Kemet 4/2001

Alt-Qurna verschwindet

 

Wer in das Tal der Könige möchte, das Ramesseum besuchen oder auch nur die Memnon-Kolosse aufsuchen will, kennt es oder hat es zumindest unbewusst wahrgenommen: das Dorf Qurna in Theben-West (Abb. 1).

Abb.1: Blick auf Alt-Qurna (Oktober 1993)

Gegenüber dem Ramesseum gelegen, wirkt es geradezu malerisch und ist, wie es scheint, ganz selbstverständlich und unverrückbar an die Thebaner Berge angeschmiegt (Abb. 2). Und doch, die Tage Qurnas sind gezählt.

Abb. 2: Alt-Qurna vom Ramesseum aus gesehen (Oktober 1997)

Seit uralter Zeit ist Theben-West von Menschen besiedelt: Die ältesten Spuren reichen bis weit in die Altsteinzeit zurück.
Weltbekannt sind die Gräber und Tempel der Pharaonenzeit. Und auch das Dorf Alt-Qurna ist bekannt, sogar berühmt durch seine Einwohner: Denn von hier stammen die Rasuls, die als Grabräuber Geschichte schrieben. Die Entdeckung des Mumienverstecks um 1871 bei Deir el-Bahari, mit den in der 21. Dynastie hier zusammengetragenen Pharaonenmumien der 18. und 19. Dynastie, ist ihnen zu „verdanken“ (wie auch die Entdeckung unbekannt vieler Gräber, deren Beigaben oft genug im Antiquitätenhandel „verschwanden“). Um diesen Ort ranken sich auch viele der echten und der erfundenen Grabräubergeschichten.
Doch auch aus einem anderen Grund ist der Ort bemerkenswert, denn hier leben nicht nur „Grabräuber“ und begnadete Fälscher und Kopisten antiker Stücke, sondern auch einfache Menschen mit ihren uralten Traditionen.
Überragt werden die Häuser Qurnas von Galeriegräbern. Auch zwischen den Häusern schaut das eine oder andere Grab hindurch. Und es ist bekannt, dass sich so manches Haus über dem Grab eines Edlen befindet, das so bisher den Archäologen entzogen war.
Dieses Dorf besteht mit seinen malerischen, architektonisch reichen und oft genug mit Bildern der Hadsch versehenen Häusern (Abb. 3) [1] seit ca. 400 oder 500 Jahren.

Abb. 3: Im Hintergrund: Haus mit Bildern der Hadsch (Mekka-Reise); (März 1999)

Angeblich kamen die ersten Siedler Qurnas aus dem Süden, manche vermuten sogar, dass sie aus Saudi-Arabien stammen. Diese islamischen Siedler sollen sich die Felder mit Christen, die hier lebten, geteilt haben. In Qurna leben heute – soweit bekannt – allerdings keine Christen mehr.
Einige der Häuser existieren (zumindest in Teilen) seit Jahrhunderten – sie könnten (und sollten?) somit Objekte archäologischen Interesses sein: Neben Fragen der Kontinuität in der Architektur oder der Entwicklung der Sozialstruktur beispielsweise ließen sich auch Fragen nach der Verwendung von Rohstoffen im Profan- und Sakralbau (Moscheen) untersuchen. Hier sei auf die Benutzung von Lehmziegeln in der Architektur verwiesen, deren Verwendung und Zusammensetzung sich im Laufe der Zeit geändert hat: Die Festigkeit der Lehmziegel hängt nicht nur von dem Boden, aus dem sie bestehen, ab, sondern auch von den Zuschlägen (z.B. feinem Sand und Stroh), die sich ihrerseits auf die Beständigkeit eines Gebäudes auswirken [2].
Wenn schon nicht die Häuser Alt-Qurnas Ziel wissenschaftlichen Interesses sein können, so doch zumindest deren Fundamente: Es sind letztlich pharaonische Grabmauern, auf denen die Häuser stehen (Abb. 4). Das kann in Theben-West, einer Gegend, die von Toten geradezu „überbevölkert“ ist, auch gar nicht verwundern. Jedenfalls mussten sich die Qurnavis schon vor langer Zeit mit „ihren Toten arrangieren“. Nicht alle sind freilich frei von Furcht, der Aberglauben ist weit verbreitet. So versucht mancher natürlich, sich vor den Toten zu schützen. Einige Häuser sind aus diesem Grund mit in Blut getauchten Händen versehen worden, die die Bewohner vor Unheil bewahren sollen [3].

Abb. 4: Abgerissene Lehmziegelhäuser, in der unteren Bildhälfte ein Grabeingang (April 2000)

Auffällig ist auch, dass die Eingänge der Lehmziegelhäuser oft sog. Scheintüren in antiken Gräbern gleichen (Abb. 5). Darauf angesprochen, stellen aber nur wenige Qurnavis diese Verbindung her, die meisten sehen darin einfach ganz traditionelles Bauen.

Abb. 5: Hauseingang eines Lehmziegelhauses (April 2000)

Diese wenigen Beispiele zeigen, welch weites Arbeitsfeld sich für Volkskundler und Archäologen hier auftut.
Dieses Dorf, Alt-Qurna, soll also verschwinden. Das Gebiet soll zu einem archäologischen Schutzgebiet werden. Der Tourismus, der hierbei sicherlich eine bedeutende, wohl die bedeutende Rolle spielt, wird als Grund selten angeführt.
Doch man darf die ketzerische Frage stellen, ob nicht auch die Qurnavis, die in gewisser Weise selbst in und mit der Archäologie leben, vielleicht sogar in dem einen oder anderen Fall zur Erhaltung von Gräbern beigetragen haben und weiterhin beitragen könnten? Waren denn nicht schon viele der vermuteten Grabstätten in der Antike beraubt? Sind dies nicht Gründe, die für den Erhalt des Dorfes sprechen? Und, malerisch ist es allemal. Viele der Bewohner Qurnas verweigern sich jedenfalls dem vorgesehenen Umzug bis zum heutigen Tag.
Die Pläne, das alte Dorf abzureißen und das Gebiet letztlich der Archäologie zur Verfügung zu stellen, sind in den 90er Jahren bekannt geworden. Sie schienen zunächst keinen Erfolg zu haben, die neuen Siedlungen waren und sind nicht sehr beliebt. War aber bis vor zwei Jahren kaum eine Veränderung in Qurna festzustellen, so ist es doch mittlerweile unumstößlich: Qurna verschwindet.
So gehen Jahrhunderte alte, gewachsene Strukturen, wie es scheint, nahezu unbeobachtet verloren. Immerhin wurde noch von Hassan Fathy neben Neu-Qurna auch manches aus Alt-Qurna beschrieben.

Abb. 6: Zum Teil abgerissene Häuser in Alt-Qurna, ganz im Hintergrund: Galeriegräber (September 2000)

Der gewollte Verfall durch die gezielte Ent-Siedlung ist immens (Abb. 6 ). Mittlerweile sind große Teile des Dorfes verschwunden. Viele der Qurnavis sind inzwischen umgesiedelt worden, und manche leben „entwurzelt“ in den neuen Einheitsbauten. Menschen, die in Qurna von den Touristen lebten, indem sie Souvenirs anboten oder sich als Führer verdingten, sind jetzt oft genug ohne Arbeit. Dabei trugen selbst Kinder zu dem Unterhalt der Familien bei, indem sie z.B. tönerne Uschebtis oder Arousas (Stoffpüppchen), die in Heimarbeit gefertigt wurden, an die Touristen verkauften.

Abb. 7: Research im April 2000 (vgl. Kemet 1/2000, S. 60 f.). 
Im Hintergrund bereits nahezu völlig abgerissene Häuser und Graböffnungen.

Es gibt aber immer noch Hartnäckige, die sich gegen die Umsiedlung wehren. Doch wird das Leben zwischen den Hausruinen allmählich unerträglich. Und sie wehren sich ohne wirkliche Aussicht auf Erfolg: Denn jedes hinter oder unter einem Haus zum Vorschein kommende Grab (Abb. 7), meistens ohnehin schon in der Antike beraubt, rechtfertigt, so scheint es, nachträglich die Umsiedlung.
Und natürlich gibt es auch heute noch genügend Geschichten, die sich um das Dorf ranken. Manche glauben, hier würden seit Generationen Grabschätze gehütet, viele suchen, andere kennen angeblich noch verborgene Schätze. Vermag dies vielleicht die Archäologie zu beflügeln?
Es ist aber eben nicht nur das Dorf der Grabräuber, das verschwindet. Es sind alte Traditionen, die verloren gehen, uralte Familien (und nicht nur die Rasuls), die zu Theben gehören, wie die antiken Gräber und deren Geschichten, es sind Kleinbetriebe (Abb. 8) von Familien, von denen sich manche im Laufe der Zeit zu Spezialisten entwickelten, wie sie es vielleicht nur hier werden konnten, und es sind nicht zuletzt auch liebenswürdige, hilfsbereite und gelegentlich auch schlitzohrige Menschen, von denen manches in der Vergangenheit berichtet werden konnte.

Abb. 8: Weberhütte in Alt-Qurna (September 1999)

Es scheint jedenfalls festzustehen, dass das Ende Qurnas unabwendbar ist. Und so verschwindet ein auch für Ägypten wichtiges Stück Geschichte.

Detlef Hopp

Anmerkungen:
[1] Z.B. Ann Parker/Avon Neal, Die Kunst des Hadsch (München 1995). Zahlreiche Häuser aus Theben-West sind hier beschrieben.
[2] Fathy, 1989, bes. S. 224 ff. So lässt sich beispielsweise an der Beschaffenheit der Lehmziegel auch der soziale Status der Bauherren ablesen.
[3] Eine Familie, die heute in Neu-Qurna lebt, erzählte, sie hätten wegen der Toten „freiwillig“ diesen Ort verlassen. Sie berichtete von „Schatten“, die sie auch am Tage sahen.
Literatur:
Fathy, H., Architecture for the Poor, Cairo 1989 (erstmals: Qurna: A Tale of two Villages (Cairo 1969)
Steele, J., An Architecture for People, The complete works of Hassan Fathy, Cairo 1997