Das einhöckrige Kamel (Camelus Dromedarius)

Lastschiff der Wüste

 

Kaum ein anderes Haustier hat eine vergleichbar bedeutende Rolle innerhalb der Weltgeschichte eingenommen wie das Kamel. Ihm verdanken Völkergruppen ihren politischen Aufschwung, es ermöglichte den Austausch von Handelsgütern und Kontakte zwischen verschiedenen Kontinenten und prägte menschliche Lebensformen. Umso erstaunlicher ist die Fülle an Unklarheiten und offenen Fragen in Zusammenhang mit der Domestikation des Kamels. Im besonderen Maße gilt dies auch für das Niltal, wo sich die Geschichte des Tieres teilweise sehr widersprüchlich präsentiert.

 

Merkmale und Physiologie

Abb.1: Dromedar und Trampeltier, aus: Meyers, Großes Konversations-Lexikon (1906), gegenüber S. 504 (nach Pusch 1996)

Als „Tier, das am letzten Schöpfungstag zusammengestellt wurde, aus den Teilen die noch übrig waren" beschreibt der niederländische Schriftsteller Simon Carmiggelt (1913-1987) das Kamel. Das Äußere des Tieres ist in der Tat etwas wunderlich (Abb. 1): Der seltsam geformte, lang gezogene Kopf mit breitem Maul, hängender Lippe, großen Augen und kleinen, spitz zulaufenden Ohren, der lange, s-förmig geschwungene Hals, die ungleich zarten, aber hohen Beine, die - wie die gesamten Körperproportionen - kaum gelungen erscheinen sowie vor allem die steile, buckelige Rückenlinie mit dem dominanten Höcker.

Generell sind zwei Formen dieser typischen Wüstentiere zu unterscheiden, das einhöckrige Dromedar (Camelus dromedarius) sowie das Trampeltier (Camelus bactrianus) mit zwei Höckern (Abb. 1). Diese Unterscheidung wurde bereits von antiken Autoren (z.B. Plinius) nach der Verbreitung der Arten getroffen.

Kamele sind als Tylopoden (Schwielsohler) eine Untergruppe der Paarhufer und liegen physiologisch und evolutionstechnisch zwischen Schweinen und echten Wiederkäuern. Ihre Hufe sind an den bevorzugten Lebensraum Wüste angepasst und als eine Art Füße (Schwielensohlen) ausgebildet, auf denen die Tiere über den heißen Sand laufen können (Osborn 1998, 155). Auch das Gebiss von Kamelen ist sehr ungewöhnlich, denn es sind richtige Reißzähne vorhanden, ansonsten eindeutige Charakteristika von Caniden (Brewer/Redford/Redford 1994, 102). Ferner unterscheiden sich Kamele durch die Muskulatur der Hinterläufe und im Aufbau des Magens von echten Wiederkäuern.

Die bekannteste Besonderheit der Tiere stellt der Umstand dar, dass Kamele kein Wasser zu sich nehmen müssen, wenn Grünfutter vorhanden ist. Auch im Sommer müssen sie nur jeden 5. Tag trinken. Sie können auf einmal bis zu 120 Liter (Stute) bzw. 150 Liter (Hengst) trinken. Gespeichert wird das Wasser dann in den Zellen, und nicht – wie fälschlich im Volksmund angenommen – im Höcker. Der Höcker ist ein Depot von Fettgewebe, das bei Bedarf in Energie umgewandelt wird. Bei wohlgenährten Tieren steht er dementsprechend aufrecht, während er bei Unterernährung schlaff auf eine Seite klappt.

 

Vorkommen und Verbreitung

In unserer Vorstellung zwar untrennbar mit der Sahara verbunden und mittlerweile auch häufig mit Pyramiden und Ägypten assoziiert, stammt das Tier ursprünglich gar nicht aus dieser Region. Fossilfunde im westlichen Nordamerika belegen die dortige anfängliche Heimat der Vorfahren der Cameliden. Allerdings ist die spätere Linie des Paracamelus im Pliozän von Amerika über die Beringstraße nach Asien (Kamel) gewandert, während die Vorfahren der Familie des Lama nach Südamerika kamen (ausführlich Walz 1954, 52ff.). Nachkommen dieser Untergattung Paracamelus gelangten bis nach Osteuropa und nach Ostafrika.

Das gegenwärtig lebende Dromedar ist von Nordafrika bis ans Kaspische Meer und von Arabien bis Nordwest-Indien verbreitet, das baktrische Kamel hingegen in Zentralasien vom Kaspischen Meer bis in die Mandschurei bekannt (Brewer/Redford/Redford 1994, 102). In der Türkei werden auch Kreuzungen der beiden Gattungen gezüchtet, wobei als Muttertier meist das Dromedar fungiert. Dieses ist heute vollständig domestiziert, während es in der Wüste Gobi noch Wildkamele mit zwei Höckern gibt. In der Sahara sowie in Ägypten und im Sudan ist das einhöckrige Kamel verbreitet, von dem im Folgenden die Rede sein wird.

 

Domestikation

Generell gehören Kamele bzw. Dromedare in drei Kontinenten (Asien, Afrika und Ost- und Südosteuropa) zu den wichtigsten Nutz- und Haustieren. Sie sind extrem vielseitig und vereinen fast alle möglichen Haustierfunktionen in sich – Reit-, Zug- und Packtier, Produzent von Milch, Wolle, Dung, Blut und Fleisch (Köhler 1981, 125). Einzige Nachteile der Tiere sind ihre geringe Vermehrungsrate (Geburtsabstand von etwa 22 Monaten bei 360-390 Tagen Tragezeit), ihre Abhängigkeit von trockenem Klima sowie der hohe Aufwand beim Hüten, denn Kamele können nur frei gehalten werden und legen beim Weiden sehr große Strecken zurück.

Aufgrund einer angeborenen großen Scheuheit und der Neigung zu langen Fluchtdistanzen scheinen Kamele erst durch eine Klimaverschlechterung gezwungen worden zu sein, die Wüste oder Steppe zu verlassen und in Menschengebiete vorzustoßen. Die Domestikation dürfte Köhler (1981, 62) zufolge weniger aus einer Jäger-Beute-Beziehung hervorgegangen sein, sondern wohl daraus, dass man den Dung der Tiere als wertvolles Brennmaterial erkannte.

Als Domestikationszentrum der Dromedare wird Süd­ostarabien angenommen, wo sich bereits im 3. Jahrtausend v.Chr. erste Hinweise darauf finden. Im Verlauf der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v.Chr. (wohl um 1700) wurde das gezähmte Dromedar in Palästina übernommen und gelangte in weiterer Folge auch nach Nordafrika. Es gibt insgesamt sehr unterschiedliche Auffassungen über den Zeitpunkt der Einführung des Kamels in Afrika, die zwischen dem 3. Jahrtausend v.Chr. und dem 7. Jahrhundert n.Chr. angesetzt wird. Auffallend ist, dass im pharaonischen Ägypten von Kamelen keine Reliefdarstellungen, keine kamelgestaltige Hieroglyphe und auch kein einheimisches Wort für das Tier belegt sind – dementsprechend können sie dort keine tragende Rolle eingenommen haben und wurden wohl erst später als Nutztier eingeführt.

 

Das Kamel in Ägypten

Das einhöckrige Kamel war in pharaonischer Zeit aber auch nicht völlig unbekannt. Verschiedene Belege scheinen dafür zu sprechen, dass das Tier entweder vereinzelt ab der vorgeschichtlichen Zeit vorkam oder aber auf Umwegen und nur selten mit den Ägyptern in Berührung kam. Allerdings haben diese es nicht als Haustier übernommen, und so fehlen jede Art der Reliefdarstellungen oder Referenzen im Kult (Boessneck 1988, 83). Dieser Negativ-Befund ist kaum ausschließlich mit der Überlieferungsgeschichte und einer schlechten Befundlage zu erklären. Vielmehr scheint sich darin die reale Situation und der Einsatz des Dromedars widerzuspiegeln. So gab es bis in ptolemäische Zeit in Ägypten keinen großen Bedarf und insofern auch keinen Markt für diese Tiere. Hauptverkehrsweg war der Nil und alles war auf Schiffsverkehr ausgerichtet. Transporte auf dem Landweg und Karawanen wurden mit Eseln bestritten.

Mit zunehmendem Einfluss der Oasen und dem Aufkommen nomadisierender Bevölkerungselemente in Ägypten wuchs dann auch die Bedeutung des Kamels. Während der römischen Kaiserzeit haben sich Dromedare als Lasttiere für den Warenverkehr auf dem Landweg erfolgreich etabliert. Davon zeugen zahlreiche Felsbilder entlang der wichtigsten Handelsrouten (z.B. entlang der Quft-Quseir-Route in der Ostwüste) sowie andere Funde wie Terrakotta-Statuetten. Mit Beginn der römischen Epoche scheint somit das Kamel in Ägypten seine moderne Rolle als „Wüstenschiff" innezuhaben. Auch in spätantiker und koptischer Zeit behauptet es diese wichtige Funktion, wie zahlreiche Terrakotten von Dromedaren belegen. In der koptischen Kunst wurde der heilige Menas Schutzpatron der Kamele. Einer Überlieferung zufolge handelt es sich um einen Märtyrer in Phrygien, dessen Gebeine von Kamelen nach Ägypten gebracht und dort bestattet wurden, wo die Tiere zum Stehen kamen.

 

Belege

Nachweise für Dromedare im pharaonischen Ägypten sind generell sehr strittig und größtenteils unklar. Sie wurden bereits mehrfach gesammelt und ausgewertet. Hier soll nur eine kleine Auswahl besprochen werden, wobei besonders Neufunde der letzten Jahre berücksichtigt wurden. Sowohl bildliche und figürliche Darstellungen als auch Knochenfunde sind zu nennen. Dem Großteil der Funde ist gemeinsam, dass sie entweder aus nicht genau datierten Kontexten stammen, ihre Herkunft ganz unbekannt ist oder überhaupt zweifelhaft ist, ob sie ein Kamel darstellen. Eindeutige Belege für die Verwendung des Tieres stammen erst aus der Ptolemäerzeit.

Abb. 2: Fayencefigur eines Kamels; nach Mariette, Abydos I-II, Paris 1869, Taf. 40

Aus prä- und frühdynastischer Zeit werden in der Literatur vereinzelte Fragmente von Tonfigurinen angeführt, deren Identifizierung allerdings stark umstritten sind (so genannte Kamelköpfe aus Maadi, Abydos und Hierakonpolis). Eine ins Alte Reich datierte Kalksteinfigur in Gestalt eines liegenden Tieres mit einem Gefäß am Rücken aus Abusir el Meleq (heute in Berlin) stellt wohl doch kein Kamel dar, zumindest fehlt ein Höcker. Eindeutig als Dromedar anzusprechen ist hingegen ein Fayencegefäß, das von Mariette in Abydos gefunden und in den Zeitraum 19.-26. Dynastie (um 1300-500 v.Chr.) datiert wurde. Es zeigt ein liegendes, mit vier Vorratsgefäßen und einem Reiter beladenes Dromedar (Höhe: 5 cm; Abb. 2). Die vorgeschlagene Datierung dieses Stückes erscheint sehr fraglich und ist wohl in eine viel spätere zu korrigieren.

Ein bemerkenswerter Fund kam bei den deutschen Grabungen in der Ramsesstadt Qantir zutage. Eine Schale, die in die späte 18. bzw. frühe 19. Dynastie zu datieren ist, zeigt an der Innenseite eine fragmentierte Ritzung, die eindeutig ein Dromedar wiedergibt. Somit scheint mit dieser Darstellung der bis dato älteste gesicherte bildliche Beleg der Gattung aus Ägypten vorzuliegen. Der Ausgräber Edgar Pusch (1996, 107) warnt aber zugleich mit Recht davor, aus diesem Einzelfund Rückschlüsse auf Domestikation, Vorkommen und Verbreitung der Kamele zu ziehen. Besonders in der Ramsesstadt waren zahlreiche ausländische Handwerker beschäftigt, und so scheint es mit Pusch durchaus denkbar, dass jemand, der Dromedare aus eigener Anschauung kannte, dieses sonderbare Wesen seinen ägyptischen Kollegen vorstellen wollte. Denn zum Zeitpunkt des Neuen Reiches waren die Tiere im benachbarten Ausland, wie z.B. in Syrien/Palästina, bereits als Haustiere etabliert. Dass Kamele aus Asien gelegentlich bis ins Delta kamen oder einzelne Tiere als Kuriosum in der Ramsesstadt gehalten wurden, ist natürlich auch denkbar.

Ein weiterer Beleg aus Ägypten wurde ebenfalls ins Neue Reich angesetzt und steht insofern der Schale aus Qantir nahe. In einem Grab der 19. Dynastie in Rifeh fand Petrie eine aus Nilton modellierte Figur. Dieses Kamel besitzt sehr plumpe, dicke und kurze Stummelbeine, einen eher kurzen Hals und einen wenig ausgeprägten Höcker, an dem zwei Wasserkrüge befestigt sind. Die ägyptische Manufaktur des Stückes ist nicht gesichert und auch fraglich.

Eine einfache, handgeformte Tonfigur eines Kamels wurde in jüngster Zeit in Qasr Allam in der Bahariya Oase gefunden. Das große Lehmziegelgebäude dieses Ortes wurde vor Beginn der französischen Grabung als römische Festung interpretiert, scheint aber tatsächlich aufgrund von Keramik in die saïtische Zeit (7./6. Jh. v.Chr.) zu setzen zu sein (Colin 2004). Sollte sich diese frühe Datierung als haltbar erweisen, dann könnte mit der kleinen Tonfigur ein weiteres Indiz zur zeitlichen Festlegung der Einführung der Dromedare in Ägypten vorliegen. Allerdings ist hier der Fundort Oase besonders zu berücksichtigen – generell besteht dort im Vergleich zum Niltal ein höherer Bedarf an Kamelen und insofern würde ein etwas früherer Beleg nicht unbedingt verwundern.

Abb. 3: Tonfigurine aus christlicher Siedlung am Vierten Katarakt (HUNE 2004, UD 005.1, Maßstab 1:2, Zeichnung: J. Budka)

Ähnlich einfach geformte Tonfiguren, die als Kamele interpretiert werden, fanden sich vereinzelt auch in Theben (TT 41, Grab des Amenemope, Assmann 1991, Abb. 3 sowie Asasif, österreichische Grabungen, unpubliziert). Diese Belege sind für eine Beantwortung der Frage nach dem Zeitpunkt des Auftretens der Tiere allerdings nicht hilfreich, da sie nicht aus stratifizierten Kontexten stammen.

Wie aus dieser kurzen Übersicht ersichtlich, sind die meisten Nachweise für Kamele im pharaonischen Ägypten nicht für die Rekonstruktion des Domestikationsprozesses verwendbar, da sie nicht einwandfrei datierbar sind. In ptolemäisch-römischen Tempeln finden sich auch zuweilen Kameldarstellungen, so etwa in den Heiligtümern von Philae, Kalabscha und Dakka. Diese Ritzungen sind frühestens als ptolemäisch-römisch zu datieren (Rowley-Conwy 1988, 247) und gehören damit in eine Zeit, als das Kamel schon seine bedeutende Stellung erreicht hatte.

In römischer und koptischer Zeit steigt die Anzahl der erhaltenen Terrakotta-Figuren von Dromedaren ganz erheblich. Bemalte Terrakotten aus christlicher Zeit (etwa 5.-6. Jh.) bilden eine einheitliche Gruppe, zu denen auch vergleichbare Pferdefiguren gehören (Boutantin 2004). Die Tiere werden dabei sehr stark stilisiert wiedergegeben.

Neben den Funden gibt es auch einige literarische Zeugnisse für Kamele in Ägypten. Der Einfall der Assyrer unter Asarhaddon und die Einnahme von Theben um 670 v.Chr. soll mit Hilfe verbündeter arabischer Kamelreiterstämme stattgefunden haben. Laut Herodot III, 9 spielten Kamele auch beim Persereinfall 525 v.Chr. unter Kambyses eine Rolle – der Perser soll sich von den Nabatäern Kamele für den Wassertransport geborgt haben. Alexander der Große zog schließlich 331 v.Chr. mit Dromedaren zur Oase Siwa, um das Orakel zu befragen.

Im Widerspruch zur ägyptischen Quellenlage bezüglich des Kamels stehen einige Bemerkungen in der Bibel. So heißt es in der Geschichte vom Besuch Abrahams beim Pharao im Buch Moses I, 12, der ägyptische König habe Kamele in seinem Besitz gehabt. Diese Passage wurde in der Forschung ausführlich und sehr gegensätzlich diskutiert; Albrights Erklärung der Textstelle als nachträglich hinzugefügtes Lokalkolorit scheint plausibel.

 

Organische Reste und Knochenmaterial

Der sicherste Beweis für das Vorkommen von Dromedaren in Ägypten wären Knochenfunde aus geschlossenem Kontext. Leider ist auch hier die Befundlage sehr dürftig und zudem umstritten. So stammen z.B. die von Saad im Friedhof von Heluan ausgegrabenen und in die 1. Dynastie datierten Kamelknochen aus nicht stratifiziertem Zusammenhang und sind insofern für die obige Fragestellung wertlos. Aus gesichertem Kontext konnten hingegen an zwei Orten in Unternubien organische Reste von Kamelen geborgen werden (Sayala und Qasr Ibrim, s.u.). Eine im Fajum gefundene Kordel aus Haaren (Kontext der 3.-4. Dynastie) wurde lange als Beleg für ein Kamel aus der Zeit des Alten Reiches interpretiert, konnte mittlerweile aber als Schafshaar identifiziert werden und ist insofern von der ägyptischen Belegliste für Kamele zu streichen.

 

Das Kamel in Nubien und im Sudan

Wie aus fossilem Knochenmaterial ersichtlich ist, war das Kamel wohl bis ins Neolithikum (ca. 5000 v.Chr.) in Nordafrika heimisch. Im Sudan belegen Radiokarbon-datierte Knochen die Existenz der Gattung in der Zeit um 22000 BP. In historischer Zeit sind die Belege dann wieder nur vereinzelt und bieten ein ähnliches Bild wie in Ägypten. Dementsprechend scheint auch im südlichen Nachbargebiet das Kamel spät eingeführt worden zu sein und erst ab römischer Zeit große Bedeutung erlangt zu haben. Die im heutigen Sudan ansässigen Blemmyer (auch als X-Gruppe oder Ballana-Kultur bekannt) trugen während der Kaiserzeit wesentlich zur Verbreitung des Kamel-Nomadentums in Nordafrika bei. Dieses nomadisierende Volk wurde zunächst als eher friedlich und vor allem gering an Zahl eingestuft. Allerdings scheinen sie in spätptolemäischer Zeit über Händler oder auch durch neue arabische Siedler mit dem Dromedar bekannt geworden zu sein und machten sich in weiterer Folge die Vorteile der „Wüstenschiffe" zu Nutzen. So schätzt Trigger (1965, 131) die ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die bei den Blemmyern auf das Kamel zurückgehen, ähnlich fundamental ein wie die Einführung des Pferdes bei den nordamerikanischen Ureinwohnern. Waren die Blemmyer zuvor auf die feuchteren Gebiete eingeschränkt gewesen, so hatten sie jetzt an Mobilität gewonnen. Zudem ließ die römische Kontrolle zu dieser Zeit im Niltal nach und die Blemmyer infiltrierten schließlich Unternubien und Oberägypten. So musste Domitian im Jahr 289 die südliche Grenze nach Assuan verlagern, und die Bevölkerung im römischen Nubien wurde ausgesiedelt.

Auch nach der arabischen Eroberung im 7. Jh. dominierten die Blemmyer/Beja weiterhin die südliche Handelsroute zwischen dem Roten-Meer-Hafen Aidhab und dem Nil. Die östliche Wüste wurde zunehmend die Heimat von Kamelzüchtern, die sich mit der Zeit südwärts ausdehnten. Im teilweise aufgrund der Katarakte nicht schiffbaren Nordsudan gewannen Kamele für den auf dem Landweg erfolgenden Handel an Bedeutung. Auch heute noch ist Kamelpastoralismus im Sudan weit verbreitet, wobei die Milch der Tiere das Hauptprodukt darstellt (Pastoralismus = Hirtenkultur/Lebensweise, deren Existenz auf Hüten domestizierter Tiere basiert, normalerweise mit Nomadismus unterschiedlicher Grade verbunden).

 

Belege und Darstellungen

Auch im Sudan fehlen gesicherte Befunde, die die Frage des Domestikationszeitpunktes klären könnten. Die Masse der Belege stellt abermals nicht eindeutig datierbares Material wie Felsbilder und Tonstatuetten dar.

Abb. 4: Tonfigur eines Kamels aus dem Grab des Amenemope; nach Assmann 1991, S. 243

Kleine handgeformte Kamelfigurinen aus Ton sind mehrfach im christlichen Siedlungskontext belegt. Hier sind zwei erst in diesem Frühjahr gemachte Neufunde der Berliner Nubien-Expedition am Vierten Katarakt zu nennen (Abb. 4, s. auch S. 69ff.). Der Fundort dieser Figuren innerhalb von Siedlungen und die Vergesellschaftung mit christlicher Gebrauchskeramik betonen den profanen Charakter der Stücke. Vielleicht handelt es sich um einfaches Kinderspielzeug. Zwischen Nomaden und ihren Tieren können enge Beziehungen entstehen, im besonderen Maße zwischen Kindern und Jungtieren (vgl. dazu etwa die klassische Darstellung von Evans-Pritchard, The Nuer). Insofern scheint es gut denkbar, dass von den tierischen Spielkameraden kleine Abbilder aus billigem Material hergestellt wurden.

Aus einem Grabkontext des 1. Jh.s n.Chr. stammt eine klein­formatige Bronzefigur eines knienden Kamels mit Sattel. Dieses Stück, das sich heute im Museum in Khartum befindet, kam in der Pyramide des Prinzen Arikankharer, Sohn des Natakamani, im Nordfriedhof der Stadt Meroë zutage (Dunham 1957, 127, fig. 82).

Abb. 5: Felsbilder von Kamelen am Vierten Katarakt; nach Welsby 2003

Seit dem 1. Jh. v.Chr. lösen Kamele anderes Großwild und Rinder als dominantes Motiv der Felsbildkunst ab. Zahlreiche Felsbilder zeigen nun Kamele. So werden z. B. auch im Zuge der aktuellen Rettungsgrabungen am Vierten Katarakt entsprechende Beispiele dokumentiert (Abb. 5; s.S. 69ff.), die wohl größtenteils in mittelalterliche bis moderne Zeit datieren. Bei diesen Kamelbildern ist ein profaner Kontext anzunehmen. Die Ritzungen stammen am ehesten von Personen, die mit Dromedaren in Kontakt standen und die Tiere vor Augen hatten. Eventuell sind die Darstellungen auch als Prestigeobjekte und Zeichen von Wohlstand und Macht aufzufassen.

 

Organische Reste und Knochenmaterial

Auch in Nubien wurden Kamelknochen nur vereinzelt bei archäologischen Ausgrabungen gefunden. Ein sicherer Beleg, der aber zugleich einige Fragen aufwirft, stammt aus Sayala in Unternubien. Dort konnte ein Rippenfragment einwandfrei als zu einem Dromedar gehörig identifiziert werden. Es wurde mit Spuren von Feuereinwirkung in einer Feuerstelle gefunden und wird vom Ausgräber Bietak (1966, 38) als originär zu diesem Befund aus einem Horizont der C-Gruppe gehörig betrachtet. Könnte hier der Nachweis für vereinzelte, wildlebende Kamele am Ende des dritten Jahrtausends v.Chr. in Nubien vorliegen?

Ebenfalls in Unternubien, in Qasr Ibrim, wurden ein Unterkieferfragment und getrockneter Dung gefunden, die beide einem Kamel zugeordnet werden konnten (Rowley-Conwy 1988). Der Grabungsdokumentation zufolge stammt das Kieferfragment aus einem napatanischen Kontext. Der Dung wurde von ungestörten napatanischen Schichten überlagert. Diese stratigraphischen Positionen schienen für die Fragestellung des ersten Auftretens des Kamels viel versprechend, und so wurden beide Proben durch C14-Analyse datiert. Diese Radiokarbon-Daten werden zwar teilweise als aussagekräftig gehandelt, sind in Wahrheit aber leider in diesem Zusammenhang nicht brauchbar. Denn so deckt etwa das kalibrierte Ergebnis des Unterkiefers eine Zeitspanne von 1000-150 v.Chr. ab. Als nur bedingt aufschlussreich erwies sich auch der Kameldung. Diese Probe datiert mit 86,9% Wahrscheinlichkeit in den Zeitraum von 1150-750 v.Chr. und mit 8,5% Wahrscheinlichkeit zwischen 700-500 v.Chr.

Aus römischer und spätantiker Zeit ist naturgemäß viel mehr Knochenmaterial von Kamelen vorhanden. So sind etwa bei den königlichen Grabbauten der Blemmyer in Ballana als auffallende Sitte Tier- und Menschenopfer bzw. die zeitgleich zur Hauptbestattung erfolgte Mitgabe von Tieren und Menschen festzustellen. Neben Hunden, Eseln und Pferden wurden auch Kamele in diesen Gräbern gefunden. Teilweise wurden die Tiere offenbar mit ihren Pflegern bestattet und auch sorgsam mit Zaumzeug, Sattel bzw. Leine ausgerüstet.

 

Zusammenfassung

Zum jetzigen Zeitpunkt kann keine eindeutige Lösung vorgelegt werden, wann, wo und warum genau das Kamel domestiziert wurde. Für das Niltal ist festzuhalten, dass es generell sehr spät, wohl erst in ptolemäischer, vielleicht auch schon in persischer Zeit, auf jeden Fall kaum vor dem 7. Jh. v.Chr. eingeführt wurde. Solange aufgrund der Hauptverkehrsader Nil kein dringender Bedarf für „Wüstenschiffe" bestand, wurden in Ägypten und im Sudan auch keine Kamele gehalten. Außerdem ist das Fruchtland entlang des Flusses ein denkbar schlechter Lebensraum für die Tiere, die nur bei hoher Trockenheit gut gedeihen. Offenbar kam es in Ägypten schließlich durch Anstoß von außen und aufgrund der Entwicklung neuer Lebensformen zur Einfuhr des Kamels. Spätestens in der Römerzeit gelangte auch im Niltal Kamelpastoralismus zu Bedeutung. Diese nomadischen Bevölkerungselemente waren nun in der Lage, Kamele zu züchten und den Nachschub zu gewährleisten. Fortan wurde das Kamel im Fruchtland gerne als Last- und Zugtier verwendet und war zum Leben in der Wüste bereits unentbehrlich geworden.

Einige bemerkenswerte Einzelfunde aus pharaonischer Zeit wie die Dromedar-Ritzung auf der ramessidischen Schale aus Qantir oder die kleine Kamelfigurine aus Qasr Allam verdeutlichen, dass vielleicht doch in künftigen Grabungen und entsprechend neuem Material Potential steckt, um einige der Ungereimtheiten der Geschichte des Kamels im Niltal in Zukunft lösen zu können.

Julia Budka

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