Kemet 4/2006

 

Ismailia und sein Archäologisches Museum

 

Kairo, Luxor, Assuan, ein Ausflug nach Abu Simbel und vielleicht noch ein Abstecher zur „Erholung" nach Hurghada oder ein anderes Resort am Roten Meer: Dies dürfte heutzutage die gängigste Routenführung für die meisten Kulturreisenden sein, die erstmalig Ägypten besuchen. Und wahrhaftig: Eine schier unglaubliche Fülle an bedeutenden Denkmälern gibt es auf dieser Route zu sehen. Doch hat man damit ganz Ägypten gesehen, „gemacht", wie manche sagen und sozusagen – abgehakt? Sicher nicht! Wer die Augen und Ohren offen hält, wird rasch bemerken, dass man bei einer Reise wie dieser nur einen Teil des Landes, wenn auch einen sehr wichtigen, besucht hat.

Egypt doesn´t end at Assuan!" Mit diesem Slogan warb vor zehn Jahren der ägyptische Tourismusverband für den Besuch von Nubien, als sich erstmalig nach der Errichtung des Hochdammes bei Assuan zwischen 1960 und 1971 die Möglichkeit zu einer Kreuzfahrt auf dem Nasser-See bot und dadurch ein komfortabel arrangierter Besuch der in Ägypten verbliebenen versetzten Denkmäler möglich wurde (vgl. Kemet 4/96). Seither ist durch neuere Forschungsunternehmungen, Publikationen, Ausstellungen und Filmberichte zu diesem Thema das versunkene nubische Erbe Ägyptens und des Sudans stärker in das kulturelle Bewusstsein unserer Zeit getreten. Neben dem Süden locken heute die libysche Wüste mit ihren Oasen, die Sinai-Halbinsel und schließlich auch das Nildelta die Ägyptenfreude. Alle diese Regionen sind infrastrukturell so weit erschlossen, dass einem Besuch hier keine unüberwindlichen Hürden entgegenstehen.

Abb. 1: Die Villa von Ferdinand de Lesseps in der Nähe des Museums

Das Nildelta ist eine Region von außerordentlicher archäologischer Bedeutung (vgl. Kemet 3/06). Dem modernen Besucher stellt sich dieses Gebiet durchaus nicht als homogene Einheit dar, der Reiz dieser Landschaft erschließt sich nicht sofort und vielleicht auch nicht von allein. Wer in unserer Zeit etwa von Kairo Richtung Nordosten aufbricht, wird nicht nur von Kanälen durchzogene grüne Felder sehen. In der Tat liegen hier etwa zwei Drittel des bestellbaren Ackerlandes Ägyptens, doch es wird von Tag zu Tag weniger. Die explosionsartig angestiegene Bevölkerung und die damit verbundene enorm dichte Besiedelung des Deltas, die bis zu zwanzigstöckigen Hochhäuser in den Städten und die modernen Industrieanlagen haben den Naturraum Nildelta in eklatanter Weise beeinträchtigt. In der Zeit der Pharaonen war dieses Gebiet weiträumig landwirtschaftlich genutzt. Auf den Feldern, die meist zu den großen Tempelanlagen gehörten, lebte die Landbevölkerung im scheinbar unendlichen Rhythmus von Aussaat-, Überschwemmungs- und Hitze-Jahreszeit. Die Städte hingegen waren schon früh eine Art melting pot der Kulturen. Der pelusische und der tanitische Nilarm sorgten im Ostdelta einander ablösend für die Verbindung zur Küste, von wo aus die Schiffe nach Byblos und nach Zypern aufbrachen, und die Karawanenwege in den Vorderen Orient brachten Menschen und Waren verschiedenster Völker durch Ägyptens Tor zum Osten.

Abb. 2: Der Khedive Ismail (Bronzebüste im Mena House Hotel)

Dieser Bericht möchte Sie in eine Stadt führen, die ihre Existenz Ägyptens besonderer Lage an der Nahtstelle zwischen Afrika und Asien verdankt und die so ganz anders ist als die meisten heutigen Städte Ägyptens. Auf gut ausgebauter Straße erreicht man, von Kairo kommend, über die Städte Bilbês und Abu Hamâd oder auf der Wüstenstraße in zwei bis drei Stunden Ismailia. Noch hält sich der Autoverkehr hier in Grenzen. Eine angenehme Brise weht vom Timsah-See her, dem alten „Bittersee", der eine Verbindung mit dem Roten Meer im Süden bei Suez und über den Suezkanal mit dem Mittelmeer im Norden bei Port Said besitzt. Ismailia ist die Stadt in der Mitte. Sie zählt etwa 300.000 Einwohner und ist eine vergleichsweise ruhige Stadt mit breiten Straßen, schönen Plätzen und Parkanlagen. Europäisch anmutende, Chalet-artige Häuser, wie die Villa des Initiators des Suezkanals, Ferdinand de Lesseps (1805-1894), gehören ebenso zum Stadtbild wie die etwas angestaubte Kutsche des Namensgebers der Stadt, des Khediven Ismail (Regierungszeit 1863-1879), die wie ein Monument am Rande einer Grünanlage auf einem Sockel steht.

Man glaubt sich kaum in Ägypten, jedoch eine 5 m hohe moderne Mosaikwand an einer Straßenkreuzung erklärt diesen Eindruck und erinnert an Ismailias Gründerzeit, als am 17. November 1869 hier die Eröffnungsfeier für den Suezkanal stattfand. Kaiser Napoleon III. war dazu eingeladen und ebenso Kaiser Franz Joseph I. von Österreich. Seine „Sisi" ließ sich entschuldigen – die sensible Kaiserin hatte wohl kein Interesse an dem unmittelbaren Vergleich mit Europas anderer berühmter Schönheit, der französischen Kaiserin Eugénie.

Abb. 3: Eine moderne Mosaikwand an einer Straßenkreuzung in Ismailia. Thema: Der Empfang Napoleons III. und Kaiserin Eugénies durch den Khediven

Die Arbeiten am Suezkanal waren von der Welt wegen ihrer wirtschaftlichen und geostrategischen Bedeutung aufmerksam verfolgt worden. Sie hatten zehn Jahre gedauert, viele Menschenleben gekostet und waren enorm kostspielig gewesen. Doch nun bot sich für den Fernhandel nach Asien eine Alternative zur langwierigen und gefährlichen Umschiffung Afrikas oder dem gleichfalls teuren und riskanten Landweg. Während des Kanalbaues waren auch zahlreiche Antiken geborgen worden, für die es galt, einen würdigen Rahmen zu schaffen, doch kam es nicht sogleich dazu. Das heutige Museum ist ein zweigeschossiger ägyptisierender Bau aus dem Jahre 1932. Es befindet sich unweit der Stadtmitte in einem einladenden Garten. Polygonale Pfeiler gliedern pilasterartig die weiße Fassade. Das Fehlen eines Kapitells bei dieser – nicht ganz richtig – auch als „protodorische Säulen" bezeichneten Stützenform wird durch die darüber liegende Dekoration mit einer Reihe von Skarabäen (!) ausgeglichen. Ein Rundstab und eine Hohlkehle bilden den Übergang zum (nicht begehbaren) Dachgeschoss. Die Bepflanzung mit Bananenstauden, Palmen und üppig scharlachfarben blühender Bougainvillea gibt dem Ensemble einen geradezu paradiesischen Charakter. Hier wünschte man sich eine Cafeteria!

Abb. 4: Das Ismailia-Museum mit Garten

Schon im Garten stößt man auf das erste Highlight des Museums: ein praktisch unversehrter Granitsphinx von 2,33 m Länge und 1,48 m Höhe, der mit dem Namen Ramses’ II. beschriftet ist. Die genauere Betrachtung lässt jedoch über seine ursprüngliche Entstehungszeit keinen Zweifel: Offensichtlich wurde hier einer der berühmten sog. Mähnensphingen Amen-em-hats III. aus der 12. Dynastie (ca. 1853-1806 v.Chr.) stilistisch gründlich überarbeitet. Bei dieser Gruppe von Sphinxfiguren ist der menschliche Anteil in der Darstellung auf das Gesicht reduziert, das von einer mächtigen Mähne und Löwenohren gerahmt wird. Die Mähne des Löwen ist allerdings später abgearbeitet worden. An ihrer Stelle sitzt nun das Königskopftuch mit der Uräusschlange. Auch die individuellen Gesichtszüge des Herrschers aus dem Mittleren Reich wurden verändert und zu stilisierten Zügen eines jugendlich aussehenden Ramses abgemildert. An der Flanke des Tieres lassen sich gut die charakteristischen Spuren erkennen, die von der Tilgung der (sekundären) Beschriftung eines der verfemten Hyksos-Könige herrühren – ein Merkmal, das bei mehreren Statuen dieser besonderen Gruppe auffällt, die heute im Ägyptischen Museum Kairo ausgestellt sind.

Abb. 5: Sphinxstatue Amen-em-hats III., überarbeitet in der Zeit Ramses’ II.

Über eine kleine Marmortreppe gelangt man in den erfreulich hellen Ausstellungsraum, und eine überraschende Vielfalt qualitätvoller Exponate zieht sogleich die Aufmerksamkeit auf sich. In der ersten zentralen Vitrine sieht sich der Besucher dem gut lebensgroßen Kopf einer Würfelstatue aus dunkelrotem silifizierten Sandstein gegenüber. Das ungewöhnliche Stück besitzt einen detailliert und hoch plastisch ausgearbeiteten Skarabäus auf dem Scheitel seiner ornamentalen Löckchenperücke. Die Rückenpfeilerinschrift nennt den Auftraggeber: Der Bastet-Priester Wa-ka-ra-men. Der Mann mit dem unägyptisch klingenden Namen dürfte ein Angehöriger der libyschen Oberschicht in der 22. Dynastie gewesen sein und spielte wohl im nahe gelegenen Bubastis (Tell Basta) eine wichtige Rolle. Der Herrschername Wa-sa-ar-ken, besser bekannt als „Osorkon", ist ebenfalls libyschen Ursprungs und gehört in dieselbe Zeit („Dritte Zwischenzeit", ca. 1070-712 v.Chr.).

Abb. 6: Kopf der Würfelstatue des Wa-ka-ra-men aus Tell el-Maskhuta mit Skarabäus, 22. Dynastie

Der Kopf ist ein sehr seltenes Beispiel für die unterägyptische Bildhauerschule aus der Zeit, als Ägypten zum ersten Mal nach der Hyksos-Zeit (in der „Zweiten Zwischenzeit") wieder von Fremden beherrscht wurde. Noch längst sind nicht alle Fragen zu dieser geschichtlichen Periode geklärt, die die Verbindung zwischen der imperialen Phase des pharaonischen Ägypten, dem Neuen Reich und der der Spätzeit, d.h. der Zeit der wechselnden Fremdherrschaften, herstellt. In der Kunstgeschichte Altägyptens ist gerade dieses Kapitel bislang arg vernachlässigt worden. Man sollte sich schon aus diesem Grund den qualitätvollen Kopf genau ansehen.

Abb. 7: Der Innenraum des Museums

Alles in diesem Ausstellungsraum ist hell und freundlich. Der Boden ist mit weißen Steinplatten belegt, und die schlicht gehaltene Rückseite der Pfeiler stützt die hohe Decke. Das Tageslicht fällt abgemildert durch die großen Milchglas-Fenster in den Raum und wird punktuell verstärkt durch Spots – ein Arrangement, wie man es bei weitem nicht in allen Museen Ägyptens (und anderen Ländern!) findet. Dafür übersieht man gerne, dass die Beschriftung der Objekte bzw. ihre zeitliche Einordnung im Museum nicht unbedingt mit dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand unserer Zeit mithalten kann.

Abb. 8: Ibis-Sarg aus Tuna el-Gebel (Spätzeit)

In einer Reihe von historischen holzgerahmten Glaskästen finden sich die unterschiedlichsten Artefakte. Dies hat damit zu tun, dass das Museum nicht wie außerägyptische Museen seine Bestände durch Neuerwerbungen abrunden kann, sondern überwiegend regionale Funde ausstellt und solche, die ihm von der Zentralverwaltung in Kairo zugewiesen wurden. Vereinzelt sind mittelägyptische Fundplätze vertreten, wie sich beispielsweise an einem gut erhaltenen spätzeitlichen Ibis-Sarg aus Tuna el-Gebel zeigt. Der hölzerne Körper des Tieres ist hohl und für die Aufnahme einer Vogelmumie gedacht. Sicher war er einmal mit Stuck überzogen und bemalt. Die übrigen Teile bestehen aus heute eingedunkelter Bronze. Die hohlen Augen, die ihre wahrscheinlich aus Glas bestehende Einlage verloren haben, rufen tatsächlich den Eindruck eines Vogelskeletts hervor. Eine dicht beschriftete Würfelstatue („Würfelhocker") eines Amun-Priesters namens Anch-ef-en-Chons aus der frühen Ptolemäer-Zeit (um 300 v.Chr.), die ursprünglich im Karnak-Tempel aufgestellt war und aus dem Ägyptischen Museum Kairo hierher geschickt wurde, nimmt sich fast wie ein exotischer Gast aus dem fernen Oberägypten aus.

Abb. 9: Würfelstatue des Anch-ef-en-Chons aus Karnak (Ptolemäer-Zeit)

Zu beiden Seiten des Ausstellungsraumes sind Wand- und Tischvitrinen aufgestellt, in denen sich wichtige rundplastische und flachbildliche Werke aus der Zeit des Mittleren Reiches bis in die Ptolemäer-Zeit befinden. Angeblich besitzt das Museum rund 4000 Objekte, eine Zahl, die dem Besucher hoch gegriffen erscheint. Tatsächlich sind aber eine Unmenge von Skarabäen und anderen kleinen Amuletten aus Fayence, Steatit oder Glas vorhanden, die nicht sofort auffallen. Jedes dieser Objekte besitzt natürlich eine eigene Inventarnummer, wodurch die Richtigkeit der Gesamtzahl nicht völlig ausgeschlossen erscheint. Unter den Stelen fällt eine ungewöhnliche, offenbar „archaisierende" Votivstele mit einer halbplastischen Darstellung der Osiris-Familie auf, die in die 26.-30. Dynastie datiert werden kann.

Abb. 10: Votivstele mit hochplastischer Darstellung der Osiris-Familie (Spätzeit)

Die Ikonographie und Stilistik dieser Zeit greift gerne auf Vorbilder längst vergangener Epochen zurück. Der Totengott Osiris erscheint hier nicht, wie so oft, als eng von Binden eingehüllte Mumie, sondern wie ein vorgeschichtliches Götterbild mit nur einem Lendenschurz mit Phallustasche bekleidet und trägt über seiner langen Götterperücke die mit Straußenfedern geschmückte Atef-Krone.

Abb. 11: Polychrome Mumienmaske, Römerzeit (1.-2. Jh. n.Chr.)

Einen echten Blickfang stellen die leuchtend bunt bemalten Mumienmasken dar. Sie stammen aus der römischen Periode und vereinen auf charakteristische Weise die traditionelle ägyptische Totenikonographie mit Stilelementen aus der Kaiserzeit. Eine überraschend reiche Sammlung von Goldamuletten, die als magischer Schutz zwischen die Wickelungen menschlicher Mumien gelegt wurden, zeugt ebenfalls vom Aufwand, der bei den Bestattungen hochstehender Persönlichkeiten betrieben wurde. Von dem Luxus, der diese Menschen zu Lebzeiten umgab, vermittelt der hier ausgestellte feine Goldschmuck einen guten Eindruck. Eine besonders auffällige Gruppe kostbarer blauer Glasgefäße mit regenbogenfarben-opalisierendem Glanz darf ebenso zu den schon damals besonders wertvollen Objekten gerechnet werden, die sich insbesondere bei der römischen Oberschicht großer Beliebtheit erfreuten.

Abb. 12: Glasgefäß mit irisierendem Schimmer (1. Jh. n.Chr.)

Die Mitte des Ausstellungsraumes wird von einem großen vielfarbigen Fußbodenmosaik aus dem 3.-4. Jh. n.Chr. dominiert. Dieses detailreich und phantasievoll komponierte Bild zeigt in zwei übereinanderliegenden Registern Motive aus der griechisch-römischen Mythologie. Oben sind die Protagonisten der unglücklichen Geschichte von Theseus, Phädra und Ariadne zu sehen. Im unteren Bildfeld ist links der Gott Dionysos auf einem von Kentauren gezogenen Wagen zu erkennen. In seiner Nähe lassen sich weitere Gottheiten und mythologische Figuren, wie z.B. Herakles und Eros, sowie Satyrn und Mänaden ausmachen.

Ein Rahmen, in den die verschiedensten bunten Vögel eingesetzt sind, und eine griechische Inschrift fassen alles zusammen. Das Mosaik ist eines der schönsten und am vollständigsten erhaltenen, die je in Ägypten gefunden wurden. Entlang der Wände finden sich größere Statuen bzw. Fragmente frei aufgestellt, wie der lebensgroße Marmortorso eines Heros (?), der sich an die Formen der griechischen Hochklassik anlehnt.

Abb. 13: Fußbodenmosaik mit Darstellung des Dionysos- und des Theseus-Sagenkreises (3.-4. Jh. n.Chr.)

Es finden sich auch bedeutende Beispiele römischer Porträts des 2. Jh.s n.Chr., darunter der bärtige Kopf eines Mannes, der vermutlich das zeitgenössische Herrscherbildnis des Kaisers Hadrian reflektiert. Überhaupt sind Funde aus der Römerzeit im Ismailia-Museum reich vertreten. Sie veranschaulichen die Einbindung Ägyptens in das römische Reich, als nach der Seeschlacht von Actium (31 v.Chr.) und dem Tod Kleopatras VII. und ihres Gemahls Marcus Antonius im Jahr darauf das Land am Nil eine römische Provinz geworden war. Dazwischen sind aber auch immer wieder bedeutende altägyptische Statuen zu entdecken, wie z.B. das Oberteil einer lebensgroßen privaten Sitzfigur des hohen Mittleren Reiches (um 1800 v.Chr.). Wie auch in diesem Fall, lässt die Präsentation der ausgestellten Artefakte noch zu wünschen übrig. Viele von ihnen wurden bereits im 19. Jh. entdeckt und bisher nicht oder nur ungenügend publiziert. Ein Katalog des Museums fehlt bislang, wie überhaupt ein großer Teil der Exponate nirgendwo erwähnt oder abgebildet ist.

Abb. 14: Männlicher Torso (Heros?), Marmor, 2. Jh. n.Chr.

Dem soll nun aber abgeholfen werden. In Zusammenarbeit mit den ägyptischen Behörden hat sich unlängst ein neues Projekt begründet, dessen Ziel die Veröffentlichung der wichtigsten Bestände der kleineren Museen des Nildeltas durch eine Reihe von Katalogen ist und das am Seminar für Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas der Humboldt-Universität zu Berlin angesiedelt ist (Projekt M.i.N. – Museen im Nildelta).

Unter der Leitung von Prof. Dr. Mohamed I. Bakr, dem ehemaligen Präsidenten der ägyptischen Altertümerverwaltung, der selbst ein Absolvent des traditionsreichen Berliner Institutes für Ägyptologie der Humboldt-Universität (damals in der DDR) ist, studieren nun deutsche Wissenschaftler die alten Inventarbücher der Museen und vermessen und photographieren die Statuen und Reliefs, Gefäße und Amulette, Kultgeräte und Mumienmasken. Die so gewonnenen Daten werden sodann in eine Datenbank eingespeist. Die dadurch entstehenden digitalen Inventarkarten bilden die Grundlage für einen Bestandskatalog, der alle vor Ort verfügbaren Informationen über die einzelnen Stücke enthält. Diese Arbeit ist die Grundlage für die vertiefte Beschäftigung mit den wertvollen Exponaten. Für die Erstellung eines wissenschaftlichen Kataloges ist zusätzlich ein umfangreiches Literaturstudium notwendig, wobei die verfügbaren Grabungsberichte und sachbezogenen Artikel in Fachzeitschriften auf Hinweise auf den archäologischen Kontext der Objekte durchkämmt werden müssen. In einigen Fällen können auch die unveröffentlichten Aufzeichnungen der an den ägyptischen Grabungen beteiligten Inspektoren des Antikendienstes herangezogen werden. Insbesondere die Erschließung dieses Materials stellt eine Herausforderung dar, wobei die gute Zusammenarbeit des deutschen Teams mit den ägyptischen Archäologen vor Ort sehr wichtig. Die Arbeit des Projektes konzentriert sich derzeit auf den Bereich der Ostdelta-Kapitale Zagazig, wo z.B. im Museum der Universität wichtige Funde aus Bubastis und aus der frühgeschichtlichen Nekropole von Kufur Nigm aufbewahrt werden. Doch auch das Museum von Ismailia steht auf dem Plan der Forscher. Einstweilen warten die Kostbarkeiten in diesem Museum noch darauf, von neuem entdeckt und einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht zu werden.

Für einen Besuch sollte man ruhig einen ganzen Tag einplanen. Die Öffnungszeiten sind täglich von 9-16 Uhr. Ein Restaurant oder einen Museumsshop gibt es zwar nicht, aber im Hotel Mercure, wenige Minuten entfernt am Timsah-See gelegen, kann man zu Mittag essen und sich an dem sauberen Strand ein wenig erholen. Am Nachmittag lohnt ein Spaziergang durch die Stadt mit ihren Villen aus der Zeit des Kanalbaus oder ein Ausflug auf die Sinaiseite – mit der Autofähre über den Suez-Kanal. Die Geleitzüge der großen Containerschiffe kommen täglich zweimal auf ihrer Fahrt zwischen Asien und Europa in beiden Richtungen an Ismailia vorbei. Somit gibt es sicher mehr als einen Grund, bei der nächsten Reise nach Ägypten Ismailia und sein schönes Museum nicht zu vergessen.

Dr. Helmut Brandl, Projekt M.i.N. – Museen im Nildelta

Literatur:

Zu den Funden in der Region um Ismailia allgemein: B. Porter und R. Moss, Topographical Bibliography of Ancient Egyptian Hieroglyphic Texts, Reliefs, and Paintings. IV. Lower and Middle Egypt. Oxford, 1934, S. 52-55

Zu den Ausgrabungen in Tell el-Maskhuta: E. Naville, The Store-City of Pithom, London 1903

Zu Funden während des Baus des Suezkanals: J. Clédat, Rapport sur l’isthme de Suez (monuments divers), in: Recueil des Travaux XXXVI, 1914, 103-112

Zum Ismailia-Sphinx: H. Sourouzian, in: Stationen. Beiträge zur Kulturgeschichte Ägyptens. Rainer Stadelmann gewidmet. Mainz, 1998, S. 407-423

Im Internet finden Sie mehr über das M.i.N-Projekt unter der Adresse: http://http://www.project-min.de/. Die Arbeiten werden unterstützt durch die Studiosus Foundation e.V.: http:// www.studiosus-foundation.org. Nützliche Reiseinformationen zum Thema Ismailia finden Sie auch unter: http://www.touregypt.net/ismailiatop.htm