Kemet 4/2002

 

Frauen und Ägyptenforschung Teil III

 

Touristinnen

 

Mit der Wiederentdeckung der alten Kulturen im Orient wuchs im 19. Jh. auch das Interesse daran, diese Länder zu besuchen. Die Zahl der Reiseberichte und Beschreibungen der archäologischen Expeditionen erlebte ebenfalls einen stetigen Zuwachs; diejenigen, die sich eine Reise in den Orient zutrauten, waren in der Lage, sich, zumindest was ihre Kenntnisse der alten Kulturen betrifft, ziemlich gut vorzubereiten.

Auch Frauen wagten vermehrt dieses Abenteuer. Die Gründe waren vielfältig: Reisen um des Reisens willen, um darüber zu berichten, um sich zu bilden, aus gesundheitlichen Gründen und der Einfluss der unterwegs gemachten Eindrücke auf das weitere Leben der Reisenden variiert ebenfalls. Manche Berichte wurden von professionellen Schriftstellerinnen geschrieben (wie z.B. Amelia Edwards, Harriet Martineau), manche aus nach Hause geschriebenen Privatbriefen und/oder Tagebüchern zusammengestellt (wie z.B. die Berichte von Florence Nightingale, Lucie Duff Gordon, Ida Pfeiffer).

Die Wienerin Ida Pfeiffer (1797–1858) war, seit sie mit ihrem Sohn Triest besucht hatte, von der Reiselust erfasst worden. Aber erst als sie ihre beiden Söhne aus der mütterlichen Sorge entlassen konnte, nahmen ihre Reiseträume konkrete Gestalt an; sie ist fast 45 Jahre alt, als sie 1842 ihre erste Reise – nach Konstantinopel, Palästina und Ägypten – antritt. Und weitere Reisen folgen; bis zu ihrem Tod bereist sie Skandinavien, Brasilien, Tahiti, China, Indien, Persien, Mesopotamien, Nord- und Südamerika. War ihr erstes Reisetagebuch eigentlich noch für den persönlichen Gebrauch gedacht, lässt der Erfolg der Veröffentlichung – und die dazugehörige Verbesserung der finanziellen Mittel – sie die Aufzeichnungen der nächsten Reisen professioneller angehen. Ihre Berichte wurden jeweils mit Begeisterung empfangen.

Bei Lucie Duff Gordon (1821–1869) entwickelte sich in den 50er Jahren eine Tuberkulose, durch welche sie gezwungen wurde, in wärmerem, trockenerem Klima Linderung für ihr Leiden zu suchen. 1862 traf sie in Ägypten ein und wohnte bis zu ihrem Tod in dem so genannten „French House", welches von Henry Salt 1815 auf dem Dach des Tempels von Luxor gebaut worden war. Ihre Briefe nach Hause, 1865 erstmals publiziert, beschäftigen sich weniger mit den Sehenswürdigkeiten Ägyptens als vielmehr mit der Bevölkerung, in deren Mitte sie sieben Jahre lebte, und den sozialen Missständen. Diese Berichte bilden eine wertvolle Ergänzung zu den Reiseberichten, versuchen sie doch die Lebensumstände der einfachen Bevölkerung von innen her aufzuzeigen.

Florence Nightingale (1820–1910) machte ihre Reise durch Ägypten im Winter 1849/1850 bis nach Abu Simbel. Eine sehr religiöse Frau, innerlich kämpfend mit den ihr durch die Gesellschaft auferlegten Beschränkungen für Frauen, suchte sie schon seit Jahren verzweifelt nach der humanitären Mission, zu der, wie sie glaubte, Gott sie berufen würde. Diese Berufung würde sie aber erst später, 1853, im Krimkrieg finden und berühmt werden als „the Lady with the Lamp". Ihre Briefe nach Hause wurden 1854 von ihrer Schwester veröffentlicht. Allerdings kommt ihr seelischer Kampf weniger in den Briefen als vielmehr in ihrem Tagebuch zum Ausdruck. Wie so viele anderen Reisenden wird auch sie von der vergangenen Kultur Ägyptens zunehmend in den Bann gezogen und dieser Einfluss wird zu einem wichtigen Faktor im Emanzipationsprozess der Loslösung aus den restriktiven familiären Verhältnissen und in der Entwicklung ihrer religiösen Überzeugung.

Auch für Harriet Martineau (1802–1874) war die Reise durch Ägypten und den Orient eine intellektuelle Bereicherung hinsichtlich ihrer religiösen Ideen und ihres kritischen Standpunktes der viktorianischen Gesellschaft gegenüber. Sie reiste von November 1846 bis Mai 1847 von Kairo bis Nubien und über Kairo und Beirut zurück nach Europa. Ihr Ansinnen war es, durch diese Unternehmung die alte und die zeitgenössische Kultur Ägyptens und des Orients besser kennen und verstehen zu lernen. Obwohl sie sich gründlich vorbereitet hatte, konnte sie nicht ahnen, wie sehr auch für sie vor allem Ägyptens Eindrücke auf den Rest ihres Lebens einwirken würden.

Für Amelia Edwards schließlich war die Begegnung mit Ägypten ebenfalls ein Wendepunkt in ihrem Leben. Nach ihrer Rückkehr widmete sie ihr Leben völlig der Ägyptologie, daher sollen sie und ihr Reisebericht hier, stellvertretend für alle in dieser Zeit allein reisenden Frauen, etwas ausführlicher vorgestellt werden.

Literatur:

Joan Rees, Writings on the Nile. Harriet Martineau, Florence Nightingale, Amelia Edwards, London 1995.
Florence Nightingale, Letters from Egypt, New York 1987.
Lucie Duff Gordon, Letters from Egypt (1865), London 1969.
Katherine Frank, Lucie Duff Gordon, Hamish Hamilton (London) 1994.
Ida Pfeiffer, Reise in das Heilige Land. Konstantinopel, Palästina, Ägypten im Jahre 1842, Wien 1995.
Ida Pfeiffer, Eine Frau fährt um die Welt, Wien 1989 (Originalausgabe: Eine Frauenfahrt um die Welt, Wien 1850, 3 Bde).
Florence Nightingale, Letters from Egypt, New York 1987.
Harriet Martineau, Eastern Life Present and Past, Moxon (London) 1848.
Valerie Pichanik, Harriet Martineau, University of Michigan Press 1980.


 

Amelia B(landford) Edwards (7. Juni 1831–15. April 1892)

 

Schon als Kind entwickelte Amelia Edwards künstlerische Talente; sie schrieb Gedichte, widmete sich der Musik und dem Gesang, liebte das Theater und war eine begabte Zeichnerin, was die Illustrationen zu ihrem Reisebericht eindrücklich bestätigen. Letztendlich beschloss sie, ihre literarischen Talente zu ihrem Beruf zu machen. Sie schrieb im Laufe der Jahre viele Gedichte und Kurzgeschichten, acht Romane, Beiträge für verschiedene Magazine und Zeitungen und mehrere Reiseberichte. Dazu gab sie populäre Bücher über Kunst und Geschichte heraus.

Die Schicksalswende in ihrem Leben beginnt ironischerweise nicht mit dem Ziel, Ägypten zu bereisen, sondern mit einer mehrwöchigen „sketching tour" durch Frankreich. Das anhaltend schlechte Wetter veranlasst sie und ihre Freundin, eine gewisse Miss Lucy Renshawe, im Buch als L. bezeichnet, die Sonne weiter südlich zu suchen, ein Einfall, der sie via Italien nach Kairo führt, wo sie am 29. November 1873 eintreffen. Dort entschließen sich die beiden, die Reise den Nil hinauf bis nach Abu Simbel zu machen.

Abb. 1: Porträt von Amelia Edwards

In der zweiten Hälfte des 19. Jh.s war diese Reise schon recht beliebt. Seit 1869 fuhren Dampfschiffe unter der Flagge Thomas Cooks den Nil hinauf, welche es der gebildeten Klasse, bestens bekannt mit Ägypten durch die Bibel und frühere Reiseberichte [1], erleichterten, die faszinierende Fahrt anzutreten. Allerdings entscheidet Amelia sich aus finanziellen Gründen für eine individuelle Reise. Sie mietet eine Dahabiya samt Schiffsmannschaft, die beliebteste Beförderungsart bis zur Erscheinung der Cook-Dampfer.

Ihre Beschreibungen der Ankunft in Kairo und der Jagd auf ein geeignetes Nilschiff, welche den Anfang ihres Reiseberichtes bilden, sind mit einem feinen, manchmal ironischen Humor verfasst: „Nun, die Meisten wissen einiges über das Elend der Häuserjagd; aber nur diejenigen, die es erlebt haben, wissen, wie viel heftiger das der Dahabiya-Jagd ist […]. Erstens sind die Schiffe alle nach der gleichen Vorlage gebaut, was bei Häusern nicht der Fall ist; und abgesehen davon, dass sie größer oder kleiner, sauberer oder dreckiger sind, gleichen sie einander aufs Haar. Das Gleiche kann von ihren Kapitänen gesagt werden, mit den gleichen Unterschieden […]. Dahabiyas haben es an sich ständig ihren Platz zu wechseln, was für Häuser nicht gilt […]. Ihre Namen Ghazal, Sarawa, Fostat, Dongola gleichwohl unterschiedlich von allen Namen, die man jemals gehört hat, bieten auch nicht viel Hilfe zur Erinnerung. Ebensowenig wie die Namen ihrer Kapitäne; denn die heißen alle Mohammed oder Hassan." [2]

Dieser Stil zieht sich durch das ganze Buch, obwohl ein Großteil der Beschreibungen ernsthaft und ausführlich den Ruinen des Alten Ägypten gewidmet ist. Man kommt nicht darum herum, Amelia selbst zu Wort kommen zu lassen, um die Art und Weise, wie diese Reise sie fasziniert und ihr Freude bereitet hat, zum Ausdruck zu bringen.

Nach zweiwöchigem Feilschen und Handeln geht die Fahrt am 13. Dezember 1873 mit einer erweiterten Gesellschaft los (zu den beiden Frauen gesellen sich ein gewisser Andrew McCallum, der im Buch The Painter heißt, und ein junges Paar auf der Hochzeitsreise, im Buch bezeichnet als The Happy Couple oder The Idle Man und The Little Lady) und einer angeschleppten Schiffseinrichtung nach gehobener Art (nebst dem Esstisch und verschiedenen Sesseln ist Platz für Bücherschränke samt Büchern, Gewehren und Spazierstöcken und sogar ein Klavier; und natürlich darf der täglich frische Blumenstrauß nicht fehlen, selbst in Nubien wird ein Strauß aus Bohnenblüten und Rizinusölbeeren gebastelt!). Je nach Wetterverhältnissen (wenn der Wind günstig ist, wird ohne Halt weitergesegelt, bei Windstille muss gezwungenermaßen die Wartezeit mit Anderem totgeschlagen werden), wird versucht, möglichst viele, wenn nicht alle, bekannten Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Der erste Ausflug gilt dem Pyramidenfeld in Saqqara. Bei dieser Gelegenheit wird auch die Reisegruppe – auf Eseln unterwegs – auf unnachahmliche britische Art unter die Lupe genommen: „Auch unser Kleiderstil, obwohl bequem, steht nicht gerade im Einklang mit den uns umgebenden Kulissen; und man kann sich des Gefühls nicht erwehren, angesichts dieser zerlumpten und staubigen Pilger, die uns unterwegs begegnen, daß wir eine jämmerliche Figur machen mit unseren grässlichen Strohhüten, grünen Schleiern und weißen Sonnenschirmen […]. Aber die erstaunlichste und widersinnigste Person im ganzen Gefolge ist fraglos George. Nun, George ist ein englischer Kammerdiener aus dem Norden, den die M.B.’s aus der Wildnis von Lancashire zum Vorschein gebracht haben […]. Wenn man diesen würdigen Anachronismus sieht, wie er in Frack und Gamaschen, mit Livreeknöpfen, fleckigem Schlips, Zylinder und dem ganzen Kram herumgaloppiert; wie seine langen Beine nur zwei Zentimeter über den Boden beidseits vom winzigsten aller Esel runterbaumeln; mit doppelläufiger Jagdflinte unterm Arm und diesem unbeirrbaren Ausdruck im Gesicht, könnte man schwören, er und Ägypten wären alte Freunde und er wäre von frühster Kindheit an mit Pyramiden aufgewachsen."

Abb. 2: Der Hafen von Bulak

Sie besuchen nebst der Stufenpyramide auch das Serapeum und das Grab des Ti, wobei die Beleuchtung durch mitgebrachte Kerzen bestimmt eine abenteuerliche Atmosphäre in den unterirdischen Räumen – wie in allen später besuchten Monumenten – garantiert hat.

Amelias scharfe Beobachtungsgabe richtet sich auf verschiedenste Ebenen. Nicht nur die Ruinen erregen ihre Aufmerksamkeit – wobei sie glücklich ist, sie in der richtigen Reihenfolge zu sehen –, sondern auch die Landschaft, Sonnenuntergänge und Vollmondnächte, die Eigenart ihrer Schiffsleute und der Mitreisenden, Auffälligkeiten der Bevölkerung, unerwartete Ereignisse usw. Bei allen ihren Beschreibungen ist die zwanzigjährige Erfahrung als Journalistin und Schriftstellerin spürbar, welche hier durch einige Beispiele illustriert werden soll.

Unterwegs begegnen die Reisenden mehrere Male von den Arabern verehrten Heiligen: „[…] wir sehen zu unserem außerordentlichen Erstaunen etwas, das ein sehr großer, grauhaariger Affe zu sein scheint, der sich oben auf einem Müllberg niedergelassen hat. Das Wesen ist offensichtlich ziemlich zahm und hat sich in genau dieser fröstelnden, melancholischen Haltung hingekauert, wie Schimpansen sie im Käfig des Zoologischen Gartens einnehmen […]. Und so finden wir heraus, dass es nicht ein Affe, sondern ein Mann ist – und nicht nur ein Mann, sondern ein Heiliger. Heiligster vom Heiligen, Schmutzigster vom Schmutzigen, weißhaarig, weißbärtig, eingeschrumpft, krumm und knorrig, so ist der berühmte Scheich Selim – er, weißbärtig, eingeschrumpft, krumm und knorrig, so ist der berühmte Scheich Selim aschen in den letzten fünfzig Jahren an dieser gleichen Stelle saß, jeden Tag, durch Sommerhitze und Winterkälte […] abhängig von der Wohltätigkeit, nicht nur seiner Nahrung, sondern auch seines Ernährens wegen!"

Abb. 3: Europäer beim ersten Kamelritt

Auch Amelia entkommt letztendlich nicht dem - für heutige Touristen ebenfalls obligaten – Ritt auf dem Kamel: „Das Kamel hat seine Vorteile – das wenigstens sei zugegeben; doch sie sind nicht auf Anhieb ersichtlich […]. Du weißt, dass es dich hasst, vom ersten Moment an, als du um es herum gehst und dich wunderst, wo und wie seinen Höcker zu ersteigen. Mehr noch, es zögert nicht, dir dies unumwunden mitzuteilen. Es flucht ungebremst, während du Platz nimmst […] und starrt dich böse an, wenn du versuchst seinen Kopf in eine andere Richtung, als es selber wünscht, zu lenken […]. Sein Gang ist aber komplizierter als seine Gelenke und herausfordernder als seine Laune. Es hat vier Gänge: ein kurzer Schritt, wie das Schaukeln eines kleinen Bootes auf dem rauhen Meer; ein langer Schritt, der alle Knochen in deinem Körper aus den Fugen bringt; ein Trab, der dich zum Schwachsinn degradiert; und ein Galopp, der einem jähen Tod entspricht […]. Sie grinsten; sie schnaubten; sie schneuzten; sie knurrten; sie widersetzten sich jedem Schritt vorwärts. Was mein Kamel betrifft (ein ungeschicktes, eingebildetes Biest mit einem blutunterlaufenen Auge und einer ramponierten römischen Nase), noch nie in meinem Leben hörte ich ein dummes Tier sich einer so obszönen Sprache bedienen."

Die Skizzen Amelias zeigen nicht nur die Ruinen, sie versucht auch manchmal, die Menschen in ihren Zeichnungen festzuhalten, was wegen des islamischen Bilderverbotes nicht immer gelingt. Andererseits ist diese Tatsache manchmal auch nützlich: „Die Einheimischen kauern auf dem Ufer und starren stundenlang auf uns. Sobald jemand an Deck erscheint, brechen sie in einen Chor von „Bakschisch!" aus. Es gibt nur eine Möglichkeit um sie abzuschütteln und das ist, sie zu zeichnen. Der Effekt tritt schlagartig ein. Mit einem anständigen Zeichenblock und Stift kann ein ganzes Dorf blitzartig in die Flucht geschlagen werden. Wenn man sich andererseits ein Modell wünscht, ist das Problem unüberwindlich […]. Ich erinnere mich noch gut an eine stolze Schöne, wohlgeformt und gekleidet wie eine Juno, die eines Morgens am Ufer stand und alle Geschäftigkeit an Bord geringschätzend beobachtete […]. Der Maler [Andrew McCallum] entsandte einen Botschafter, ermächtigt alles zwischen einem Sixpence und einem halben Souverein zu bieten, damit sie nur für eine halbe Stunde so stehen bleiben würde. Die Art ihrer Ablehnung zeugte von Größe. Sie zog ihren Schal über das Gesicht, nahm die Hand ihres Kindes und schritt fort wie eine beleidigte Göttin."

Weitaus am meisten ist Amelia aber beeindruckt und fasziniert von den Überresten des alten Ägypten. Sie lässt sie auf sich einwirken, beschreibt sie, stellt manchmal fortschreitende Beschädigungen fest, lässt aber in jeder Beschreibung ihre Begeisterung durchschimmern, welche in Abu Simbel mit dem Fund einer bis dahin unbekannten Kapelle neben den großen Tempel ihren Höhepunkt erreicht.

Der Tempel von Dendera weckt Emotionen, von Erschütterung über Furcht bis zum Gefühl des Verlorenseins: „Nicht ohne so was wie einen Schock sieht man erstmals die abscheuliche Zerstörung, welche an den mit Hathorköpfen geschmückten Säulen der Fassade [vom Tempel] in Dendera verursacht wurde. Die massiven Falten der Kopfbedeckung sind da; die Ohren, aufrecht und spitz wie die eines Kalbes, sind da; aber vom liebenswürdigen Antlitz der Göttin ist kein Zug mehr übrig. Ampère […] spricht über sie, als noch immer ‚erstrahlend in Farben, die selbst die Macht der Zeit nicht vermocht hatte auszulöschen’. Die Zeit muss dennoch unüblich stark geschäftig gewesen sein während den dreißig Jahren, die seitdem verflossen sind. [...] Im Zwielicht, das durch den Eingang hineinschimmerte, konnten wir verschwommene Umrisse von einem Wald von Riesensäulen sehen, welche aus der unteren Finsternis emporragten und in der oberen Finsternis verschwanden. Dahinter erschienen schattenhafte Reihen von aufeinanderfolgenden Hallen, die in die Tiefe der undurchdringlichen Dunkelheit wegführten. Es brauchte nicht viel Mut in einer Gruppe Reisegefährten diese Treppen hinunterzugehen und diese Tiefe zu erkunden; aber es wäre ein schauderhafter Ort um sich alleine hineinzuwagen. [...] Wir haben in den letzten Wochen über diese Götter und Embleme gelesen - wir haben vorher den Grundriss des Tempels studiert; aber jetzt, wo wir wirklich da sind, werden unsere Buchkenntnisse nichtig und wir fühlen uns so hoffnungslos unwissend, als ob wir plötzlich in einer neuen Welt gelandet seien."

Beeindruckend ist für sie auch der Besuch verschiedener Gräber im Tal der Könige, darunter das berühmte Grab von Sethos I.: „In eines dieser großen Gräber hinunterzugehen, ist wie sein Ich in die Unterwelt absteigen zu lassen und den Pfad der Schatten zu betreten. Beim Überschreiten der Schwelle schauen wir hinauf - halb erwartend diese fürchterlichen Wörter zu lesen, welche alle, die hineingehen, davor warnen die Hoffnung hinter sich zu lassen. Der Durchgang senkt sich vor unseren Füssen; das Tageslicht hinter uns lässt nach. Am Ende des Durchgangs erscheint eine Treppe und am Fuß dieser Treppe sehen wir einen weiteren Gang, der schräg hinunter in die Tiefen der totalen Finsternis verschwindet."

Abu Simbel ist für Amelia aber die ultimative Erfahrung. Die Gruppe hält sich dort fast drei Wochen auf, nur einmal unterbrochen von einem viertägigen Ausflug nach Wadi Halfah. Ankunft und Aufenthalt inklusive Neuentdeckung und „Restaurationsarbeit" der Monumentalstatuen des großen Tempels – haben ihr wohl den letzten Anstoß gegeben, ihre verbleibenden Lebensjahre der Ägyptologie zu widmen.

Abb. 4: Der Eingang der neu entdeckten Kapelle

Dem oben erwähnten Fund einer Kapelle ist ein ganzes Kapitel, „Chapter XVIII, Discoveries at Abu Simbel", gewidmet. Ausführlich beschreibt Amelia die Entdeckung, Verhandlungen mit dem örtlichen Scheich, der die Grabungsmannschaft stellen soll, die Ausgrabung und schließlich das gefundene Monument selbst.

Die „Restauration" der nördlichsten Statue vor dem großen Tempel, das heißt: die weißen Flecken mit starkem Kaffee zu betupfen, entsteht aus der Notwendigkeit, die Schiffsmannschaft, die anfängt, sich zu langweilen, zu beschäftigen:

„[…] unser Maler ersann die Idee sie [die Schiffsmannschaft] dazu zu bringen, das Gesicht der nördlichsten Kolossalstatue zu reinigen, welche immer noch verunstaltet war vom Pflaster, das zurückgeblieben war, als Mr. Hay vor mehr als einem halben Jahrhundert den großen Abguss gemacht hatte. […] Sie brauchten drei Nachmittage um die Arbeit zu erledigen. […] Um Rais Hassan zu sehen, der künstlerisch eine Riesennase, fast so lang wie er selbst, nachbesserte; Riskally und der Küchenjunge, hin und her wankend mit Nachschub von zu diesem Anlass besonders „dicke und trüb" gebrautem Kaffee; Salame, der sich im Schneidersitz, wie irgendein selbstgefälliger Schalk, auf den emporragenden Rand der großen Pschent-Krone hoch in der Luft, niederließ; die Übrigen schwatzend und auf dem Gerüst herumhüpfend wie Affen; dies alles war, wage ich zu behaupten, ein Anblick, der witziger war als alles andere, das je in Abu Simbel zu sehen war oder noch sein wird."

Abb. 5: Die „Restauration" einer der Kolossalstatuen

Wie Amelia ihren Aufenthalt in Abu Simbel empfand, zeigt eine Auswahl ihrer Beschreibungen: „Zu allerletzt, obwohl es Nacht war und sie noch fast eine Meile entfernt waren, tauchten die vier Kolossalstatuen, gespenstisch, verschwommen und schattenhaft, im verzauberten Mondlicht auf. Gerade als wir sie beobachteten, schienen sie zu wachsen - sich auszudehnen - sich aus der silbrigen Ferne auf uns zuzubewegen. [...] Währenddessen war es großartig jeden Morgen, direkt unten am steilen Ufer, aufzuwachen und, ohne den Kopf vom Kissen zu heben, diese Reihe von Riesengesichtern so nahe am Himmel zu sehen. […] Ich brachte mich schließlich fast dazu zu glauben, dass früher oder später irgendein Sonnenaufgang kommen müsste, an dem der Zauberbann des Altertums auseinanderbrechen würde und die Riesen sich erheben und sprechen würden. [...] Es ist ein wunderschöner Ort [der Tempel] um alleine drinnen zu sein. […] Gesehen in der schnell zunehmenden Dämmerung, scheinen sie [die Götter] beseelt mit übernatürlichem Leben. Es gab Zeiten, in denen ich kaum überrascht gewesen wäre sie sprechen zu hören – sie von ihrem gemalten Thron aufstehen und von den Wänden heunterkommen zu sehen. Es gab Zeiten, in denen ich spürte an sie zu glauben."

Als ihre Reise sich dem Ende zuneigt, ist ihr Wunsch, die Schätze des alten Ägypten bewahren zu wollen, stark ausgeprägt: „Mir wurde gesagt […], dass die Wandbemalungen, die wir glücklicherweise noch in all ihrer Schönheit und Frische bewundert haben, schon sehr beschädigt sind. Dies ist das Schicksal jedes ägyptischen Monumentes, groß oder klein. Der Tourist zerkratzt es überall mit Namen und Daten, und in einigen Fällen mit Karikaturen. Der Ägyptologe wischt, durch „Abklatsche" mit nassem Papier, jede Spur der Originalfarbe weg. Der „Sammler" kauft und nimmt mit, was er nur an Wertvollem ergattern kann; und der Araber stiehlt für ihn. […] Es ist niemand da es zu verhindern, es ist niemand da es zu vereiteln. Jeden Tag werden mehr Inschriften verstümmelt – mehr Gräber geplündert - mehr Malereien und Skulpturen verunstaltet. Der Louvre besitzt ein mannshohes Porträt von Sethos I., vollständig aus den Wänden seines Grabes im Tal der Könige herausgeschnitten. Die Museen von Berlin, Turin, Florenz sind reich an Raubbeute, die ihre eigene bedauernswerte Geschichte erzählt. Wenn es die Wissenschaft vor macht, ist es da verwunderlich, wenn Unkenntnis ihr nacheifert?"

Nach ihrer Rückkehr fängt Amelia an, Ägyptologie zu studieren (die Publikation ihres Reiseberichtes verzögerte sich dementsprechend; die erste Ausgabe erschien 1877) und sich vehement für die Erhaltung und professionelle Ausgrabung der Monumente einzusetzen. 1882 gründet sie den Egypt Exploration Fund, die spätere, bis heute existierende Egypt Exploration Society. Unermüdlich wirbt sie für Unterstützung und Geld, um die ägyptologische Forschung voranzubringen. Sie schreibt Briefe, Artikel und Buchbesprechungen, Beiträge für ägyptologische Kongresse, gibt Publikationen für den EEF heraus und hält überall Vorträge.

1889 wurde Amelia eingeladen, eine Vorlesungsreihe in verschiedenen Städten der USA abzuhalten, welche sie von November 1889 bis März 1890 durchführte. Die Veranstaltungen wurden ein durchschlagender Erfolg. Allerdings stürzte sie während dieser Rundreise und brach sich den Arm. Von diesem Unfall, zusammen mit extremen Erschöpfungserscheinungen am Schluss der Marathonveranstaltung, konnte sie sich nicht mehr ganz erholen. Am 15. April 1892 starb sie an den Nachwirkungen und den Folgen einer Grippe [3]. Sie hinterließ dem University College, London, ihre Bücher und ein Legat von fast £5000, um damit den ersten Lehrstuhl für ägyptische Archäologie und Philologie zu gründen. Und sie ließ keinen Zweifel bestehen über die Person, die als erste diesen Lehrstuhl zu besetzen hatte: Sir William Flinders Petrie, den sie nach ihrer Reise kennen und als genialen Archäologen schätzen gelernt hatte. Ihr Beitrag zur Professionalisierung der Ägyptologie und Archäologie war, zumindest in England, maßgebend.

Jetty Boots-Kaat

Anmerkungen:

[1] Zu der Reiseliteratur Amelias gehörten u.a. Bücher von Lepsius, Belzoni, Bunsen, Champollion, Wilkinson. In ihrer zweiten Ausgabe greift sie u.a. auch auf Wallis Budge, Brugsch, Maspero, Petrie zurück. Auch hatte sie die Berichte der Harriet Martineau und Lucie Duff Gordon gelesen.
[2]
Alle Zitate stammen aus: Amelia Edwards, A Thousand Miles Up the Nile, London 1982.
[3]
Für einen ausführlichen Bericht der letzten Jahre nach ihrer Rückkehr aus den USA, siehe: KMT: A modern Journal of Ancient Egypt, Vol. 5 Nr. 4, Winter 94-95, S. 77-81

Literatur:
Amelia B. Edwards, A Thousand Miles Up the Nile, London 1982. (Erstausgabe: 1877; 2. Druck 1888)
Patricia O’Neill, Amelia Edwards. From Novelist to Egyptologist, in: P. Starkey, J. Starkey (Hrsg.), Interpreting the Orient. Travellers in Egypt and the Near East, Reading 2001, S. 165–173
Brenda E. Moon, Amelia Edwards, Jennie Lane and Egypt, in: Paul Starkey, Janet Starkey (Hrsg.), Interpreting the Orient. Travellers in Egypt and the Near East, Reading 2001, S. 175–184
Margarita Diaz-Andreu, Marie Louise Stig Sørensen (Hrsg.), Excavating Women. A history of women in European archaeology, London/New York

Bildnachweise:

Abb. 1: Aus: Joan Rees, Writings on the Nile. Harriet Martineau, Florence Nightingale, Amelia Edwards, London 1995, Pl. 3, nach S. 52.
Abb. 2 u. 3: Aus: Georg Ebers, Aegypten in Bild und Wort, Band II, Stuttgart und Leipzig 1880, S. 161 u. 165
Abb. 4 u. 5: Aus: Amelia Edwards, A Thousand Miles Up the Nile, London 1982, S. 308 u. 331