis-Vogel oder als Pavian auf.

Maat
Die Göttin Maat

Auch Pflanzen bekommen göttliche Bedeutung wie z.B. die Baumgottheiten oder die Lotosblüte. Hathor, in ihrer Eigenschaft als "Herrin der Sykomore", erscheint als Baumgöttin, und der jugendliche Gott Nefertem wird durch die Lotosblüte symbolisiert (s.S. 12).

Hathor
Hathor-Fries, Ägyptisches Museum Berlin

Zusammenschlüsse einzelner Götter

Häufig vereinen sich mehrere Götter zu sog. Götterfamilien (s.S. 11), bestehend aus Vater, Mutter und Sohn (z.B. die Triade Amun/Mut/Chons von Theben). Eine andere Verbindung von Göttern miteinander zeigen die Kosmogonien (= mythische Lehre von der Entstehung der Welt), wie z.B. die Götterneunheit von Heliopolis (s.S. 9).

Besonders beliebt sind auch Doppelgottheiten (Amun-Ra, Ptah-Atum), und es treten sogar Dreifach-Gottheiten auf (z.B. die Triade Ptah-Sokar-Osiris, wenn sie als Totengötter auftreten). Dies ist immer dann der Fall, wenn verschiedene Götter mit gleichem oder in einem wesentlichen Aspekt sich überschneidenden Zuständigkeitsbereich assoziiert werden.

Im Neuen Reich, nach der Amarna-Zeit, ist die Göttertriade Amun-Ra-Ptah, die Verbindung der drei Götter, die miteinander um die Rolle des obersten Gottes konkurrieren, von besonderer Bedeutung. Sie vereint fortan die Gesamtheit der Götter auf sich und verkörpert das göttliche Prinzip "netjer" (s.o.). Durch den Zusammenschluß dieser drei Hauptgötter von Memphis, Heliopolis und Theben, den wichtigsten religiösen Zentren Ägyptens, gelingt es gleichzeitig, den drei Kultorten einen gleichwertigen Rang zuzuweisen:

"Drei sind alle Götter: Amun, Re und Ptah, keinen gibt es ihresgleichen. Verborgen ist sein ["Gottes"] Name als Amun, als Ra wird er wahrgenommen, sein Leib ist Ptah. Ihre Städte auf Erden bleiben immerdar: Theben, Heliopolis und Memphis, bis ans Ende der Zeit."

In diesem Textausschnitt werden Amun, Ra und Ptah explizit als die obersten, wichtigsten Götter festgeschrieben, denen alle anderen Götter insofern untergeordnet sind, als daß sie nur noch als Aspekte der Trinität Amun-Ra-Ptah verstanden werden sollen. Jeder der drei verkörpert ein Grundprinzip (unsichtbare Urenergie, Sonne, Körperlichkeit) des "allgemein Göttlichen", das die Existenz der Welt, das Leben, ausmacht: das unsichtbare, göttliche Prinzip, dessen Name unbekannt ist, d.h. sich dem menschlichen Verstehen entzieht. Es manifestiert sich in Amun, der als der "Verborgene" galt und dessen wahres Wesen sich hinter vielen Erscheinungsformen verbirgt, der aber auch in seiner ursprünglichen Eigenschaft als Gott des unsichtbaren Lufthauchs, des Windes, Lebensenergie, Lebensodem spendet, was ikonographisch mit der Geste Amuns, der dem König das anch-Zeichen an die Nase hält, ausgedrückt wird. Der sichtbare Aspekt des Göttlichen, Ra, zeigt sich täglich in der Erscheinungsform der Sonne am Himmel, ohne die Leben und Fruchtbarkeit nicht möglich sind, und Ptah versinnbildlicht als "Bildner" das Prinzip der Formgebung, der Schaffung all der mannigfachen, unendlich differenzierten Körper und Gebilde, die die Schöpfung hervorbringt, in diesem Sinne ist er der "Leib" des Göttlichen.

In dem Felsentempel von Abu Simbel reihte sich Ramses II ikonographisch in diese göttliche Trinität ein, indem er seine Statue dort zwischen denen von Amun, Ra und Ptah aufstellen ließ, um zu dokumentieren, daß er von ihnen auserwählt und ihnen ebenbürtig ist.

Weit verbreitet sind verschiedene Arten von Götterpaaren. So muß man bei näherer Beschäftigung mit dem Gott Amun bald feststellen, daß er im Rahmen der Götterfamilie von Theben zwar eine Gemahlin hat, die Mut heißt und in Theben als Muttergöttin verehrt wird, ihm jedoch eine weitere Gattin zugeordnet wird, die "Amaunet" genannt wird und eine weibliche Parallele zu Amun darstellt. Amaunet hat jedoch die älteren Rechte und wird später mit Mut identifiziert (s.S. 11). Das Phänomen der männlich-weiblichen Parallelbildung ist insbesondere bei den Urgöttern in der Kosmogonie von Hermopolis festzustellen (s.S. 9). Seit der 18. Dynastie wird u.a. auch Ra ein weibliches Gegenstück, Rat-taui, zugeordnet, und später gesellt sich, erstmalig im Zusammenhang mit dem Bestattungsritual, zu dem Unterweltsgott Sokar die Göttin Sokaret, die in der Ptolemäer-Zeit mit Hathor verschmolz. Auch Anubis (ägypt.: Inpu) wird mit der Canidengöttin (Canide = hundeähnlich) Input eine Gefährtin zur Seite gestellt.

Andere Paarbildungen sind z.B. Geschwisterpaare. Hierzu gehören z.B. Isis und Nephtys, aber auch die sich feindlich gegenüberstehenden Götter Horus und Seth, wenn sie als Brüder und nicht, wie es bekannter ist, als Onkel und Neffe auftreten.

Nilgott
Der androgyne Nilgott Hapi mit Papyruspflanze, Symbol für Unterägypten

Neben den männlich/weiblichen Götterpaaren gehören zu dem ägyptischen Pantheon auch einige androgyne Götter, die das Wesen des Weiblichen und des Männlichen und damit das Prinzip des Dualismus auf sich vereinen. Hier ist z.B. der Nilgott Hapi zu nennen, der als Mann mit weiblichen Brüsten und einer Lotos- oder Papyruspflanze auf dem Kopf, die Ober- bzw. Unterägypten symbolisieren, dargestellt wird und die Fruchtbarkeit des Landes in Form der jährlichen Überschwemmung garantiert, aber den Speisetisch auch durch die verschiedenen Nilfische bereichert. Selbst Mut wird in ihrer Funktion als Urmutter manchmal als androgyne Göttin mit erigiertem Phallus abgebildet und der Luftgott Schu wie Hapi mit weiblichen Brüsten.

Eine ganz andere Variante des Zusammenschlusses von Göttern zu Gruppen stellen die ba.u , die "Seelen", dar. Sie bezeichnen nach Kees zum einen "die Gesamtheit aller am genannten Orte vorhandenen Gottheiten", wie die "Ba.u von Nechen" (Hierakonpolis, Kom el-Ahmar), die "Ba.u von Buto" (= Pe, Tell el-Fara‘in), die "Ba.u von Hermopolis" (el-Aschmunein), die "Ba.u von Heliopolis" (Südost-Spitze des Deltas), zum anderen aber auch die "Seelen des Neumondtages", worunter alle Götter, die zu diesem bestimmten religiösen Kalenderfest gehören, zu verstehen sind.

Ba.u von Nechen und Buto
Die "Ba.u von Nechen und Buto"

Die Definition des Begriffes "ba.u" ist in der Ägyptologie nicht einheitlich. Nach Kees ist er eine allgemeine Bezeichnung für die bedeutendsten Götter einer Stadt, z.B. der "Neunheit von Heliopolis", Zabkar betrachtet die "ba.u" als Bezeichnung für die nach ihrem Tode vergöttlichten prädynastischen Herrscher der Städte, denen sie zugerechnet werden (was aber eher unwahrscheinlich ist). H. Beinlich dagegen versteht sie als eine Art Göttervolk, das untergeordnete Aufgaben verrichtet, wie dem Verstorbenen eine Himmelsleiter zu bauen oder ihn im Jenseits zu begrüßen.

Lokalgötter

 

Der Begriff "Lokalgötter" weist auf den Hauptkultort (aber nicht unbedingt auf den Ursprung!) eines Gottes hin. So sind Ra oder Ptah in diesem Sinne Lokalgötter, da sie nach Heliopolis bzw. nach Memphis "gehören". Wie gerade das Beispiel dieser beiden Götter zeigt, bedeutet diese Bezeichnung aber keinesfalls, daß der Kult auf diesen Ort beschränkt ist. Auch Chnum von Elephantine (s.S. 13) ist als Hüter der Nilquellen verantwortlich für die Überschwemmung und Fruchtbarkeit, was wiederum eng mit seiner Funktion als Bildner der Lebewesen auf der Töpferscheibe zusammenhängt. Er ist zwar zunächst als Lokalgott dieser Stadt zu verstehen, erlangte aber aufgrund der Bedeutung des Nils als Lebensader für das gesamte Land überregionales Ansehen und wurde in vielen Tempeln des Landes dargestellt. Das berühmteste Beispiel für einen Gott, der von einem Lokalgott zum "Staatsgott" aufstieg, ist zweifellos Amun, der im Alten Reich unbedeutend war und erst seit dem Mittleren Reich, besonders aber in der 18. Dynastie, auf der Karriereleiter unaufhaltsam hinauf bis zum Götterkönig stieg.

GauZeichen

Gauzeichen des 16. unterägyptischen Gaus

Eine typische Ortsgöttin dagegen ist Meretseger (Merit-es-ger, "die das Schweigen liebt"), die in Theben-West, insbesondere in Deir el-Medina, als Schutzgöttin der Thebanischen Nekropole hohes Ansehen genoß. Eine weitere Göttin, Hat-mehit ("die erste der Fische"), wurde im Alten Reich als Hauptgöttin in Mendes im Ostdelta verehrt, erschien aber bald nur noch als die Gemahlin einer Widdergottheit.

Ihr heiliges Tier, ein nicht genau identifizierter Fisch, hat sich als Gauzeichen des 16. unterägyptischen Gaus erhalten. Ihre Ikonographie ist nur aus der Spätzeit bekannt. Sie wird mit einem Fisch auf dem Kopf oder als Amulett in Fischform dargestellt.

Heilige Tiere

Die Verehrung von Tieren spielte im religiösen Denken der Alten Ägypter eine große Rolle. Allerdings ging die Verehrung nicht so weit, daß - wie im Hinduismus die Kuh - alle Exemplare einer Spezies unantastbar waren, sondern es wurden nur einige Tiere als göttlich ausgewählt, kultisch verehrt und nach ihrem Tode mumifiziert, während die anderen als ganz "normale" Tiere betrachtet wurden, die ohne weiteres gejagt und ggf. auch verspeist werden durften.

So gab es z.B. immer nur einen Apis-Stier, und die heiligen Krokodile, die im Brunnen des Tempels von Kom Ombo zu Ehren des krokodilköpfigen Gottes Sobek gehalten wurden, stellten auch nur eine kleine Gruppe unantastbarer auserwählter Tiere dar, während ihre Artgenossen aufgrund ihrer Gefährlichkeit gefürchtet und gejagt wurden.

Seit der Spätzeit der ägyptischen Geschichte, besonders in der griechisch-römischen Epoche, nahm der Tierkult überhand, so daß nun jedes Exemplar einer Art, z.B. eine Katze als Verkörperung der katzenköpfigen Göttin Bastet oder Falken als Inkorporation des Horus galten und als heilig verehrt, mumifiziert und beigesetzt wurden.

Mumifizierte Katze

Mumifizierte Katze,
Ägypt. Museum Berlun

Apotropäische Götter, Dämonen und Ungeheuer

Eine besondere Gruppe bilden die apotropäischen (unheilabwehrenden) Götter und Dämonen sowie Ungeheuer, die ebenfalls der Sphäre des Übernatürlichen, Göttlichen zuzurechnen sind. Die apotropäischen Götter sind "Randgötter" des ägyptischen Pantheons und haben die Aufgabe, die Welt vor übernatürlichen, feindlichen Mächten zu schützen. Hierher gehört z.B. der zwergengestaltige Gott Bes, der als Schutzgott von Schwangerschaft, Geburt und Wöchnerinnen einen klar umrissenen Wirkungsbereich hat.

Gott Bes
Der zwergengestaltige Gott Bes, Hathor-Tempel von Dendera

Zu den übernatürlichen Ungeheuern gehört z.B. Am-Mut (Cm-mwt), die Große Fresserin, die all diejenigen verschlingt, die das Totengericht nicht erfolgreich bestanden haben.

Die "Große Fresserin"
Die "Große Fresserin"

In den Sargtexten und besonders in den Unterweltsbüchern des Neuen Reiches wird von dem Gott Apophis berichtet, einer gefährlichen Schlange, die als wütender Feind des Ra und der Verstorbenen gilt, einem schrecklichen Ungetüm, das der Sonnengott mit Hilfe anderer Götter (zu denen manchmal sogar der Gott Seth zählt, der fälschlicherweise häufig einseitig als das "Böse" betrachtet wird) auf seinem Weg durch die Unterwelt jede Nacht aufs neue besiegen muß, wie es in der 6. Stunde des Pfortenbuches beschrieben ist. Zwölf Götter, die nicht näher bezeichnet sind, bezwingen mit Gabelstöcken den Apophis und befreien damit diejenigen, die das Ungeheuer bereits verschlungen hat: "Unsere Gabelstöcke, Re, sind im ‚Verschlinger‘ [Apophis], unsere Fesseln sind in der Bösen Schlange, O Re! Siehe, ihre Köpfe kommen heraus aus dieser Windung des ‚Zurückweichenden‘! Die Götter sind es, die in der Barke sind, die den Apophis abwehren im Himmel, und wenn sie zur Dat [Duat, Unterwelt] wandern."

Bezwingung der Apophisschlange
Bezwingung der Apophisschlange, nach Hornung

Apophis verkörpert die Nicht-Existenz und erscheint in der Unterwelt auch als Richter der zum ewigen Tod, zum Nichts-Sein Verdammten. Um die von Apophis ausgehende Gefahr zu dämmen, wird die Schlange oft mit einem Messer im Körper, das sie unschädlich macht, abgebildet. Doch selbst Apophis ist nicht einseitig böse, sondern besitzt auch gute Eigenschaften, vor allem im Sinne regenerativer Kräfte der Erde. So wird er in zwei Unterweltsbüchern (im Höhlenbuch und im Buch von der Erde) zum Beschützer der Unterwelt, indem er Osiris, den Herrscher des Jenseits, schützend und erneuernd umschlingt.

Vergöttlichte Menschen

Auch einige wenige Menschen werden aufgrund bedeutender Taten nach ihrem irdischen Tod in die Position von Göttern erhoben und kultisch verehrt. Hier ist insbesondere der weise Imhotep, Baumeister der Djoser-Pyramide, zu nennen (s.S. 33), aber auch König Amenophis I, der besonders in der Handwerkersiedlung von Deir el-Medina verehrt wurde.

Die Pharaonen gelten insgesamt insofern als Götter, als daß sie dem Mythos zufolge Nachfolger des Weltengottes Horus sind und als die Inkarnation des Sonnengottes auf Erden bzw. als dessen Sohn gelten, mit dem sie nach ihrem Tode wieder verschmelzen.

Fremde Götter in Ägypten

Im Neuen Reich, als die Beziehungen zu den asiatischen Nachbarstaaten ausgebaut wurden, die ägyptische Kultur von der der Fremdländer beeinflußt wurde und viele Menschen aus dem syrischen und palästinensischen Raum in Ägypten lebten und ihre Kulte mitbrachten, wurden auch einige fremde Götter in das ägyptische Pantheon integriert, wie z.B. Astarte, die in der Ramessidenzeit nach Ägypten gelangte und mit der Löwengöttin Sachmet identifiziert wurde, da beide Göttinnen übereinstimmende Wesenszüge als Kriegs- und Heilgöttinnen aufweisen.

 

Astarte
Astarte

Götter in griechisch-römischer Zeit

Noch später, in der Ptolemäer-Zeit, verschmolzen die wichtigsten ägyptischen Götter mit den griechischen oder wurden mit ihnen identifiziert, wie z.B. Imhotep mit dem griechischen Heilgott Asklepios, Amun mit Zeus, der zum Zeichen der Verbindung mit dem heiligen Tier des Amun, dem Widder, sogar mit Widderhörnern ausgestattet wird. Gleichzeitig werden auch ägyptische Götter und ihre Symbole, die bei den Darstellungen zeitlich weiter zurückliegender Epochen dazu beitrugen, einen bestimmten Gott zu erkennen, miteinander vermischt, so daß es am Ende der pharaonischen Epoche ikonographisch z.B. keinen Unterschied mehr zwischen Isis und Hathor in ihrer Funktion als Muttergöttinnen gibt, sondern Isis mit dem Kuhgehörn der Hathor und der Sonnenscheibe abgebildet wird.

Die Entwicklung der Götter in der Vor- und Frühzeit

Die Verehrung tiergestaltiger göttlicher Wesen ist bis in die ägyptische Vorzeit (Kupfersteinzeit, 4. Jahrtausend v.Chr.) nachweisbar, denn aus dieser Zeit stammen die Funde vieler Tierbestattungen, vor allem Gazellen und Caniden, aber auch Rinder und Widder. Auch die Schminkpaletten in Form eines Tieres weisen darauf hin, daß in dieser frühen Zeit bestimmte Tiere kultisch verehrt wurden.

Tierpalette
Tierpalette mit Widderkopf, Ägypt. Museum Kairo

Seit der Naqada II-Kultur, kurz vor der sog. Reichseinigungszeit, bedienten sich die Ägypter verschiedener Fetische (= Gegenstände, denen göttliche oder magische Kräfte zugesprochen werden). Aus dieser Zeit stammen die sog. Standarten-Tiere, tiergestaltige göttliche Mächte, oder auch andere, bisher kaum zu deutende symbolhafte Gegenstände, die auf einer hölzernen Tragstange sitzen. Aus derartigen Fetischen entwickelten sich in geschichtlicher Zeit allmählich (nach 3000 v.Chr.) die bekannten Gaustandarten, die das Symbol des jeweiligen Gaues trugen. So ist das Standarten-Tier des 15. oberägyptischen Gaus der Hase, weswegen er auch Hasengau genannt wird.

Tierstandarte
Tierstandarte des Hasengaus

Spätestens in dieser Zeit scheinen allmählich auch mischgestaltige Götter neben die Verehrung reiner Tiergottheiten zu treten. So sind beispielsweise im oberen Teil der Narmer-Palette, links und rechts von dem Namen des Königs, zwei menschliche Gesichter dargestellt, die mit Kuhohren und Gehörn ausgestattet und mit großer Wahrscheinlichkeit als Vorläufer der Göttin Hathor zu verstehen sind.

In der ägyptischen Frühzeit, der sog. Thinitenzeit (1. u. 2. Dyn.), tauchten die ersten menschengestaltigen Götter auf, wie Ptah, der Urgott Atum sowie die kosmischen Götter Geb, Schu und Hapi. Die für Ägypten so typischen Mischgestalten aus Menschenkörper und Tierkopf wurden etwa zu Beginn des Alten Reiches in das Pantheon aufgenommen. Aus dieser Zeit stammt das jetzt im Louvre befindliche Relief mit der ältesten bekannten Darstellung des Gottes Horus in seiner charakteristischen Mischgestalt aus Menschenkörper und Falkenkopf.

 

Narmerpalette
Narmerpalette, Ägypt. Museum Kairo

Eine Ausnahme bildet in diesem Zusammenhang die Terrakotta-Figur der Schweinegöttin aus dem Ägyptischen Museum Berlin, die einen konisch geformten Körper, dünne, menschliche Arme, Brüste, die wie eine Mischung aus weiblichen Brüsten und Tierzitzen aussehen, und einen Schweinekopf besitzt. Aufgrund des Materialbefundes ist sie eindeutig in die Zeit um 3600 v.Chr. einzuordnen. Bei dieser Göttin, die den Sprung von der Vorzeit in die geschichtliche Zeit allerdings nicht geschafft hat – das Schwein wurde in der 3000 Jahre währenden pharaonischen Zeit nicht kultisch verehrt -, steht die ägyptologische Forschung immer noch vor einem Rätsel.

Die Ägypter selbst nahmen die Vielzahl ihrer Götter gelassen hin. Abseits aller mehr oder weniger abstrakten theologischen Denkgebäude und Verknüpfungen glaubten sie, daß jeder einzelne Gott als Vertreter des allgemein Göttlichen mit unendlicher Kraft versehen sei und die Menschen beschützen könne. Diese Schutzwirkung wurde im Alltag durch persönliche Gebete und magische Beschwörungen herbeigefleht, wie z.B. aus dem Gebet zum Schutz eines Neugeborenen vor Krankheit hervorgeht. Je mehr Götter dabei angerufen wurden, desto wirksamer war offensichtlich der Schutz. Um die Unverletzlichkeit des Kindes zu stärken, wird daher jeder Körperteil des Kindes mit einem Gott identifiziert (s. Zitat S. 33).

Das gleiche Phänomen begegnet uns bereits in den Pyramidentexten des Alten Reiches. Hier ist es der verstorbene König selbst, dessen einzelne Körperteile mit verschiedenen Göttern gleichgesetzt werden, damit er ihre göttliche Kraft übernimmt und seine Himmelfahrt gewährleistet wird: "Mein Kopf ist ein Geier, / so daß ich aufsteige und aufschwebe zum Himmel; / die Seiten meines Kopfes sind die Sterne des Gottes, / so daß ich aufsteige und aufschwebe zum Himmel; / Mein Scheitel ist [///] und Nun, / so daß ich aufsteige und aufschwebe zum Himmel; / Mein Gesicht ist Upuaut, / so daß ich aufsteige und aufschwebe zum Himmel; / meine Augen sind die Große an der Spitze der Bas von Heliopolis, / so daß ich aufsteige und aufschwebe zum Himmel; / meine Nase ist Thot, / so daß ich aufsteige und aufschwebe zum Himmel [...]."

Gabriele Höber-Kamel